Zeitung Heute : Über alle Berge

Sie bringen Alkohol vom Irak nach Iran, 2005 starben dabei 500 Männer: eine Nacht bei den Schmugglern

Erwin Decker[Suleimanija]

Die Abendsonne färbt den verschneiten Gipfel des Berges Kabo rot. Diesseits der von den letzten Strahlen beleuchteten Westseite des Berges liegt der Irak, auf der schon dunklen Ostseite Iran. In der Senke unterhalb des Gipfels auf gut 2000 Metern Höhe sind 28 Maultiere angebunden. Genauso viele Männer sind damit beschäftigt, Kartons in Plastiksäcke zu nähen, die Lastsättel der Maultiere zu überprüfen und den Pickup zu entladen. Kaum einer redet. Man sieht, dass jeder seine Aufgabe kennt. Nun wird es auch hier dunkel, und die Temperatur fällt auf minus 15 Grad.

Die Männer schmuggeln Alkohol nach Iran, Nacht für Nacht bringen sie Whiskey, Bier und Sekt auf gefährlichen verschneiten Wegen durch die Berge in das islamische Land. Besitz, Handel und vor allem Konsum von Alkohol sind in dem Mullah-Staat streng verboten und werden sehr hart bestraft. Aber offensichtlich wollen immer mehr Iraner trotz Verbot Bier oder Whiskey trinken. Mansur Kanadie ist der Chef der Männer. Er hat sich am Umschlagplatz auf der irakischen Seite eine Schutzhütte gebaut, von der aus er den Schmuggel organisiert. Mit einem Satellitentelefon steht er mit seinen Abnehmern in Iran in Verbindung.

Mit Allrad angetriebene Pickups schaffen die Dosen und Flaschen die schmalen Pisten so weit wie möglich hinauf, bis sie dann in der Senke auf die Maultiere umgeladen werden. Die Wege hat Saddam Hussein während des jahrelangen Krieges gegen Iran anlegen lassen. Rechts und links von ihnen ist das gesamte Gelände vermint. Niemand wohnt in der Todeszone 20 Kilometer vor der Grenze.

Die Maultiere haben alle einen Futtersack umgebunden, damit sie vor der langen und beschwerlichen Reise noch einmal richtig fressen. Die Männer sind Kurden von beiden Seiten der Grenze. Sie kennen die Berge wie sonst niemand. Zu Zeiten Saddam Husseins führten sie einen erbitterten Krieg. Nur wenige von ihnen trinken selbst mal ein Bier zu Hause.

Die Männer packen ihre Maultiere sorgfältig in der beginnenden Dunkelheit. Die Tragelast eines Tieres sind 75 Kilogramm. Das sind fünf Kartons mit je 24 Dosen Bier. Es ginge mehr auf den Sattel, aber der Weg fordert sehr viel Kraft von den Mulis. Kanadie will kein zusätzliches Risiko eingehen, denn wenn es unterwegs Probleme gibt und die Männer mit den Tieren plötzlich fliehen müssen, ist eine zu schwere Ladung hinderlich, Bier und Schnaps sind dann meist verloren.

Mansur Kanadie hat ein Maultier, das er voller Stolz seinen „Mercedes“ nennt. Es kann 200 Kilogramm tragen und ist sehr trittsicher in den Bergen. Er nimmt es, wenn er selbst mit der Karawane durch die Nacht geht. „ Ich lade dann nur Whiskey auf meinen Mercedes. Es ist die teuerste Fracht, aber der Verdienst ist auch am höchsten“, sagt Kanadie voller Stolz. Er kauft die Flasche im Irak für 35 Dollar und bekommt in Iran 100 dafür. In Teheran wird sie auf dem Schwarzmarkt für 300 verkauft. Aber auch das Risiko ist hoch. Die iranischen Grenztruppen machen Jagd auf die Schmuggler. Wenn sie nachts die beladenen Maultiere sehen, wird ohne Vorwarnung sofort geschossen. Auch die Maultierführer sind bewaffnet. „Wenn wir angegriffen werden, schießen wir zurück. Wir wissen, was uns blüht, wenn wir gefangen genommen werden“, sagt Kanadie. Lieber im Kampf sterben als der iranischen Polizei in die Hände fallen. Nicht selten verliere Kanadie die gesamte Fracht und die Tiere.

