Zeitung Heute : Über den Tellerrand

Wer seinen Traumjob in Deutschland nicht findet, kann es bei den Nachbarn versuchen

Kai Althoetmar

Das mit dem Aufschwung dauert ja nun wohl noch ein bisschen. Während die Politik für die nächsten Monate mit Wahlkampf beschäftigt ist, dümpelt die Konjunktur vor sich hin. Wer einen passenden Arbeitsplatz sucht oder in eine neue Stelle wechseln will, dem dürfte es auf absehbare Zeit in Deutschland schwer fallen. Mit etwas Pioniergeist kann man es im Ausland schaffen. Halb Europa sucht deutsche Fachkräfte. Die EU macht es möglich: Wer in Europa eine Stelle findet, darf mit Kind und Kegel dauerhaft bleiben.

Vom europäischen Binnenmarkt profitieren nicht nur die Hersteller deutscher Autos, belgischen Biers und französischen Mineralwassers. Auch Arbeit ist grenzenlos möglich. EU-Bürger brauchen im EU-Ausland keine Arbeitserlaubnis. Dieses Recht kann von einzelnen Mitgliedstaaten zwar für eine Übergangszeit eingeschränkt werden. Betroffen sind davon derzeit aber nur die neuen Mitglieder aus dem Osten.

Im Vergleich zur übrigen (alten) EU ist Deutschlands Arbeitslosenrate von rund zwölf Prozent horrend hoch. Nur Spanien und einige osteuropäische Staaten kämpfen mit noch höheren Arbeitslosenquoten. Die gute Nachricht: Deutsche Fachkräfte sind im Ausland gefragt, vor allem Facharbeiter, Ingenieure, IT-Fachleute, mancherorts medizinisches Personal und Lehrer. Deutschlands duales Ausbildungssystem mit Berufsschule und Betrieb wird noch immer hoch geschätzt. De facto hängen die Arbeitsmarktchancen für Deutsche im EU-Ausland aber stark von der Konjunktur ab, in manchen Ländern auch sehr stark von persönlichen Bezieheungen, etwa in Italien.

Einige hunderttausend Deutsche leben schon lange im EU-Ausland. Nach Angaben der Eurostat-Statistiker leben 56000 Deutsche schon mindestens 15 Jahre in Österreich. Auf den Plätzen folgen Großbritannien (54100), die Niederlande (52400) und Frankreich (50900). Wer es im Ausland auf eigene Faust versuchen will, hat in EU-Ländern meist drei Monate Zeit, sich vor Ort nach Stellen umzusehen. So lange darf man sich ohne Job im Ausland aufhalten. Eine Anlaufstation können auch Zeitarbeitsfirmen sein, vor allem in den Niederlanden. Privaten Vermittlern sollte man misstrauen, wenn sie vorab Geld verlangen. Wer seine Stelle schon in der Tasche hat, kann mit Personalausweis einreisen und für sich und Familienangehörige eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, die in der Regel für zunächst fünf Jahre gilt. Den Antrag stellt man üblicherweise bei der Stadt oder Gemeinde, zum Beispiel bei einem Gemeindeamt oder einer Präfektur. Zur Anmeldung legt man den gültigen Personalausweis und eine Bescheinigung des Arbeitgebers vor.

Eine Grundregel der EU ist: Kein Arbeitnehmer soll Nachteile erleiden, weil er im Laufe seines Berufslebens in mehreren EU-Staaten gearbeitet hat. Mit seinen EU-Partnern hat Deutschland Doppelbesteuerungsabkommen geschlossen, um sicherzustellen, dass Einkünfte nicht zweimal besteuert werden. Wer sich im Ausland niederlässt, wird auch dort abgabenpflichtig. Sozialversicherungsbeiträge und Steuern werden in der Regel vom Arbeitgeber direkt an das Finanzamt und die Versicherungsträger abgeführt. Jedes Land zahlt die Rente, die den dort zurückgelegten Versicherungszeiten entspricht. Auskünfte erteilt die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA). Die Kontaktadressen von Länderexperten gibt es bei der Arbeiterrentenversicherung. Generell gilt: So dicht wie in Deutschland ist das soziale Netz nicht überall. Über Themen wie Kindergeld und Krankenversicherung sollte man sich vorab erkundigen.

Auch der kundigste Fachexperte hat wenig Chancen ohne Kenntnisse der jeweiligen Landessprache. Während für gehobene Positionen fließende Landessprachkenntnisse zwingend erforderlich sind, genügen für Handwerker und Facharbeiter mitunter Grundkenntnisse.

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