Zeitung Heute : Über alle Grenzen

Für die Geheimdienste war es keine Überraschung: Ausgerechnet aus Kenia stammten brisante Informationen über mögliche Anschläge. Jetzt sind sich die Experten sicher, dass Al Qaida wieder zugeschlagen hat. Mit einer neuen Strategie – die gegen Israel gerichtet ist.

Frank Jansen

Es war zu erwarten. Ostafrika sei neben Europa, Nordamerika und Südostasien eine besonders gefährdete Region, sagte Hans-Josef Beth, Terrorismus- und Afrikaexperte im Bundesnachrichtendienst, vor nicht einmal vier Wochen in Berlin. Wie üblich gab es keine konkreten Hinweise auf Ort, Ziel und Zeitpunkt eines Anschlags. Aber das Wuseln geheimer Kuriere in den vier Regionen, die dort abgehörten, mit Codeworten durchsetzten Telefonate und die jüngsten Drohungen von Osama bin Laden waren Alarmzeichen genug. Und bereits im Mai gab es ein gewichtiges Indiz.

DIE VORGESCHICHTE

Ausgerechnet in Kenia hörte ein „Hobbyfunker“, wie es in Geheimdienstkreisen heißt, ein Gespräch zweier Männer namens „Hamsa“ und „Tabbah“ ab. Wahrscheinlich handelte es sich um Araber, die sich vermutlich in Ägypten unterhielten. Heute klingen die Sätze wie der Auftakt zu einem der beiden Attentate von Mombasa, dem Raketenangriff auf die israelische Chartermaschine mit 261 Passagieren an Bord.

Hamsa, enthusiastisch: „Die Hitzeentwicklung der Triebwerke ist so groß beim Anflug, dass man das Flugzeug mit einer Wärmesensorkamera nicht verfehlen kann.“

Tabbah: „Die Idee ist alt und schon öfters angewendet worden. Interessant ist die Lage der Flugschneisen und die Möglichkeit, sofort zu verschwinden. Im Hotel siehst du dann im Fernsehen, ob du Erfolg hattest.“

Hamsa: „Das ist nur eine Sache der Planung.“

Tabbah: „Hamsa, nicht hier, wir können am Montag bei Effendi darüber reden.“

Hamsa: „Ich freue mich schon. Ich habe Langeweile hier.“

DIE ERSTE ANALYSE

Die Nachrichtendienste waren beunruhigt, vor allem die deutschen. Hamsa erwähnte, er sei in der Bundesrepublik gewesen. Dort habe er Einflugschneisen ausgekundschaftet. Und die Chancen, eine an- oder abfliegende Passagiermaschine mit Raketen abzuschießen, von einem Fahrzeug aus. Haben sich Hamsa und Tabbah dann aber entschieden, den Angriff auf ein Flugzeug in Kenia zu versuchen? Ist der Funkkontakt vielleicht sogar eine erste Spur zu den Attentätern von Mombasa? Sicherheitsexperten halten das für möglich. „Vom Modus operandi her passt das Gespräch zu dem, was in Kenia passiert ist“, sagt ein Fachmann. „Wir müssen jetzt sehen, ob die Personen, die sich damals unterhalten haben, in Mombasa aktiv geworden sind.“

In den ersten Analysen nach den Anschlägen auf das Hotel „Paradise“ und die israelische Maschine sind zwei Punkte zentral. Erstens: Die Al Qaida – an der Täterschaft gibt es kaum Zweifel – hat diesmal auf jüdische Opfer gezielt. Das heißt, Osama bin Laden will den Palästina-Konflikt nicht nur als verbale Legitimation für seinen Heiligen Krieg instrumentalisieren, sondern selbst mitmischen, neben den regionalen Terrorgruppen Hamas, Dschihad Islami und Hisbollah. Die unbekannte „Armee Palästinas“, die sich der Attentate bezichtigt, könnte eine Al-Qaida-Zelle mit einen Namen sein, der auf das Motiv des Angriffs hinweisen soll.

DIE TAKTIK DER AL QAIDA

Bislang hat die Al Qaida darauf verzichtet, eigene Selbstmordattentäter nach Israel zu schicken. Die Geheimdienste haben allerdings in den vergangenen Monaten eine auffällige Zunahme von Aktivitäten der Al Qaida und sympathisierender Gruppen in Israels Nachbarland Libanon registriert. Erst vor einer Woche wurde in der südlibanesischen Stadt Sidon die amerikanische Missionarin Bonnie Weatherall mit drei Kopfschüssen regelrecht hingerichtet.

Zweiter Punkt: Osama bin Laden hat erneut die ungebrochene Fähigkeit zu großen Anschlägen demonstriert. Möglicherweise sogar direkt, ohne eine ostafrikanische oder andere Islamistengruppe als eine Art Auftragnehmer einzuschalten. Sicherheitsexperten verweisen auf ein monströses Modell. Schon einmal hat die Al Qaida in Kenia und auch im Nachbarland Tansania zugeschlagen.

DIE FRÜHEREN ATTENTATE

Bei den schweren Explosionen vor den US-Botschaften in Nairobi und Daressalam kamen im August 1998 etwa 250 Menschen ums Leben, mehr als 5000 wurden verletzt. Im Oktober 2001 verurteilte ein Gericht in New York vier Al-Qaida-Männer zu lebenslanger Haft. Mohammad al Owal und Khalfan Khamis Mohamed als Täter, Mohamed Sadik Odeh und Wadih El-Hage, ein US-Bürger, wegen Verschwörung und Beihilfe.

Nach den Anschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania stießen die Sicherheitsbehörden auf Terrornetze, die bis nach Deutschland reichen. Und womöglich hier noch aktiv sind. Als Generalbundesanwalt Kay Nehm im April gegen die Gruppierung „al Tawhid“ vorging und zahlreiche Wohnungen durchsuchen ließ, war in Nürnberg ein Mann nicht zu fassen. Der Ägypter Sayed Agami Mohalal M. gilt als einer der Hintermänner der Al-Qaida-Aktionen in Ostafrika. Im September 1998 fand die britische Polizei in London in einem Büro der Gruppe um M. Faxkopien, in denen die Verantwortung für die Anschläge auf die amerikanischen Botschaften übernommen wurde. Ein brisanter Fund: Datum und Uhrzeit der Schreiben lagen einige Stunden vor den Detonationen.

DIE BEDROHUNG KOMMT NÄHER

So weit Kenia entfernt sein mag, die Gefahr eines Anschlags gegen deutsche Ziele hat sich mit den Attentaten von Mombasa weiter erhöht. Auch für Deutsche am Ort selbst: In der Hafenstadt sind 160 Soldaten der Bundesmarine stationiert, die mit drei Seeaufklärungsflugzeugen vom Typ „Bréguet Atlantic“ die ostafrikanische Küste im Rahmen der Anti-Terror-Operation „Enduring Freedom“ nach Terrorverdächtigen absuchen.

Und das Anschlagsrisiko in der Bundesrepublik nimmt weiter zu. Al Qaida hat mit den Attentaten in Kenia offenkundig die Drohungen gegen Juden wahrgemacht hat – damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass den verbalen Angriffen auf Deutschland, die Osama bin Laden und sein Stellvertreter Aiman al Zawahiri in den vergangenen Wochen vorgetragen haben, auch Taten folgen.

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