Zeitung Heute : Über alle Antennen

Beim neuen Digitalfernsehen beginnt die heiße Phase. Erste analoge Sender werden abgeschaltet

Max von Demandowsky

Die Warnung ist unmissverständlich: „Hier wird abgeschaltet: Ab dem 28. Februar wird RTL über Ihre Antenne nur noch digital zu empfangen sein!“ Es ist Dienstag, 20 Uhr 15, die Lieblingsserie läuft. Seit mehreren Tagen bereiten die Sender in Berlin ihre Antennen-Zuschauer auf die endgültige Umstellung von analoger auf digitale Übertragung vor. Die Zeit drängt, denn ab März ist endgültig Schluss. Zumindest für die privaten TV-Sender RTL, Sat 1 und Pro7. RTL 2 ist bereits ins Digitalfernsehen gewandert.

Bisher konnten die knapp 150 000 Haushalte im Ballungsgebiet Berlin-Potsdam, die weder über einen Kabel- noch einen Satellitenanschluss verfügten, insgesamt acht Programme über die normale Zimmer- oder Dachantenne empfangen. Das ist nun bald vorbei. Zum Trost bleiben noch die vier öffentlich-rechtlichen Sender ARD, ZDF, ORB und SFB1, die bis zur Internationalen Funkausstellung Ende August 2003 weiterhin empfangbar bleiben. Allerdings auf erheblich schwächeren Kanälen.

Spätestens im Sommer stellt sich für den Nutzer der herkömmlichen Übertragungstechnik die Frage, ob ein Wechsel zu Kabel oder Satellit ansteht, oder eben weiterhin über Antenne ferngesehen werden soll. Um die neue digitale Empfangsqualität via Antenne genießen zu können, benötigt man einen Decoder, die so genannte Set-Top-Box. Oft nicht größer als eine handelsübliche Videokassette, wird die Box dann zwischen Antenne und TV-Gerät angeschlossen. Je nach Lage und Entfernung von den Sendemasten wird eine Zimmer, Dach- oder Außenantenne für den störungsfreien Empfang gebraucht. Derzeit wird der Sendebetreib auf dem Funkturm am Alexanderplatz (Foto) und auf dem Schäferberg umgestellt.

Erster Schritt auf dem Weg zum digital- terrestrischen Fernsehen, dem DVB-T, war die Digitalisierung der ersten acht Programme, parallel zur analogen Übertragung. Der nächste Schritt folgt nun in weniger als zwei Wochen. Ab März hat man die Möglichkeit, bis zu 24 Programme in digitaler Qualität empfangen zu können. Darunter Sender, welche vorher nur im Kabel oder über Satellit zu erhalten waren: Vox, Kabel1, Super RTL, N24, FAB, BBC, KiKa, Arte, Phoenix, MDR, NDR und WDR sowie die Programmangebote ZDF info und ZDF doku gehören dann zum Angebot von DVB-T. Doch auf die Wunder der neuen Technik sollte man sich nicht vollständig verlassen. Zur zweiten Stufe der Umstellung ist es für die Nutzer des digitalen Antennenfernsehens erforderlich, einen neuen Programmsuchlauf an der Set-Top- Box zu starten, weil die bisherigen Kanäle neu belegt werden. Teilweise geschieht dies zwar automatisch, aber nicht jede Box übernimmt diese Aufgabe in Eigenregie. In diesem Fall werden die neuen Programme einfach mittels des Sendersuchlaufes gesucht und neu angezeigt. Seit dem Start von DVB-T Anfang November wurden 70 000 Set-Top-Boxen verkauft. Noch einmal so viele Haushalte müssen sich entweder zum Kauf einer Box entscheiden oder sich über Kabel und Satellit versorgen lassen, soll der Bildschirm nach Einstellung des analogen Antennenfernsehens in Berlin im September bewegte Bilder zeigen.

Doch bereits zur Einführung von DVB-T konnte der Handel mit der Nachfrage nicht immer Schritt halten. Es kam zu wiederholten Lieferengpässen, Kunden ließen sich auf Wartelisten setzen, und hofften auf die Lieferung „ihrer Box“. Was passiert also, wenn die anderen 70 000 bis 80 000 „Antennengucker“ kurzentschlossen noch bis zum 28. Februar eine Box ergattern wollen? Michael Thiele, Sprecher der deutschen TV-Plattform, sieht es gelassen: „Der Ansturm wird noch größer sein, aber Industrie und Handel sind von uns vorbereitet worden.“

Mittlerweile sind fast 20 Anbieter am Markt vertreten. Die Geräte können in Elektrofachgeschäften oder in den Multimedia- und Fernsehabteilungen der Käufhäuser erworben werden. Die meisten der Boxen sind einfache Geräte zum reinen TV-Empfang, so genannte „free-to-air-Receiver“. Die Preise dafür fangen bei 179 Euro an, Tendenz fallend. Dekoder mit zusätzlichen Steckplätzen und Möglichkeiten zur interaktiven Kommunikation sollen im Sommer zum Angebot gehören. Auch Fernsehgeräte mit integrierter Set-Top-Box sollen bis zur Internationalen Funkausstellung Ende August auf dem Markt sein. Für den Bastler unter den Zuschauern bieten lediglich zwei Anbieter Nachrüstsätze für Fernsehgeräte an und diese auch nur für bestimmte Baureihen.

Alle Set-Top-Boxen verfügen grundsätzlich über eine elektronische Menüführung zur Programmauswahl (EPG) und je nach Hersteller auch über Videotext, Untertitel- und Timerfunktion, Sender-Suchlauf sowie über eine manuelle Kanaleinstellung. Zukünftig sollen alle zusätzlichen Programmhinweise und elektronische Kommunikationsmöglichkeiten über EPG erfolgen und dabei das alte VPS-Signal zur Video-Aufnahme ersetzen. Natürlich kann man seinen Videorekorder über das Scart-Kabel an die Box anschließen. Aufgenommen wird jedoch nur das Programm, das man ohnehin gerade schaut. Eine Alternative wären Twin-Receiver, die es noch nicht zu kaufen gibt. Und noch ein Ungemach ergibt sich: Bisher konnte der Videofreund das VPS-Signal nutzen, um die Aufnahme entsprechend später starten zu lassen. Zwar können die Set-Top-Boxen die VPS-Signale auch nach der Umstellung auf das Digitalfernsehen empfangen, bis auf wenige Ausnahmen wird das Signal jedoch nicht an den Videorekorder weitergegeben.

Eine Programmmierung per Showview, also mittels eines Zahlencodes für die Anfangs- und Endzeiten der Sendungen, ist bei DVB-T derzeit nicht möglich. Bleibt als Übergangslösung das Programmieren der Film-Favoriten via Timer-Funktion. Ist schlechte Stimmung bei den Antennenfreunden programmiert? Bernd Ruschinzik, Rechtsanwalt bei der Verbraucherzentrale Berlin, verneint: „Es gibt kaum Beschwerden.“ Bliebe noch die Frage, ob es Probleme beim Empfang von DVB-T durch eigene Zimmer- oder Dachantennen gibt. Uwe Haass von der Gesellschaft zur Förderung der Rundfunkversorgung bestätigt: „Alle Antennen sind digitaltauglich, es sei denn, man hat einen störenden Antennenverstärker, den sollte man ausschalten.“ Bleibt abzuwarten, wie sich die Brandenburger und Berliner bis zur Funkausstellung entscheiden. Wenn dann der letzte Sender von der analogen Übertragung eingestellt wurde, zeigt sich, wie erfolgreich DVB-T ist.

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