TV-Duell : Stück für Stück

Roland Koch und Andrea Ypsilanti sind in einem TV-Duell gegeneinander angetreten. Kompetenz gegen Sympathie - das ist die Grundlage dieses Wettstreits. Wer hat gesiegt?

Stephan Haselberger
Fernseh-Duell Roland Koch - Andrea Ypsilanti
Roland Koch (CDU) und Andrea Ypsilanti (SPD): Erstmals liefern sich vor einer Landtagswahl in Hessen die Spitzenkandidaten im...Foto: ddp

Frankfurt am MainWenn man das Mienenspiel von Anke Koch jetzt nicht völlig falsch deutet, dann kann das kein strahlender Sieg gewesen sein. Ihrem Mann Roland, dem amtierenden Ministerpräsidenten, hatte sie noch einen Rat mitgegeben ins Studio 1 des Hessischen Rundfunks: „Ich habe versucht, ihm zu sagen, er soll er selbst bleiben.“ Nun aber steht Anke Koch im Studio nebenan, wo die Journalisten nach der Sendung auf ihren Mann warten, und macht ein Gesicht wie 1000 Tage Regenwetter.

Dabei ist es gar nicht so, das Roland Koch den Rat seiner Frau nicht befolgt hätte während des 90-minütigen TV-Duells mit Andrea Ypsilanti, jener linken SPD-Politikerin, die sich in den vergangenen Wochen als unerwartet gefährliche Gegnerin für den Regierungschef erwiesen hat. Als gefährlich sympathisch zum Beispiel. Und als gefährlich telegen. Beides bringt man nicht unbedingt mit dem Namen Koch in Verbindung. Es ist so gesehen also ein ziemlich ungleicher Wettstreit, zu dem Koch pünktlich um zwölf Uhr mittags antreten und den er klar gewinnen muss, um den Stimmungsumschwung zu Gunsten der SPD zurückzudrehen.

Koch laboriert seit Weihnachten mit einer schweren Bronchitis, er ist heiser, seine Augen wirken geschwollen, aber auf einen Mitleidsbonus kann er nicht hoffen. Die von ihm losgetretene Ausländer- und Jugendgewaltdebatte hat seinen persönlichen Beliebtheitswerten schwer zugesetzt, vor allem seine Glaubwürdigkeit hat gelitten. Es ist, als trauten die Wähler Koch zwar zu, das Land zu regieren. Aber zugleich auch jede Schweinerei.

Im blau ausgeleuchteten Studio 1 steht Koch links, Ypsilanti rechts, er trägt einen dunklen Anzug und Krawatte, sie einen dunklen Anzug und eine Kette im Dekolleté. Zwischen den Duellanten haben die Moderatoren Claudia Schick und Alois Theisen Aufstellung genommen, um den Schlagabtausch mit ein paar spitzen, manchmal überspitzten Fragen am Laufen zu halten. Die erste geht an Ypsilanti und zielt auf einen angeblich „orkanartigen Gegenwind“, entfacht vom früheren Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Der hatte am Wochenende davor gewarnt die SPD zu wählen, weil Ypsilantis Energiepolitik den Standort zurückwerfe. Die Kandidatin ist vorbereitet, ihre Antwort wirkt eingeübt. Sie stellt Clement als Lobbyisten der Atomindustrie dar: „Er steht auf der Gehaltsliste von RWE, da kann er nicht anders.“ Es ist im Grunde das gleiche Verfahren, mit dem sie im weiteren Verlauf auch Koch wiederholt angreifen wird, wenn sie unter Druck gerät: Die persönliche Glaubwürdigkeit des Kontrahenten wird dann in Zweifel gezogen, zum Beispiel beim Thema Jugend und Ausländerkriminalität.

Koch wiederum muss sich zu Beginn der Frage stellen, ob er sich mit seiner Kampagne zu Jugend- und Ausländerkriminalität nicht „ins eigene Knie geschossen“ hat. Auch Koch hat eine vorbereitete Antwort in petto, spricht von schwankenden Sympathiewerten in der Schlussphase eines Wahlkampfes und gibt sich zuversichtlich, dass am Ende „in der Sache“ entschieden werde. Dann stimmt er die Schlussmelodie des CDUWahlkampfes an: Die Warnung vor einem Linksbündnis von SPD, Grünen und Linkspartei.

So weit ist das alles nicht sonderlich überraschend. In der darauf folgenden Stunde gehen der Kandidat und seine Herausforderin noch die Themen Bildung, Integration, Verkehr, Wirtschaft und Arbeit, Energie- und Finanzpolitik durch. Ypsilanti, die zu Beginn nervös wirkt und sich verhaspelt, wird schon beim Bildungsthema sicherer. Koch ist die Anspannung vor allem anzumerken, wenn er nicht spricht. Dann fängt die Kamera manchmal ein, wie er seinen typischen Koch-Flunsch zieht oder unwillig auf die Unterlagen auf seinem Rednerpult blickt.

Und dann ist da die Sache mit der Waschmaschine, die für manchen Zuschauer vielleicht mehr aussagt, als alle Fachdiskussionen. Es geht um Ypsilantis Ankündigung, massiv in die erneuerbaren Energien einzusteigen, ein Thema bei dem Koch glaubt, seine Herausforderin durch die Mangel drehen zu können. Das SPD-Energiekonzept sehe vor, dass die Menschen zuweilen ihre Waschmaschinen abschalten müssten, ätzt Koch. Für einen Moment sieht es so aus, als habe er einen echten Treffer gelandet. Aber dann zieht Ypsilanti die dunklen Augenbrauen hoch, lächelt ironisch und sagt: „Ich verspreche allen Menschen, die uns wählen, dass sie ihre Waschmaschinen nicht abschalten müssen.“

Kompetenz gegen Sympathie – das ist die Grundlage dieses Wettstreits, und die Kontrahenten wissen um die Schwächen ihrer Gegner. Beim Ausbau des Frankfurter Flughafens zum Beispiel, gelingt es Koch, die Sozialdemokratin in die Ecke zu drängen. Hier stehen 40.000 neue Arbeitsplätze gegen ein Nachtflugverbot, aber Ypsilanti will partout nicht sagen, was für sie im Zweifel Vorrang hat. Auch bei der Finanzierung ihrer zahlreichen Wahlversprechen bleibt sie vage. Dafür punktet sie als mitfühlende Mutter eines zwölfjährigen Sohnes beim Thema Schulpolitik und der in Hessen unbeliebten Verkürzung der Gymnasialdauer auf acht Jahre: „Isch weiß wovon isch rede“, sagt Ypsilanti in ihrem hessischen Dialekt. Als Mutter spricht sie auch, als es um die Bedenken gegen die Abschaltung der Atomkraftwerke Biblis A und B geht: Den kommenden Generationen eine derart gefährliche Technologie zu hinterlassen sei einfach unverantwortlich. Dagegen kommt Koch ebenso wenig an, wie gegen ihre zunehmend siegessichere Ausstrahlung.

Wer nun der Sieger war? Wenn es allein um die Sache ginge, wie Koch hofft, dann hätte er dieses Duell vielleicht mit einem leichten Vorsprung gewonnen. Ypsilanti als regierungsunfähig erscheinen zu lassen – das ist ihm allerdings nicht gelungen. Bei der SPD sind sie sich deshalb ziemlich sicher, dass die Erfahrung aus früheren TV-Duellen gilt: Anders als beim Boxen fällt bei einem Unentschieden der Sieg dem Herausforderer zu.

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