Zeitung Heute : Über Bande gedroht

Matthias B. Krause[New York]

US-Vizepräsident Cheney hat Nordkorea scharf attackiert. Diplomatische Offensive oder rhetorische Vorbereitung auf einen weiteren Krieg – was könnte dahinterstecken?

Es heißt zwar, US-Präsident George W. Bush lese kaum Bücher, aber es lohnt sich darauf zu achten, welche er verschenkt. Im vergangenen Jahr bekamen die Angestellten des Weißen Hauses von ihm Natan Sharansky’s „The Case for Democracy“. Darin stellt der Autor die These auf, dass Länder, die die Rechte ihrer Bürger verletzen, keine zuverlässigen Partner sein können. Worte, die das ganze Jahr in Bushs Reden widerhallten. Nun verschenkte der Präsident die Geschichte eines Mannes, der als überzeugter Kommunist von Süd- nach Nordkorea ging. Doch statt dort das Land aufzubauen, warfen sie ihn für zehn Jahre in ein Gulag.

Wenn die Bush-Regierung über Nordkorea spricht, dann nicht gerade freundlich. Der Präsident bezeichnete Staatschef Kim Jong Il als „Tryannen“. Und jetzt legte sein Vize Dick Cheney nach. Kim stehe an der Spitze eines Polizeistaats, sagte er bei CNN, die Bevölkerung lebe in „erbärmlicher Armut“ und leide unter Fehlernährung: „Er kümmert sich um seine Leute nicht.“ Stattdessen markiere er den starken Mann und wolle eine Atommacht werden. Cheneys verbaler Angriff kommt drei Tage nachdem das Pentagon 15 Stealth-Bomber nach Südkorea verlegte. Zweifellos ein Zeichen, dass Washington sich trotz der Engagements in Afghanistan und im Irak in der Lage sieht, militärischen Druck anderswo auszuüben.

Wie weit das Pentagon wirklich gehen würde, sollte Kim die nächste Stufe der Eskalation beschreiten und einen Atomwaffentest anordnen, lässt sich im Augenblick schwerlich beurteilen. Bush betonte mehrfach, er habe „keine Absichten“ das Land anzugreifen. Außenministerin Condoleezza Rice sagte, die USA erkennen Nordkorea als souveränen Staat an. Die Stealth-Bomber ermöglichen es Washington, Pjöngjang und die nördlich davon vermuteten Atomanlagen zu bombardieren.

Offiziell bestehen die USA weiter darauf, dass Nordkorea an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Pjöngjang hatte die Sechs-Nationen-Gespräche mit China, Südkorea, Japan, Russland und Amerika im Juni vergangenen Jahres verlassen. Eine der Bedingungen für eine Rückkehr sei, dass Washington sich für seine Tyrannen-Rhetorik entschuldigt. Das wird kaum passieren. Selbst die Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag in New York ließ Washington platzen, weil es weder zu Zugeständnissen bereit war, noch die Modernisierung des eigenen Atomwaffenarsenals einstellen wollte.

Gleichzeitig halten die Pentagonexperten einen Militärschlag für riskant. Cheneys eigentlicher Adressat dürfte deshalb China sein. Die Bush-Regierung drängt Peking, seine Wirtschaftsbeziehungen zum Nachbarstaat einzustellen und die Grenzen dichtzumachen. Bisher zieren sich die Chinesen: Ein solcher Schritt sei wirkungslos. Außerdem haben sie Angst vor einem Flüchtlingsstrom. Die Aussicht auf einen Militärschlag der USA im eigenen Hinterhof dürfte reichlich Anreiz zum Umdenken sein. Und so gesehen war Cheneys Tough Talk richtig getimt.

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