Zeitung Heute : "TV.Berlin" ballt die Faust im Raum

Joachim Huber

Private Regionalsender ab 2000 mit gemeinsamer Vermarktung und einem Programm?Joachim Huber

Sie heißen "Franken Fernsehen", "Saar TV", "Hamburg 1" oder "TV.Berlin" - und sie haben alle ein Problem: Sie kosten ihre Anteilseigner viel Geld. Zuviel offensichtlich, denn mehr als ein Dutzend der sogenannnten Ballungsraum-Sender schlüpft zum 1. Januar 2000 unter ein Dach. Ein Dach, das hälftig aus gemeinsamer Vermarktung, hälftig aus einem gemeinsamen Programmschema besteht. Der Vermarkter heißt Media 1, ist eine Sat 1-Schwester und voller Optimismus: "Mit der gemeinschaftlichen Vermarktung der Ballungsraumsender ist es uns gelungen, eines der letzten Wachstumsfelder im Free-TV zu erschließen", lässt sich Geschäftsführer Klaus-Peter Schulz zitieren.

Das Prinzip ist eindeutig. Den Werbekunden wird werktags von 16 Uhr bis 22 Uhr 30, insgesamt 35,5 Stunden je Woche, eine vertikal wie horizontal einheitliche Programmstruktur bei allen Sendern geboten. Jutta Kehrer, Media & Kommunikation Media 1, sieht darin "eine Garantie für den Werbetreibenden, mit seinem Spot punktgenau bei seiner Zielgruppe zu landen - im Kleinen wie im Großen". Denn darin liegt der Witz, über die einzelne Schaltung bei einem Sender hinaus über sieben verschiedene Standard-Kombinationen bis zu einer Reichweite von beinahe 20 Millionen TV-Zuschauern zu kommen, wie sie die "Deutschland-Network"-Kombination offeriert. Entsprechend liegen die Durchschnittspreise je 30-Sekunden-Spot zwischen 660 und 4800 Mark. Eine Werbemaßnahme kann so von unten nach oben und von oben nach unten dekliniert werden, sprich ein Spot eines lokalen Autohauses mit dem Image-Auftritt einer Automarke verbunden werden. Mit lokaler, regionaler Werbung allein kann Ballungsraum-Fernsehen nicht finanziert werden, benötigt wird supraregionale, am besten nationale Werbung. "Die Vermarktung über Ballungsraum-TV", sagt Kehrer, "ist für den einzelnen Sender der Schlüssel zum Erfolg".

Der entschlossene Auftritt gegenüber der Werbewirtschaft zwingt die Sender in ein standardisiertes Programmschema. Alle Stationen haben sich nach Aussage von Media 1 vertraglich verpflichtet, dass sie ab dem 1. Januar zum Beispiel montags um 16 Uhr eine Krimiserie ausstrahlen werden, die Punkt 16 Uhr 10 und Punkt 16 Uhr 25 für eine Werbeinsel unterbrochen wird. Zu jeder vollen Stunde muss ein "News-Magazin" stattfinden, um 20 Uhr 30 läuft bundesweit Sport, um 21 Uhr folgt eine Action-Serie. Erst um 22 Uhr 30 ist der jeweilige Sender "vogelfrei" (Kehrer). Das Mantel-Programm soll aus Sat 1-Eigenproduktionen bestehen, wobei die Betonung auf "soll" liegt. Sicher wird die eine oder andere Sendung aus dem gewaltigen Programm-Stock der Kirch-Gruppe kommen. Außerhalb des genreharmonisierten Programmes sind die Stationen frei in der Programm-Gestaltung, zwischen 17 Uhr und 20 Uhr 30 sollen sie mit ihrer Kernkompetenz, der regionalen Information, prunken können.

Die Strenge der Vorgaben lässt nicht alle Media-Partner jubilieren, selbst wenn unisono nur in der Akquise nationaler Werbung die Chance zur Refinanzierung gesehen wird. Georg Gafron, Programm-Geschäftsführer von "TV.Berlin", versieht bereits das Prinzip "Ein Sender, eine Stimme bei Ballungsraum-TV" mit einem Fragezeichen: "Im Großraum Hamburg leben so viele Menschen wie in Berlin PKWs angemeldet sind". Gafron nennt Media 1 schlicht einen "Vermarkter, keinen Programmdirektor". Das "A und O" von "TV.Berlin" sei die regionale Identität für Berlin und seinen "Speckgürtel", "das Lebensgefühl für München ist doch ganz anders". Das gelte insbesondere für die regional gefärbte "Prime-Time", sprich für die einschaltstärksten Programmstrecken am Vorabend und am frühen Abend, zugleich auch für das fiktionale Angebot eines Programms. Jutta Kehrer konnte, wollte nicht sagen, mit welcher Serienware Media 1 die Sender ab 1. Januar bestückt. Gafron jedenfalls sagt ja zur "Harmonisierung" und nein zur "Vermischung von Programmen". Der Diskussionsprozess unter den Sendern sei noch in keiner Weise abgeschlossen, "das durchharmonisierte Programm nach den Vorstellungen von Media 1 wird es bei TV.Berlin zum 1. Januar 2000 nicht geben". Gafron muss fürchten, dass "TV.Berlin", erst allmählich als privatwirtschaftlich getragene Konkurrenz zum öffentlich-rechtlichen SFB-Platzhirschen "B 1" erkennbar, in Auftritt und Anliegen verwischt wahrgenommen wird. Jede Änderung im Sendeablauf des Programms, das ja erst Ende August gestartet ist, will wohl überlegt sein.

Gafron betont, dass "Harmonisierung und Programmausbau Geld kosten". Dazu müsse sich der Vermarkter verhalten. Urteil des Programm-Geschäftsführers: "Wir sind noch lange nicht dort, wo die Sache kocht".

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