Zeitung Heute : Über den Dächern von Berlin

Gerade hatte er seinen Roman beendet, da stand Wolfgang Joop auf der Brücke hinter dem Dom, fragte einen Mann nach dem Weg – und rettete ihm damit das Leben. Ein guter Anfang, fand Joop, und zog nach Mitte.

Kerstin Decker

Gretchen ging zuerst da rein. Den Mann hinter sich führte sie vorsichtig an der Leine. Ihm ging es gerade nicht so gut, da müssen Hunde Rücksicht nehmen. Gretchen wusste das, denn sie ist eine Dalmatinerin. Dalmatiner sind sanfte Hunde. Es war Anfang Mai, als Wolfgang Joop mit Gretchen zum ersten Mal in dem Dach-Apartment am Monbijou-Park stand. Deutschlands erfolgreichster und klügster Modemacher hatte gerade ein Buch geschrieben und er wusste genau, eigentlich hätte sich das Leben jetzt ganz anders anfühlen müssen.

Er hatte einen ganzen Roman und einen halben New Yorker Winter gebraucht, eine Liebe zu Grabe zu tragen, und da er einmal dabei war, vieles andere gleich mit: das New York, das er lange kannte und liebte, und natürlich seine Mode-Puppenspielerwelt. Aber dann, als die Beerdigung nach fast dreihundert Seiten vorbei war, fing alles wieder von vorn an. Vor allem die Liebe. Nun ist einem Modemacher nichts vertrauter als ein Déjà-vu, aber das, dachte Wolfgang Joop, war jetzt doch zu viel.

Gretchen liegt wahlweise im Flur, in der Küche oder auf der Terrasse. Aber immer mitten im Weg, denn Dalmatiner sind so auffällig schwarz-weiß gefleckt, damit keiner drauftreten und hinterher sagen kann, er habe sie nicht gesehen. Außerdem demonstriert Gretchen alle Gelassenheit derer, die wissen, dass die anderen alles ihnen zu verdanken haben. Sie blickt kurz auf zu Wolfgang Joop. Gleich wollen wir einen Stadtspaziergang machen durch Mitte. Mit Hund und Herr. Aber der sitzt noch in der Küche, isst einen grasgrünen Sommerapfel aus dem Potsdamer Garten seiner Mutter und erzählt dazu auf Sächsisch die Geschichte, wie er mal versuchte, noch tief in der DaDa-eR, für Meissner Porzellan eine Tasse zu entwerfen. Und wie seine Tasse dann immer kleiner wurde und sich am Ende als unbrennbar erwies. Wegen des Henkels. Zu groß. Gretchen blinzelt. Die Tassen-Geschichte ist so gut, dass sie einen ganzen neuen Joop-Roman füllen würde, diesmal einen lustigen, auch wenn Joop auf der Rückfahrt vom Tassen-Desaster in zwölf Ost-Hirsche hineinfuhr. Die hatten bei Schneetreiben auf der Autobahn gestanden. Das Auto hatte Totalschaden, Joop überlebte. Was mit den Hirschen war, weiß er nicht mehr. Vielleicht begann er damals, an Engel zu glauben.

Gretchen legt sich wieder hin. Wenn das Herrchen von den Engeln anfängt, geht es noch lange nicht los. Wolfgang Joop trägt ein rotkariertes Wrangler-Hemd, original aus den Siebzigern. Das hat er bei einem Trödler in New York gefunden. Es besteht aus einer dieser Kunstfasern, die, wenn es draußen zu warm ist, einem auf der eigenen Haut die Hölle heiß machen, und wenn es kalt ist, jedem das Gefühl geben, ohne das Hemd wäre es viel wärmer. Heute ist es draußen eindeutig zu heiß, Wolfgang Joop behält das Wrangler-Karo trotzdem an. Es muss ihm sehr gut gehen.

