Zeitung Heute : "TV 3" mischt als erster privater TV-Sender die alpenländische Medienlandschaft auf

Alexandra Stark

Seinem Programmstart am 6. September hat sich der private Fernsehsender TV 3, der zu jeweils fünfzig Prozent dem Zürcher Haus Tages-Anzeiger und der Scandinavian Broadcasting Systems gehört, etwas Spezielles einfallen lassen: 16 Auserwählte werden 45 Tage lang auf eine Insel vor Malaysia ausgesetzt, wo sie sich durchschlagen müssen. In jeder Folge der "Doku-Soap" wird ein Teilnehmer nach Hause geschickt - am Schluss bleibt der strahlende Sieger: "Robinson".

Für eine gute Soap braucht man indes gar nicht nach Malaysia zu fahren. Die Medien-Insel Schweiz bietet Stoff genug: Gutaussehende Moderatorinnen und Moderatoren, die ihre Brötchengeber reihenweise verlassen, Neid, Missgunst, cholerische Chefs - und viel Geld. Das Beste daran: Um eine Fortsetzung braucht sich niemand zu sorgen.

Mitte März 1999 bewilligte der Schweizer Bundesrat die Konzessionen für TV 3, den ersten nationalen Privatsender mit deutschsprachigem Vollprogramm, und ein Schweizer Programmfenster von RTL/Pro 7. Damit wird die Schweizer Medienlandschaft neu aufgemischt. Denn die seit Jahren gespielte "Medien-Reality-Soap" unter dem Titel "David gegen Goliath" mit dem öffentlich-rechtlichen Anbieter SRG SSR idée suisse und dem Schweizer Privatradio und Fernseh-Pionier Roger Schawinski in den Hauptrollen drohte langweilig zu werden.

Ohne Schawinski wäre die Öffnung der Schweizer Medienszene wohl kaum so schnell möglich gewesen. Anfang der achtziger Jahre begann sich der Medienpirat Schawinski gegen das Medienmonopol der öffentlich-rechtlichen Anstalten in der Schweiz zu wehren. Auf dem Pozzo Groppera, gleich hinter der italienisch-schweizerischen Grenze, baute er sein illegales Radio 24 auf und sendete in die Schweiz hinein, was nach jahrelangem Streit schließlich zur Legalisierung und zu einem Boom bei den Privatradios führte. Schawinski langweilte sich aber bald und stellte Tele Züri auf die Beine, den ersten regionalen Fernsehsender der Schweiz. Seit Oktober 1994 deckt er die Region Zürich mit einem zweistündigen lokalen Programm ein, das mehrmals am Tag wiederholt wird. Bald wurden auch in anderen Regionen ähnliche Projekte auf die Beine gestellt, aber keins konnte bis heute an den Erfolg von Schawinski anknüpfen. Beflügelt von seiner Idee, gründete Schawinski nach dem selben Konzept Tele 24, das seit Oktober 1998 auf nationaler Ebene, aber nicht als Vollprogramm ausgestrahlt wird.

Mit der Konzessionierung von TV3 und dem Schweizer Fenster von RTL/Pro 7 in den Programmen von RTL und Pro 7, an dem die beiden deutschen Sender zu je 25 Prozent beteiligt sind, fühlt sich Schawinski in die Ecke gedrängt. Sein Konzessionsantrag für regionale Fenster innerhalb seines Tele 24 wurden vom Bundesrat abgelehnt. Mit den grossen Anbietern kann Schawinski allein aus finanziellen Gründen nicht mithalten.

Seine Idee für regionale Fenster wäre der einzige Ausweg gewesen, eine breitere Abstützung in den Regionen und damit höhere Zuschauerzahlen zu bekommen. Denn ausserhalb Zürichs ist Tele 24 als zu Zürich-lastig verschrien. Der Bundesrat hingegen befürchtete einen für die regionalen Sender ruinösen Wettbewerb. Schawinski warf dem Bundesrat vor, mit dem Nein zu seinem Regionalisierungkonzept eine "völlig unzulässige Strukturerhaltungspolitik" zu betreiben. Die multimedialen Monopole in einigen Regionen seien unzeitgemäß, sagte Schawinski weiter. Es sei eine nicht sehr kohärente Medienpolitik, wenn im nationalen Bereich die Medienvielfalt ermöglicht werde, aber in den Regionen, wo die Situation besonders sensibel sei, die Monopole der Medienunternehmen zementiert würden. Schawinski sucht sein Heil nun in Kooperationen mit regionalen Sendern, zum Beispiel mit Tele Südostschweiz, das in Chur beheimatet ist.

Zudem muss Schawinski nun zusehen, wie seine Star-Moderatoren plötzlich mit lukrativen Angeboten überhäuft werden und erst noch die Chance bekommen, nationale Stars zu werden. Es fehlt auch nicht an Seitenhieben gegen die neuen Konkurrenten: "Die von TV 3 müssen ziemlich verzweifelt sein, dass sie vor solchen Methoden nicht zurückschrecken", sagt er und bezeichnet die Abwerbungs-Methoden als "empörend und skandalös". Denn die Konkurrenten sind pikanterweise auch Partner. TV 3 gehört zum Tages-Anzeiger, die wiederum an Tele Züri beteiligt sind.

Von diesem Hin und Her profitieren die Moderatoren. Rund 200 neue Stellen wird es für sie in der Deutschschweiz geben, wenn alle Kanäle auf Sendung sind. Im Gespräch sind immer wieder dieselben bekannten und profilierten Leute. Gute Leute, so unisono die Personalverantwortlichen der Privaten, sind nur sehr schwer zu finden. Um doch noch gutqualifizierte Leute überhaupt zu einem Gespräch einladen zu können, locken TV3 und RTL/Pro 7 mit bis zu 30 Prozent höheren Löhnen als der öffentlich-rechtliche Sender SRG SSR ideé suisse, heisst es in der Branche.

Der Markt in der Schweiz ist klein, zu klein für so viele Konkurrenten. Analog zur TV 3-Doku-Soap werden ein paar die Insel Schweiz verlassen müssen - freiwillig hat sich bisher noch keiner gemeldet.

Private TV-Veranstalter in der Schweiz

Tele 24: Seit Herbst 1998 auf Sendung. Investitionen von elf Millionen Franken (13,5 Millionen Mark), laufende Kosten 22 Millionen, 150 Angestellte.



Sat 1-Fenster: Seit Herbst 1998 strahlt der Sender unter dem Namen "live ran" Schweizer Fußballspiele aus. Budget: 18 Millionen Franken, 30 Angestellte.



RTL/Pro 7-Fenster: Startet am 16. August 1999 mit Nachrichtensendung, Boulevard-Magazin und Talk-Show. Budget: 20 Millionen Franken, 50 Angestellte.



Presse TV: Wöchentliches Programmfenster der Verleger auf SF2 mit einem Budget von 17 Millionen Franken.



TV3: Vollprogramm ab 6. September als Joint-Venture des Verlags TA-Media und der luxemburgischen Scandinavian Broadcasting System. Budget: 70 Millionen Franken, 80 Angestellte.

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