Zeitung Heute : Über den Tod hinaus

Er hat mehr für die FDP getan als jene, die seine Integrität anzweifeln, sagte Wolfgang Kubicki über seinen Freund. Der Streit in der Partei endet auch am Grab Möllemanns nicht. Und vor der Kapelle kursieren Verschwörungstheorien.

Kristian Frigelj[Münster]

Mit diesem großen Andrang haben die Mitarbeiter des Zentralfriedhofes Münster insgeheim gerechnet. Als sie sehen, dass die Reihe der Trauergäste vor der Kapelle aus makellosem Ziegelstein immer länger wird, stellen sie draußen Pulte auf und legen zusätzliche Kondolenzbücher aus. Da stehen und sitzen dann die schwarz gekleideten Besucher an diesem heißen Freitagvormittag und versuchen, ihren Abschied von Jürgen W. Möllemann in Worte zu fassen, beobachtet von Fotografen und Kameraleuten. „Lieber Jürgen, unvergessen deine Hilfe in schweren Zeiten“, schreibt eine Frau. Danach nimmt ein Mann den Kugelschreiber und notiert „Wer aufrecht gehend, mit offenem Visier, seine Ziele verfolgt, bietet seinen hinterlistigen Gegnern eine breite Angriffsfläche.“

Dann treten sie in die Kapelle ein, wo im kühlen Halbdunkel ein geschlossener Buchensarg mit dem Leichnam Möllemanns aufgebahrt ist, umrahmt von Sträußen aus roten, gelben Gerbera und Baccara-Rosen. Ein DIN-A-3-Porträt von Möllemann und zwei kleinere in Schwarzweiß sind vor Kondolenzbüchern aufgestellt.

Viele wollen dem verstorbenen Ex-Bundesvize und NRW-Landesvorsitzenden der Liberalen ihre letzte Reverenz erweisen. Einige Frauen weinen offen oder verbergen ihre nassen Augen hinter großen Sonnenbrillen. Da sind Trauernde aus Cuxhaven, Hilden, Aachen, Köln, sogar aus Österreich angereist. Die ganze Woche über hatten bereits etwa 1200 Menschen ihre Abschiedsworte in ein Buch niedergeschrieben, das in der Bürgerhalle des Münsteraner Rathauses lag.

Als nach drei Stunden die Kapelle für Besucher geschlossen wird, öffnet sich das schwarze, gusseiserne Tor des Friedhofes nebenan und gibt den Blick frei auf den engsten Freundeskreis, der langsam näher kommt. Etwa 300 Menschen verfolgen hinter dem Absperrgitter wie die schwarze kleine Gemeinde sich nähert und am Tor Halt macht. Auch der FDP-Ehrenvorsitzende und Ziehvater Möllemanns, Hans-Dietrich Genscher, ist darunter – obwohl Möllemann auch ihn in seinem Buch „Klartext“ enttäuscht als „angeblichen Freund“ bezeichnet hat und er zunächst zur Beerdigung nicht eingeladen war. Rudi Assauer, Manager von Schalke 04, dessen Aufsichtsrat Möllemann angehört hatte, ist unter den 120 geladenen Gästen. Assauer, ohne seine charakteristische Zigarre, hat noch Charlie Neumann mitgenommen, den Mannschaftsbetreuer. Neumann steht mit geschulterter blau-weißer Schalker Vereinsflagge da. Dann wird Abdallah Frangi, Generaldelegierter der PLO in Deutschland, in der Runde begrüßt. Genscher setzt sich als einer der Ersten in Bewegung und geht mit bleichem, versteinertem Gesicht in die Kapelle.

Unter den Besuchern ist Spannung zu spüren. Die meisten schweigen. Sie warten auf die Witwe Carola Möllemann-Appelhoff, auf ihre Töchter Maike, Esther und Anja. Drei Männer, einer ist ein Nachbar der Familie Möllemann, überlegen laut, ob der frühere FDP-Politiker beim Fallschirmsprung wirklich Selbstmord begangen haben könnte. Verschwörungstheorien machen an diesem Tag immer wieder die Runde.

Die Stimme zittert

Inzwischen ist die Trauergesellschaft fast komplett in der Kapelle verschwunden. Als eine der Letzten fahren Wolfgang Kubicki, Fraktionschef im Landtag Schleswig-Holsteins, und seine Frau Annette in einer silbernen Limousine vor. Dann beginnt die Zeremonie. Was die Besucher nicht ahnen: Die Witwe Möllemanns und ihre Töchter sind bis zum Eingang der Kapelle chauffiert worden und fast gänzlich verborgen hinter zwei Dutzend Personen in die Kapelle gegangen.

