Zeitung Heute : Typenatlanten: Neues vom Traum in Grün

Raoul Fischer

Ein Traum in Dunkelgrün mit hellem Leder: Der Mercedes 280 SE aus dem Jahr 1969 hat etwas Majestätisches. Die Kotflügel laufen in länglichen Scheinwerfen aus, dazwischen wölbt sich die Motorhaube. Eine Limousine mit elegantem Schwung. Damals, Anfang der 70er Jahre besaß eine Nachbarin ein Exemplar dieses Modells, im Fachjargon Baureihe W 108 genannt. Manchmal setzte die adelige Dame ihren schwarzen Hut auf und schipperte langsam die Allee zum Schloss des Heimatortes hoch, das damals wie heute ein Hotel war. Nach einer Tasse Tee glitt sie wieder zurück. So erzählte es ihr Sohn in der Schule, um seinen Klassenkameraden zu imponieren.

Welches Jungenherz schlug da nicht höher? Ein solcher Schlitten konnte nur ausgestochen werden durch einen Mercedes 280 SL der Baureihe W 113, wegen seines komischen, nach innen gewölbten Daches "Pagode" genannt. Oder durch einen Porsche 911, kraftstrotzende Flunder für den wohlhabenden Wirtschaftswunder-Bürger. Nicht zu reden von einem Ferrari Testarossa, einem Jaguar XJ oder - dem Flügeltüren-Mercedes 300 SL (W 198 I) aus den 50er Jahren, schon damals eine Legende.

Träume aus Blech und Chrom, nach denen sich heute jeder umdreht - die wenigen Male, die sie noch zu sehen sind. Teure Träume, denn so ein 280er SL kostete schon Anfang der 70er Jahre 23 000 Mark (zum Vergleich: Ein VW-Käfer war schon ab 5000 Mark zu bekommen). Noch heute kostet ein gut erhaltener Oldtimer dieser Baureihe nicht weniger als 50 000 Mark, um von Versicherungs-, Werkstatt- und Benzinkosten gar nicht zu reden. Beträge, die den echten Freak nicht aufhalten. Für diejenigen jedoch, die nur ein wenig nostalgisch schwärmen möchten, hat der Delius Klasing Verlag eine Buchreihe aufgelegt, die für verschiedene Marken alle Typen seit Ende des Krieges auflistet. Erschienen sind bereits ein Mercedes-Typenatlas von Tim Cole und ein Porsche-Typenatlas von Marc Bongers.

Die Bücher enthalten eine kurzen Beitrag zur Geschichte: wie zum Beispiel 1926 aus Benz & Cie und Daimler Motoren Gesellschaft die Daimler-Benz AG wurde. Danach folgt eine nach Modellreihen geordnete chronologische Auflistung der Fahrzeugtypen, die kurz die Chrarakteristika und damaligen Neuheiten des entsprechenden Autos darstellt und eine Übersicht über die wichtigsten technischen Daten liefert.

Der Mercedes-Typenatlas endet mit dem 190er (W 201), der bis 1993 hergestellt wurde. Ein zweiter Band vom Modell W 124 (E-Reihe) bis zum SLR soll demnächst herauskommen, sagt Christian Ludewig vom Delius Klasing Verlag, noch in diesem Jahr erscheint ein Audi-Typenatlas. "Die Reihe soll ausgebaut werden", erklärt Ludewig. An einen Band für VW-Typen sei bereits gedacht. Die Bücher sind weniger für den Fachmann als den interessierten Laien gedacht. Der kann zum Beispiel den Typen des Porsche 911 suchen, mit dem er erstmals den Rausch erlebte, in sieben Sekunden von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigt zu werden. Vor 30 Jahren, als Autobahnen noch frei waren und die erste große Ölkrise noch bevorstand.

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