Er wohnt nun also im Himmel über Berlin. Oder in dem schmalen Streifen dazwischen, wo die Dächer ringsum schon aufgehört haben und der Himmel noch nicht richtig angefangen hat. Wohnort für Zwischenwesen aller Art. Also erst einmal für Engel. Wolfgang Joop hat vier große Engelsfiguren, drei selbst entworfen, eine gefunden. Engel sind nicht Gott und nicht Mensch, aber unabdingbar für die bessere Verständigung von beiden. Und wahrscheinlich ist Joop selber ein solches Zwischenwesen. Modemacher und Modeverächter, Sich- Selbst-Liebender und Fremd-Liebender in einer Person, bald sechzig und doch ein kleiner Junge, wenn er nicht gerade Philosoph ist; melancholisch, wie die Engel sind, und im nächsten Augenblick wieder so schrill, dass jedem Engel augenblicklich die Flügelspitzen erfrieren würden. Auch wäre einer wie er ja verloren, besäße er nicht die unmittelbar-magische Wahrnehmung der Kinder. Und dass er nun hier ist, hat er eben Gretchen zu verdanken.

Der gestohlene Hund

Als Herr und Hund an jenem Mai-Tag zum ersten Mal dieses Dachgeschoss betraten, sah die Dalmatinerin auf zu dem Mann an ihrer Leine und sagte: Nehmen wir! – Wolfgang Joop übersetzte das der Maklerin. Joop hat sich keine zweite Herberge mehr angesehen. Denn er hatte gelernt, dem Urteil von Hunden zu vertrauen. Man kann das in seinem Roman nachlesen. Obwohl Gretchen gar nicht ihm gehört, sondern seinem neuen Freund Valeri. So wie der kleine Spitz Wolf im Roman auch nicht ihm gehörte, sondern Favoloso, der dritten Hauptfigur, die Joop einem New Yorker Freund nachempfunden hat. Er hat ihn einfach entführt. Jetzt lebt Wolf, der Spitz, in Potsdam. Nicht, dass sich der richtige Besitzer nicht gewehrt hätte. Er hat den Hunde-Dieb schon bei der deutschen Polizei angezeigt: Wolfgang Joop hat meinen Hund gestohlen! Aber inzwischen findet der echte Favoloso auch, dass Wolf, der Spitz, es in Potsdam viel besser hat als in einer Reisetasche unter den Barhockern von New York.

Die New Yorkerin Gretchen ist schon eine überzeugte Berlinerin. Und sie würde jetzt wirklich gern losgehen. Da fällt der Name Schwanitz. Dietrich Schwanitz, Bestsellerautor, ist der Mann, der im „Focus“ Wolfgang Joops Roman verrissen hat. Nun mag kein Model andere Models, weiß Joop, daher die Einsamkeit der Modewelt. Warum sollte das unter Schriftstellern anders sein? Kein Bestsellerautor kann andere Bestsellerautoren ausstehen. Oder, sagen wir, potenzielle Bestsellerautoren. Joops „Im Wolfspelz“ wird am Montag auf der „Spiegel“-Bestsellerliste schon auf Platz zwölf stehen. Joop lächelt ein großes, vollkommen rückhaltloses Kleine-Junge-Lächeln. Diesen Erfolg fühlt er. Hier hat er den Entstehungsschmerz gespürt, den er beim Modemachen lange Jahre vermisst hat. Es muss wehtun, bevor man genießen kann.

Joop sagt vorzugsweise „Herr Schwanitz!“ Es klingt nicht mal böse. Seit er die Kritik gelesen hat weiß er, dass er ein gutes Buch geschrieben hat. Warum sonst hätte ihn Herr Schwanitz an seiner wirklich unangreifbaren Stelle angegriffen? Ihm vorzuwerfen, seine Figuren wären tot. Wolfgang Joop weiß genau, dass nur sehr wenige Menschen so lebendig sind wie seine Romanfiguren. Dass es trotzdem Untote sind, ist ja völlig klar. In der Modewelt halten sich nun mal vorzugsweise Untote auf, aber die muss man erst mal so lebendig kriegen wie er.