Kubicki hält die erste der Trauerreden, die für die wartenden Besucher vor der Kapelle übertragen werden. Seine Stimme zittert, bricht immer wieder weg. Sekundenlanges Schluchzen ist zu hören. „Jürgen Möllemann hat mehr für das Gemeinwesen und die FDP getan als jene, die jetzt seine persönliche Integrität in Zweifel ziehen“, sagt er. Der Vorwurf des Antisemitismus habe Möllemann tief getroffen. Viel weiter geht Kubicki nicht mit seiner Kritik, die nicht zuletzt auf die FDP-Bundesspitze zielt. Es ist zu ahnen, dass der Tod Möllemanns nicht das Ende aller Feindschaft bei den Liberalen sein wird.

Danach spricht Gerd Rehberg, Präsident von Schalke 04. In seiner markantesten Passage spielt er indirekt auf den Konflikt zwischen Möllemann und der Parteiführung an, der sich durch die Spendenaffäre zuletzt dramatisch zugespitzt hatte. Die sei „eine ernste Mahnung, bei Differenzen im menschlich-persönlichen und politischen Bereich nicht so miteinander umzugehen, wie man es mit Möllemann getan hat“, sagt Rehberg.

Nachdem die etwa einstündige Zeremonie beendet ist, tragen sechs Fallschirmsportler den Sarg Möllemanns nach draußen. Dahinter ist erstmals Carola Möllemann-Appelhoff zu sehen. Sie trägt einen schwarzen Hut, der bis zur Sonnenbrille reicht. Die 54-Jährige stützt sich auf eine ihrer Töchter. Sie gehen wieder durch das gusseiserne Tor zurück zum Grab.

Die Beerdigung des umstrittenen Politikers ist für all jene, die gekommen sind, ein persönlicher Staatsakt. Zu einem offiziellen ist es letztlich nicht gekommen, gerade weil der Tod Möllemanns die Fronten in der FDP verhärtet hat und man sich nicht auf eine gemeinsame Bitte einigen konnte. Politik ist allgegenwärtig auf diesem Begräbnis, auch wenn Münsters Oberbürgermeister Berthold Tillmann betont, es gehe „um den Menschen, um den Münsteraner Möllemann“. Der gebürtige Augsburger wird als „Sohn der Stadt Münster“ tituliert. Hier und in der Umgebung war Möllemann weithin beliebt und bewundert.

Der Tod Möllemanns hat seinen Anhängern und Gegnern keinen Frieden gebracht. Am sichtbarsten wurde dies am vergangenen Dienstag, als die Witwe Carola Möllemann-Appelhoff und der FDP-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle ihre Todesanzeigen in den Regionalzeitungen von Münster abdrucken ließen. Die tiefe Verbitterung der 54-Jährigen ist herauszulesen, es ist eine schwere Anklage: „Werden uns diejenigen Rechenschaft geben, die auf niederträchtige Weise versucht haben, sowohl den Menschen Jürgen W. Möllemann wie auch sein politisches Lebenswerk zu zerstören, für das er mehr als 30 Jahre leidenschaftlich mit Herz und Seele gekämpft hat?“

Der große Bruch

Im Kontrast zu dieser emotionalen Passage, die selbst Nahestehende der Witwe aufgeschreckt hat, beschränken sich Westerwelle und Bundestagsfraktionschef Wolfgang Gerhardt auf kühle, distanzierte Formulierungen: „Ein tragisches Geschehen“ habe ein Leben beendet, „das von großem Erfolg und Anerkennung, aber auch von Rückschlägen gekennzeichnet war“, heißt es dort unter anderem. Kontakte zwischen Möllemann-Appelhoff und Westerwelle hat es nicht gegeben, beide haben sich bisher gemieden und werden es voraussichtlich weiterhin tun.

Ohnehin hatte Möllemann mit Westerwelle endgültig gebrochen, als er Mitte März sein Buch „Klartext“ veröffentlichte, in dem er den Parteichef als Weichling skizziert. „Zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben“, das hat Jürgen W. Möllemann in seinem Buch den Liberalen prognostiziert. Wenige Tage nach Erscheinen des Buches ist er aus der Partei ausgetreten. Vielleicht hat diese Voraussagung von einem bestimmten Zeitpunkt an auch für ihn persönlich gegolten.

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