Zeitung Heute : Über die Möglichkeiten, den Bundeskanzler zu verstimmen (Glosse)

jbh

Die Neujahrsansprachen deutscher Kanzler haben etwas von einem säkularen Papstsegen "urbi et orbi". Der Amtsinhaber schaut den Mitbürgerinnen und Mitbürgern tief in die Augen, verbindet Appell mit Mahnung, die Mahnung mit Hoffnung und die Hoffnung mit Zuversicht. Der Grundton ist ernst. Dem Telefonanbieter Talkline war es auch ernst, als er sich mit einer Bundeskanzler-Schröder-Neujahrsansprachen-Parodie ins ZDF-Werbefernsehen einbuchte. Das hätte im Silvester-Programm erst den falschen, dann den echten Schröder bedeutet. Dem ZDF-Intendanten war es todernst, als er die schöne Einnahme von 250 000 Mark zurückwies und Herbert Wandschneider, das Schröder-Imitat, vom Mainzer Lerchenberg verwies. Senderchef Dieter Stolte erkannte auf "Geschmacklosigkeit". Er schien zu fürchten, dass in der Tiefe des politischen Raums die stets aktuelle Frage "Was nun, Herr Schröder?" mit der ewigen Absage "Jetzt nicht, Herr Stolte!" beantwortet würde. Gestern unterbreiteten die Privatsender RTL und RTL 2 dem Telefonanbieter aus Elmshorn ein ernsthaftes Angebot. Sie wollen Spot, Geld und Parodist in ihre Silvester-Programme übernehmen. RTL (mit der Comedy "Wie war ich, Doris?") und RTL 2 (mit dem Schröder-Gummi) haben einschlägige Erfahrungen, wie man den echten Bundeskanzler ernstlich verstimmt. Das fängt ja gut an, das neue Jahrtausend.

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