Im letzten Jahr starben über 500 Alkoholschmuggler an der iranischen Grenze. Einige sind abgestürzt oder traten auf eine Mine. Die meisten kamen jedoch bei den Gefechten mit den iranischen Alkoholjägern ums Leben. Jeden Tag wird eine andere Route gewählt, damit die Iraner ihnen nicht so einfach auflauern können. Auf manchen Pfaden dauert der Weg sieben Tage, auf anderen nur einen.

Am Verladeplatz am Berg Kabo ist es inzwischen stockdunkel geworden, es sind nur noch die Lichtkegel einiger Taschenlampen zu sehen. Während Mansur Kanadie die Ladungen jedes einzelnen Tieres prüft, stehen einige Männer um ein kleines Feuer aus brennenden Kartons. Es wird für die nächsten drei Tage das letzte Mal sein, dass sie sich wärmen können. In der Nacht werden sie marschieren, am Tag müssen sie sich in den Schneehängen verstecken.

„Die größte Nachfrage meiner iranischen Geschäftspartner besteht im Moment an ,ladies dream drinks‘“, sagt Mansur. So nennen sie in Iran Sekt, der ausschließlich von Frauen getrunken wird. In Teheran kostet auf dem Schwarzmarkt eine Flasche 450 Dollar. Ich bekomme auf der anderen Seite 250 Dollar. Im Irak kostet er mich 40. Als ich hörte, dass nur die Frauen diesen süßen Sekt trinken, konnte ich das kaum glauben. Bei uns Kurden trinken die Frauen so gut wie keinen Alkohol. Leider müssen die Iranerinnen etwas warten, weil wir mit den Lieferungen kaum nachkommen“, sagt Kanadie. Er selbst hat eine Frau mit zwei Kindern in Iran hat und eine mit drei Kindern in einem kurdischen Dorf im Irak. Er kümmert sich um beide und wohnt da, wohin ihn die Schmuggeltour gerade führt. Dass er in Iran in Abwesenheit zum Tod verurteilt worden ist, hält ihn nicht ab. Sein Körper ist gezeichnet von Schussverletzungen. Alle nennen ihn den König der Schmuggler.

Das Thermometer ist inzwischen auf minus 20 Grad gefallen, und der Wind ist zum Sturm geworden. Die Männer ziehen ihre Kapuzen über ihre Köpfe und die Handschuhe an. Die erste Gruppe von zehn Maultieren mit ihren bewaffneten Führern macht sich auf den Weg über den Kabo. „Heute haben wir gute Chancen, dass wir keine iranischen Soldaten treffen. Bei solchem Wetter bleiben sie lieber in ihrem Quartieren und trinken Tee“, sagt Kanadie. Einige der iranischen Posten bekommen von ihm auch regelmäßig Bier und Whiskey, damit sie ein Auge zudrücken. Darauf verlassen kann er sich jedoch nicht, denn wenn neue Soldaten oder Vorgesetzte dazukommen, nützt die Bestechung nichts.

Kanadie verlässt mit Mercedes als Letzter den Verladeplatz. Der iranische Geschäftspartner erfährt erst kurz vor dem Ziel, wo er die Ware abholen kann. „Ich traue ihm. Aber wenn er auffliegt und gefoltert wird, erzählt er alles.“ Die Bezahlung der Alkohollieferung erfolgt über iranische Geschäftsleute im irakischen Suleimanija. „Die Bezahlung läuft immer unproblematisch ab. Die Iraner sind mehr als dankbar, dass wir ihnen den Alkohol liefern. Die Nachfrage steigt von Monat zu Monat“, sagt Kanadie. Immer wieder werden auch einige Flaschen von sehr teurem Edel-Whiskey bestellt. Er soll für Mullahs in Teheran sein.

Es geht auf einem kaum zu erkennenden Trampelpfad bis zum höchsten Pass des Kabo-Berges hinauf. Die Leine aus Nylon ist zwar lang, aber Kanadie hält sie sehr kurz. Nur im Falle eines Sturzes wird nachgelassen. Mercedes hat 2000 Dollar gekostet. Das ist weit und breit die höchste Summe, die je für ein Maultier bezahlt wurde. „Wenn drei Transporte gut gehen, ist das Geld wieder drin. Das Tier ist mein ganzer Stolz. Ich brauche keinen Mercedes mit einem Stern für meine Arbeit, den kaufe ich mir vielleicht, wenn ich einmal mit dem Schmuggel in den Bergen aufhöre“, sagt Kanadie. Wie ein Scherenschnitt wirken vor dem Himmel die Silhouetten seiner Männer und Lasttiere, die auf dem Bergkamm gehen. Der Weg bis nach Teheran ist noch weit.

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