Zeitung Heute : Über alle Grenzen

Von der Heilandskirche zur Schloßbrücke: die Zeitung als Denkmalpfleger

Christian van Lessen

Wäre die Sakrower Heilandskirche auf DDR-Gebiet völlig verwahrlost, bis zur Abrissreife? Hätte die Schloßbrücke im damaligen Ost-Berlin wirklich jemals ihre alten Figuren zurückbekommen? Fragen, die sich zum Glück erübrigen, weil sich der Tagesspiegel rechtzeitig – und grenzüberschreitend – für die Rettung der verfallenen Kirche und die denkmalgerechte Herstellung der Schloßbrücke in Mitte einsetzte. In den achtziger Jahren war das fast schon hohe Politik.

Wie selbstverständlich gehört die Heilandskirche zur Havellandschaft, ist ein beliebtes Ausflugsziel. Zwischen den Säulen am Wasser zu wandeln, vermittelt eine südländische Stimmung. Dieses Bauwerk in dieser Umgebung – ein Gesamtkunstwerk. Ein kleines Wunder.

Es hätte ganz anders kommen können. Das evangelische Gotteshaus, vom Westufer gut einsehbar, doch jahrzehntelang unerreichbar im DDR-Grenzgebiet zwischen Mauer und Havel, schien dem Untergang geweiht. Erst im April 1984 war endlich geklärt, dass die Kirche äußerlich renoviert und völlig gesichert werden konnte. Für einen Festpreis von einer Million D-Mark. Dieses Geld kam aus West-Berlin, wurde zu gleichen Teilen vom Senat und der gemeinnützigen Pressestiftung Tagesspiegel aufgebracht. Ihr Betrag von einer halben Million D-Mark war bereits zwei Monate zuvor an das vermittelnde Diakonische Werk überwiesen worden. Nun aber lag auch die Zusage des Finanzsenators vor.

Ein Vertreter des Potsdamer Konsistoriums hatte sich bereits Wochen zuvor beim Tagesspiegel-Verleger Franz Karl Maier bedankt. Die Rettung der Kirche war dessen Idee gewesen. Er, der Katholik, brachte den Verfall des weithin bekannten evangelischen Gotteshauses in Redaktionskonferenzen immer wieder zur Sprache. Die Zeitung hatte mehrmals über die Verwahrlosung des vor rund 160 Jahren von Persius im romanischen Stil errichteten Gebäudes berichtet. Ein Bombenschaden im Krieg war nur notdürftig repariert worden. Am Heiligabend 1961, nach dem Mauerbau, gab es hier den letzten Gottesdienst. Dann war das Haus nur noch für DDR-Grenztruppen erreichbar.

Kirchliche Stellen in Potsdam hatten dem Tagesspiegel Anfang der achtziger Jahre versichert, es gebe kaum Aussicht auf Rettung für das Gotteshaus. AlleVersuche, Geld aus Kreisen der Gemeinde zu bekommen, seien gescheitert.

Da konnte nur noch Privatinitiative helfen. Der Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker unterstützte die Tagesspiegel-Anregung. Es kam zu diskreten Gesprächen, auch mit kirchlichen Stellen, die zu der Vereinbarung zwischen dem Senat und der Stiftung Tagesspiegel führten. Die Bauarbeiten dauerten dann gut zwei Jahre. Auf West-Berliner Ausflugsschiffen, die an der Kirche vorbeikamen, waren noch lange Falschansagen vom Band zu hören. Die Kirche verfalle, hieß es. Aber sie war längst gerettet. 1990 zeichnete die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Tagesspiegel-Stiftung mit der Ferdinand-vonQuast-Medaille aus. Die Stiftung habe „die Kirche 1985/86 vor dem Verfall bewahrt“. Im Jahr 1992 wurde die Heilandskirche in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Auch mitten in der Stadt half der Tagesspiegel, Wunden der Denkmalpflege zu heilen. Heute ist kaum vorstellbar, dass auf der Schloßbrücke über der Spree die Göttinnen Nike und Pallas Athene und ihre Krieger keinen Platz hätten. Aber ihr kühler Marmor war einst ein politisch heißes Eisen. Nicht zuletzt diese Zeitung hat erreicht, dass sie seit über 20 Jahren dort stehen, wo sie hingehören.

Die 1850 von mehreren Bildhauern gestalteten Figuren waren 1943 eingelagert worden, um sie vor Bomben zu schützen. Schon in den fünfziger und sechziger Jahren hatte die West-Berliner Denkmalpflege an eine Rückgabe gedacht. Aber die politische Lage war noch viel zu eisig.

Zwei Jahre vor Schinkels 200. Geburtstag im März 1981 hatte der Tagsspiegel öffentlich die Frage gestellt, ob die im Westteil der Stadt gelagerten acht Figurengruppen auf der einstigen Neuen Schloßbrücke nicht sinnvoller aufgehoben seien. Noch standen sie in ihrer Notunterkunft, dem Kreuzberger „Lapidarium“. Die Anregung war vom Senat, damals unter dem Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe, zunächst abgelehnt worden. Es sei denn, mit Ost-Berlin könne ein Geschäft auf Gegenseitigkeit ausgehandelt werden. Das klappte nicht. Das Institut für Denkmalpflege der DDR erklärte dem Tagesspiegel, man habe nach wie vor Interesse an den Skulpturen. Zumal die Ost-Berliner Denkmalpflege das Schinkel’sche Geländer (mit Tritonen und Delfinen) der im Krieg unzerstörten Brücke gerade erneuert habe. Die Zeitung ließ nicht locker. Der Senat erklärte sich letztlich bereit, die Figurengruppe „ohne Wenn und Aber im Interesse aller Berliner“ an ihren angestammten Platz zurückzugeben. Im April und Mai 1981 wurden die Figuren nach Ost-Berlin transportiert. Eine Fuhre musste am Sektorenübergang Prinzenstraße umkehren, weil die Mauerdurchfahrt für den Tieflader zu eng war. Er musste einen Umweg über Lichtenrade fahren, wo sonst die Mülltransporter Durchschlupf fanden. Richtig komplett war die Brücke erst 1984, als alle Sockel fertig, die letzten Figuren aufgestellt waren. Sie hatten Zwischenstation im Bode-Museum gemacht. Die Ost-Berliner Zeitungen jubelten: „Die Göttinnen sind wieder auf ihrem Platz.“

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