Zeitung Heute : Udo Walz macht den Kanzler

Der Tagesspiegel

Wie mächtig sind die Medien? In einem Wahljahr stößt man immer wieder auf diese Frage. Am Mittwochabend diskutierten in Berlin die Chefredakteure von vier großen deutschen Zeitungen über das Thema. Titel der Veranstaltung: „Wer macht den Kanzler? Die Medien im Wahlkampf“. Glaubt man den Podiumsgästen, Hans Werner Kilz („Süddeutsche Zeitung“), Michael Naumann („Die Zeit“), Ulrich Reitz („Rheinische Post“) und Michael Rutz („Rheinischer Merkur“), wird der Einfluss der Medien überschätzt. Ex-Kulturminister Naumann fasste zusammen: „Die Politiker glauben es, die Journalisten glauben es nicht. Und die Journalisten haben, wie immer, Recht.“

Die Nachfrage von Moderator Ernst Elitz, ob der „Spiegel“ nicht doch Kanzler gemacht habe, konterte Kilz, früher selbst Chefredakteur des Nachrichtenmagazins: „Der ,Spiegel’ hat höchstens Kohl zum Kanzler gemacht. Der wurde so oft wiedergewählt, weil die immer gegen ihn waren.“ Am Beispiel von Kohl lasse sich die weithin überschätzte Macht der Medien zeigen, ergänzte Reitz: „Er war 16 Jahre lang Kanzler, obwohl er sich fast die ganze Zeit den Gesetzmäßigkeiten der Medienbranche widersetzt hat.“ Auch die Rolle des Fernsehens sei nicht wirklich dominant. „Nehmen Sie Schröder. Er gilt als Fernsehkanzler, doch in den Umfragen liegt seit Monaten die Union vorn.“

Wahlentscheidend ist aus Sicht seines Kollegen Kilz, ob es der Opposition bis zum 22. September gelingt, eine Wechselstimmung zu erzeugen. „Vor vier Jahren hatten die Leute keine Lust mehr auf Kohl. Da hatte es Schröder leicht.“ Dessen damaliger Wahlkämpfer Michael Donnermeyer, heute Sprecher der Berliner Landesregierung und am Mittwoch im Publikum, stimmte den Diskutanten zu: „Die Rolle der Medien wird zwar immer wichtiger. Aber letztlich macht das Volk den Kanzler. Denn die Wähler sind viel schlauer als alle immer denken.“

Diese Theorien werden obsolet, wenn Unvorhergesehnes passiert. Ein Krieg gegen den Irak zum Beispiel bringt – aus Wahlkampfsicht – enorme Vorteile für Gerhard Schröder, weil in Zeiten außenpolitischer Bedrohung der Amtsinhaber die Medien dominiert und aus Staatsräson nicht angegriffen werden darf. Eine weitere Möglichkeit sei, wenn einem der Kandidaten in der heißen Phase ein großer Fehler unterlaufe, sagt Ulrich Reitz. Er wundert sich über Gerhard Schröders Klage gegen die Nachrichtenagentur ddp wegen der Behauptung, dass seine Haare gefärbt seien. „Hätte er gar nicht reagiert, hätte das fast keiner wahrgenommen.“ „SZ“-Chef Hans Werner Kilz sah darin die Antwort auf die Frage des Abends: „Dann wissen wir jetzt endlich, wer den Kanzler macht: Udo Walz!“Jörg Rößner

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!