Jetzt ist das rotkarierte Wrangler-Hemd doch zu warm. Wolfgang Joop wechselt in ein blaues Adidas-T-Shirt. In dem Shirt könnte man zur Not gleich in den Ring steigen, gegen Schwanitz. Gretchen springt auf. – Halt!, rufen die Mitarbeiterin und der Fotograf mit einer Stimme. In diesem Shirt: niemals. Ob er wüsste, wie unmöglich mitte-mainstreamig er darin aussehe? Der Modemann kapituliert schweigend. Ohne Widerspruch zieht er das rot-weiße Wrangler-Karohemd wieder an.

Andere müssen ihre Wohnung verlassen, um die Stadt zu sehen. Wolfgang Joop nicht. Von seiner Terrasse aus liegt ihm ganz Mitte zu Füßen. Den Fernsehturm findet er originell. Wahrscheinlich ist er das einzige wirklich originelle Bauwerk, das die DDR hervorgebracht hat, sagt er. Ulbricht soll sich sehr über das Kreuz geärgert haben, das die Sonne auf die Fernsehturmkugel zeichnet. Ja, wenn es Hammer und Zirkel gewesen wären, aber ein Kreuz? Von Joops Terrasse aus schaut der Holzengel aus dem Potsdamer Trödelladen mit ausgebreiteten Flügeln direkt in das Sonnenkreuz. Aber Joops selbst entworfene Engel im Wohnzimmer sind noch besser. Ein arbeitsloser Bildhauer hat sie ihm in schwarzen Marmor gehauen. Jeder Engel ist schrecklich, hatte Rilke gewusst, aber die Joop-Engel kann er nicht vorausgeahnt haben. Das sind heidnische Dämonen, unbezähmbare Geister der Seele. Wolfgang Joop muss bei ihrem Anblick an seine Lieblingsstelle von Simone Weil denken: nur weil Gott die Erde verlassen hat, können wir sie sehen. Wäre er noch da, wir würden nur Gott erkennen.

In den letzten Monaten hat er in der Welt der französischen Philosophin Simone Weil gelebt. Ihr „Grace“, übersetzt man das mit „Anmut“ oder „Gnade“? Darüber denkt er immer noch nach. Gretchen ist das vollständig egal, sie hat beides, und außerdem will sie jetzt raus. Der Hund kennt den Weg. Zuerst zur Friedrich-Brücke. Die Passanten schauen auf den Mann an Gretchens Leine mit aufmerksamer, scheuer Schonung, als würden sie sein Problem genau kennen: Gnade oder Anmut? Wolfgang Joop setzt sich auf die Friedrich-Brücke. Mit Blick auf fließendes Wasser kann man solche Fragen viel besser entscheiden. Eine Brücke weiter hatte er sich bei einem Russen gerade eine Rotfuchsschapka gekauft. Er freut sich schon darauf, sie zu tragen. Am besten mit einem Messrock, wegen des Kontrastes. Und weil es eben weh tun muss.

Wohin in Berlin er denn ziehen möchte, hatte ihn das Maklerbüro gefragt. Woher sollte er das wissen? Wolfgang Joop kannte Berlin doch gar nicht. Obwohl er als kleiner Junge seine erste Weltreise von Potsdam nach Berlin gemacht hatte. Dass Berlin anders sein musste als Potsdam merkte er daran, dass seine Mutter kurz vor der Ankunft am Bahnhof Zoo ihre Handtasche öffnete und ihren Mund rot bemalte. Vor allem aber unterschieden sich Potsdam und Berlin durch den Kuchen. Die Torten im Café Kranzler aus Sahne und Baiser waren anders als zu Hause. Bei den Berliner Kuchen handelte es sich um Kunstwerke, bei den Potsdamer meist um Käsekuchen. Wolfgang Joop mochte Käsekuchen. Aber hätte er das dem Maklerbüro erklären sollen?

