Zeitung Heute : „Über den Tellerrand zu schauen, ist unverzichtbar“

Arbeitsrechtlerin Pförtsch über den Einfluss früher Eigeninitiative auf den Ausgang einer Kündigung

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Frau Pförtsch, wann wenden sich Arbeitnehmer an einen Fachanwalt für Arbeitsrecht?

Fast immer zu spät. Wer seine Kündigung schon in der Hand hält, hat natürlich deutlich weniger Gestaltungsspielraum als jemand, der bereits bei den ersten Gerüchten und einem unguten Gefühl im Bauch einen Arbeitsrechtler einschaltet. Dann bleiben nur noch zwei Möglichkeiten. Die erste in ein Abwicklungsvertrag. Diesen interpretiert das Arbeitsamt allerdings gerne als ,Aufgabe des Arbeitsplatzes ohne Not’. Das bedeutet in der Regel eine dreimonatige Sperre fürs Arbeitslosengeld. Wer gerade seinen Arbeitsplatz verloren hat, kann das auch psychisch nur schwer verkraften. Zum Gefühl ,Niemand liebt mich, keiner braucht mich’ kommt dann auch noch das Problem, nach Ablauf der vierwöchen Nachlauffrist ohne Krankenversicherungsschutz dazustehen. Das sind keine guten Voraussetzungen für die Suche nach einem neuen Job.

Die zweite Möglichkeit?

Das ist ein Kündigungsschutzprozess mit der Möglichkeit eines Vergleichs. Das heißt: Man muss innerhalb von drei Wochen nach Zugang des Kündigungsschreibens beim zuständigen Arbeitsgericht eine Kündigungsschutzklage einreichen. Das sollte man in jedem Fall tun, denn nur so wird die Wirksamkeit der Kündigung gerichtlich überprüft.

Das heißt, Sie legen es auf jeden Fall auf einen Prozess an?

Das ist der vorgegebene Rahmen für einen Arbeitsrechtler. Und: Bei einem kleinen Arbeitgeber gibt es doch meist gar keinen Weg zurück. Das Kind liegt im Brunnen, wenn die Kündigung ausgesprochen ist. Bei einem Konzern als Arbeitgeber mit Tochterunternehmen gibt es bei einer betriebsbedingten Kündigung eher noch Möglichkeiten. Aber da ist der Arbeitnehmer selbst gefordert.

Wie meinen Sie das?

Angestellte machen sich viel zu wenig Gedanken über ihre ganz persönlichen Möglichkeiten am Arbeitsplatz. Sie lassen sich in eine Spezialistenrolle schieben und wundern sich dann, dass ihre Einsatzmöglichkeiten nach ein paar Jahren nur noch sehr begrenzt sind. Jobrotation ist eine ausgesprochen gute Sache für jeden Arbeitnehmer. Wenigstens innerhalb des Bereichs sollte jeder in der Lage sein, für jedes andere Aufgabengebiet die Urlaubsvertretung zu machen. Fortbildung von sich aus, also in Eigeninitiative am Feierabend oder Wochenende, gehört auch dazu. Über den Tellerrand zu schauen, ist unverzichtbar.

Und das hilft beim arbeitsgerichtlichen Prozess?

Flexibilität, also Vielseitigkeit im Fachwissen und in der Erfahrung sind wichtige Argumente für einen Arbeitsrechtler, wenn er mit der Gegenseite verhandelt. Etwa über die Möglichkeit einer Versetzung in einen anderen Unternehmensbereich. Und es ist wichtig für die Beratung über Beschäftigungschancen in einem ganz neuen Bereich.

Die Fragen stellte ReginaC. Henkel.

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