Zeitung Heute : Über außen

Condoleezza Rice gilt als enge Vertraute des US-Präsidenten – ihr Wort wird Gewicht haben

Malte Lehming[Washington]

Condoleezza Rice soll die Nachfolgerin Colin Powel ls werden . Was ist von ihr als Außenministerin zu erwarten?

Intelligenz kann der Feind der Klugheit sein. Condoleezza Rice, die am vergangenen Sonntag 50 wurde, ist zweifellos intelligent. Sie ist belesen, umfangreich gebildet, spricht druckreife Sätze. Ob in klassischer Literatur, politischer Theorie oder Geschichte: Die Sicherheitsberaterin von Präsident George W. Bush kann nicht nur mitreden, sondern setzt Akzente. Schon als Kleinkind war sie hoch begabt. Mit vier Jahren gab sie ihr erstes Klavierkonzert. Dann studierte sie Internationale Politik. Ihr Mentor, Josef Korbel, war der Vater von Madeleine Albright, die später als erste Frau ins Außenministerium einzog. Nun folgt Rice ihr nach. Sie beerbt Colin Powell, übernimmt als erste schwarze Frau das State Department. Dieser Laufbahn gebührt ein hohes Maß an Respekt.

Doch kann sie das? Oder ist „Foggy Bottom“, wie das Außenministerium in Washington aufgrund seiner geografischen Lage heißt, eine Nummer zu groß für sie? Diplomaten sind von Natur aus konfliktscheu. Je friedlicher die Welt ist, desto weniger Arbeit haben sie. Powell, der moderate Pragmatiker, war daher beliebt bei ihnen. Unbeliebt hingegen waren Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Sie verkörperten die ideologisch fundierte Verve, mit der die Bush-Regierung auf die Anschläge vom 11. September 2001 reagierte. Absprachen, Konsultationen, Internationale Gremien: Das ist die Welt der Diplomaten. Wo steht Condoleezza Rice in diesem Zwiespalt?

Auf die Frage gibt es keine Antwort. Allein – das zeichnet die resolute Frau aus. Mit Geschick hat sie es geschafft, die Kämpfe der Titanen zu überstehen, ohne sich mit einem der Lager zu identifizieren. Mal ergriff sie für Powell Partei, mal für Cheney/Rumsfeld. Wenn es heikel wurde, stellte sie lieber Fragen, als Position zu beziehen. Kritiker legen ihr das als Feigheit aus: Anders als Powell werde sie nicht den Mut haben, Bush zu widersprechen; sie fungiere als verlängerter Arm des Weißen Hauses, um die Diplomaten auf Linie zu trimmen. Das ist Spekulation. Menschen können in Ämtern wachsen.

Vier Jahre lang hat Rice die Spiele der Macht aus nächster Nähe studiert. Im Unterschied zu Cheney oder Rumsfeld haben ihre Äußerungen nie für skandalträchtige Schlagzeilen gesorgt. Bush vertraut ihr. Er nimmt sie überall mit hin. Rice ist die Frau an seiner Seite. Der Lohn für ihre bedingungslose Loyalität: Der Präsident hört auf sie. Powells Worte hatten Gewicht, Rices Einflüsterungen könnten schwerer wiegen. Als Außenministerin wird sie einen fast einzigartigen Zugang zum Weißen Haus haben. Das mindert die Gefahr, dass die US-Außenpolitik durch die traditionellen Rivalitäten zwischen Pentagon, State Department und Weißem Haus gelähmt wird. Vasallentreue heißt weniger Dissens, der ja auch konstruktiv sein könnte. Das ist ihr Nachteil. Sie kann jedoch auch zu einem höheren Maß an Kontinuität und Berechenbarkeit beitragen. Darin liegt ihre Chance.

Intelligenz, Vorsicht, Verschwiegenheit, Loyalität: Auf diesen Säulen ruhte bisher die Karriere von Rice. Doch ihr fehlte das, was Powell im Übermaß besaß – Aura und Statur. Vielleicht müssen solche Qualitäten erst noch reifen in ihr. Als Außenministerin muss sie auch ein innerer Kompass leiten – nicht nur der Präsident der Vereinigten Staaten. Seite 5

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