Menschen wie Joop brauchen für dieselben Entfernungen viel länger als andere. Auf einhundert Metern durch den Monbijou-Park beantwortet er Zurufe wie „Wolf, mach weiter so!“ („Womit?“), absolviert ein Gespräch mit einem Mongolen und seiner Frau sowie eine Handlesung einer jungen Bosnierin. Wolfgang Joop hat eine Schwäche für Wahrsagerinnen, obwohl er an Wahrsagerinnen nicht halb so sehr glaubt wie an Engel. Der Mongole hatte ihn gerufen, wie man das mit nahe stehenden Menschen so macht. Und natürlich steht Wolfgang Joop ihm sehr nahe, schließlich hat Yondon Oyungerel aus Ulan Bator einen Schrank voller Joop!-Mode. Yondon Oyungerel widerlegt so die lange währende Annahme, die Marke „Joop!“ hätte den Sprung nach Asien nie wirklich geschafft.

Ein guter Anfang

Als Wolfgang Joop an seinem ersten Berliner Abend über die Friedrich-Brücke ging, bekam er am nächsten Tag eine E-mail. Der Mann, den er an der Brücke gefragt hatte, wie man zur Charlottenstraße kommt, schrieb, er habe ihm das Leben gerettet. Kein Mensch könne sich in Ruhe auf seinen eigenen Selbstmord konzentrieren, wenn er zugleich Ortsfremden die Topographie Berlins erklären muss. Wolfgang Joop findet, dass eine Lebensrettung ein guter Anfang ist in einer neuen Stadt.

Die Restaurants und Kneipen rund um den Hackeschen Markt kennt er auch schon. Anders als in New York sitzt er oft bei ihm völlig unbekannten Menschen mit am Tisch. Denn niemand muss sich einbilden, dass sein Sozialverhalten mit Hund dasselbe bleibt wie ohne. Und wenn Gretchen ihn erst mal an fremde Tische gezogen hat, und er wahrheitsgemäß auf die Frage „Bist du Joop?“ geantwortet hat, muss er sich da auch hinsetzen. Außerdem ist es gut, wenn man die Kellner kennt. Im „Panasia“ tauscht er das rotkarierte Wrangler-Hemd mit den ungünstigen Klimaeigenschaften gegen ein schwarzes Kellner-T-Shirt aus Baumwolle ein. „www. panasia. de“ steht jetzt Weiß auf Schwarz auf seiner Brust.

Als wir zurückgehen, sind die Huren noch nicht da. Bald werden sie von der Oranienburger bis vor seine Haustür stehen. Wolfgang Joop versteht sich gut mit den Huren. Eine hatte er gefragt, ob sie schon mal auf einem Laufsteg gegangen sei. Sie hatte so schöne rote Haare, Wolfgang Joop dachte, sie könnte vielleicht zu seiner neuen schwarzen Abendmode passen, die er in Potsdam gezeigt hat. Jetzt ist sie gerade in New York unter seinem neuen Label „Wunderkind Couture“. – Ob ick schon mal jeloofen bin, Mann, ick loofe hier den janzen Tach!, antwortete die Schwester Lara Crofts. Sie hat nicht angerufen. Sie hat sich nicht getraut, erfuhr Joop von ihren Kolleginnen.

Valeri, Joops neue Liebe, ist inzwischen nach Hause gekommen. Valeri ist der eigentliche Grund, warum Wolfgang Joop nun ein Berliner geworden ist. In New York wollten sie beide nicht bleiben, und Potsdam ist viel zu schön, wenn man gerade aus New York kommt. Außerdem muss man mit einer neuen Liebe neu anfangen. Valeri ist aus Georgien genau wie Stalin, aber er sieht doch anders aus. Viel sanfter. Das täuscht, sagt Wolfgang Joop. Seit vielen Monaten hört er nun jeden Abend russische Schlager der achtziger Jahre. Und wenn Valeri etwas sehr egal ist, dann sind das die unzähligen Joop-Talente und deren Pflege. Also Modemachen, Zeichnen, Kolumnen- oder Romane-Schreiben, Filmemachen. Die Dreharbeiten zu Oskar Roehlers neuem Film mit Wolfgang Joop als Darsteller eines Modemachers fangen im September an. Genau wie die Lesereise. Aber heute ist nur noch eine Frage offen: Grace – Gnade oder Anmut? Valeri kommt gerade vom Deutsch-Kurs. Er könnte das wissen.

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