Zeitung Heute : Über die Bühne hinaus

„Transfabrik“ präsentiert eine junge Künstlergeneration aus Deutschland und Frankreich, die mit ihrer Arbeit an der Schnittstelle von Performance, Tanz, Bildender Kunst und Diskurs als letzter Schrei der Branche gilt.

Geburt des Missverständnisses. „Germinal“ von Halory Goerger & Antoine Defoort handelt von der Erschaffung der Welt durch Sprache. Foto: Alain Rico
Geburt des Missverständnisses. „Germinal“ von Halory Goerger & Antoine Defoort handelt von der Erschaffung der Welt durch Sprache....

Die meiste Zeit verbringt Luc Paquier, der Leiter des Bureau du Théâtre et de la Danse beim Institut Français, dieser Tage in Zügen und Fliegern. Sein anspruchsvolles Projekt „Transfabrik“ – ein französisch-deutsches Festival innovativer Performancekunst, das über vier Monate nacheinander in sieben Städten stattfindet – läuft auf Hochtouren. Gerade kommt Paquier aus Essen, der dritten Festivalstation: Wie schon Anfang März bei der Eröffnung in Brest und Ende März in der Hamburger Kampnagel-Fabrik sei es auch im Ruhrgebiet gelungen, ein „sehr junges Publikum zu aktivieren“, freut sich der Impulsgeber. Und er gesteht in aller sympathischen Bescheidenheit, auf das Programm wirklich stolz zu sein.

Das kann er auch. Zwar ist die „Transfabrik“, die Ende April für zwei Wochen im Berliner HAU Station macht, nicht das erste von der Tanz- und Theaterabteilung des Institut Français organisierte Festival. Doch lag der Fokus bisher, so Paquier, „auf der Präsentation französischer Kunst in Berlin“, handelt es sich jetzt tatsächlich um ein lebendiges bilaterales Austauschprogramm. Ausgestattet mit einem finanziellen Gesamtvolumen von 890 000 Euro gehört die auch mit Unterstützung des Goethe-Instituts angestoßene „Transfabrik“ zu den Hauptprojekten des deutsch-französischen Jahres, mit dem beide Länder den 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags feiern.

Und Paquier hat das – gemessen an Anspruch und Umfang des Unterfangens – gar nicht so üppige Budget wirklich hervorragend angelegt. Denn zum einen ist die „Transfabrik“, die insgesamt 75 Aufführungen umfasst, kein Schaulaufen der üblichen Verdächtigen, sondern lädt zu Entdeckungen ein: Präsentiert wird eine vergleichsweise junge, transdisziplinäre Künstlergeneration, die mit ihrer Arbeit an der Schnittstelle von Performance, Tanz, Bildender Kunst und Diskurs tatsächlich als letzter Schrei der Branche gilt. Das Künstlerkollektiv France Distraction aus Lille und Brüssel etwa wird sein Publikum am HAU 2 in einem mit 25 000 Gummibällen gefüllten Swimmingpool empfangen, um mit wechselnden Gesprächspartnern über deutsch-französische Philosophie zu fachsimpeln.

Zum Zweiten ist es Luc Paquier gelungen, die künstlerische Kompetenz von elf renommierten Spielstättenleitern und -leiterinnen beider Länder aufs Produktivste zu bündeln. Vom Théâtre de la Cité Internationale Paris über das Centre Pompidou-Metz bis zu PACT Zollverein Essen oder eben dem HAU Berlin sind die innovativsten Zentren für zeitgenössische Darstellende Kunst im Boot. Jeder Spielstättenleiter, erklärt Paquier, habe sein jeweiliges Programm-Modul eigenständig erarbeitet: „Ich selbst habe nur den Rahmen entwickelt.“

Was so leicht und bescheiden klingt, ist in Wahrheit eine harte – und sinnvolle – Vermittlungsarbeit. Denn damit die beabsichtigte deutsch-französische Vernetzung nicht nur eine wohl klingende Leerformel bleibt, organisierte Paquier insgesamt zehn Vorbereitungstreffen, auf denen sämtliche Programmleiter das Gesamtpaket ausführlich diskutierten, sich gegenseitig Künstler und Künstlerinnen empfahlen und mit infrastruktureller Hilfe zur Seite standen. Sein Büro, lacht Paquier, habe während der insgesamt dreijährigen Vorbereitungszeit „mindestens 500 Performance-Mitschnitte auf DVD gebrannt und als Anschauungsmaterial in alle Winde verschickt“.

Logisch, dass die so entstandenen Netzwerke weit über das Festival hinausreichen: „Viele Institutionen haben schon jetzt neue Koproduktionsvorhaben verabredet“, zieht Paquier eine überaus positive Zwischenbilanz. Und viele hervorragende Künstler, die bis dato nur in ihrem Heimatland präsent waren, erfreuten sich jetzt verdienter internationaler Sichtbarkeit.

Dass 16 ausgewählte Studenten aus beiden Ländern das Festival zudem unter professioneller Anleitung begleiten und unter anderem neue Kriterien zu Verständnis und Beschreibung disziplinenübergreifender Kunst entwickeln, hilft beim nötigen Brückenschlag zwischen Theorie und künstlerischer Praxis enorm.

Eine eigens für „Transfabrik“ entwickelte Produktion wird übrigens, gleich einer Festival- Hymne, an allen Veranstaltungsorten gezeigt: Der in Frankreich geborene und in Deutschland lebende Choreograf und Regisseur Laurent Chétouane lässt in seinem Duett „M!M“ zwei Performer über die Freundschaft reflektieren. Inspiriert ist das Stück von Jacques Derridas anspruchsvollem Text „Politik der Freundschaft“. Ein genialeres Symbol für die „Transfabrik“, so Paquier, ließe sich kaum vorstellen.

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