Zeitung Heute : Über diese Brücke muss er gehen

Ganz Kalifornien hat Arnold Schwarzenegger gewählt. Ganz Kalifornien? Nein, eine Stadt leistet Widerstand. Ein Besuch in San Francisco.

Kerstin Kohlenberg

Sie kommen ganz lautlos. In Vierer-Formation, silbern glänzend, dicht an dicht fliegen sie durch den blauen Himmel, über die Golden Gate Bridge, die die Bucht von einem Hügel bis zum nächsten überspannt, wie ein rot lackierter Fingernagel. Nur wenige Menschen gucken hoch. Vier weiße Streifen hinterlassen die Jets. Wie Reifenspuren im Sand. Es sind die Blue Angel der US-Navy. Sie fliegen einen Bogen, raus aus der Bay von San Francisco, dann sind sie verschwunden. Jetzt erst hört man sie, einen Knall, so laut wie Kanonendonner, sie waren schneller als der Schall. Die Gesichter am Boden wandern sofort nach oben, und haben doch schon alles verpasst.

Der große Knall kommt immer erst zum Schluss. So war es mit den „Dot-Commern“, und dem Zusammenbruch der New Economy im Silicon Valley, so war es mit dem Irak und so wird es auch mit Arnold Schwarzenegger kommen. Das glauben sie fest hier, in San Francisco. San Francisco hat als einzige Region in Kalifornien gegen Arnold Schwarzenegger gestimmt. Warum das so ist? Weil San Francisco all das ist, was Schwarzenegger nicht ist. Feministisch und homosexuell, bekifft und traumatisiert und immer am träumen.

Die Stadt ist wie ein Glühwürmchen, torkelnd, wie nach einer durchzechten Nacht am Lagerfeuer. Und oft hat sie den ganzen Tag danach ein neblig-weißes Kissen über dem Kopf, aber das sieht keiner, 43 Hügel hat sie um sich herum geschart. Die 600 Menschen, die hier ganz zu Beginn einmal lebten, verloren sich noch dazwischen. Dann kam das Gold und der Rausch, der den Leuten den Kopf summen ließ, und in nur einem Jahr, 1848 war das, vervierfachten sich die Menschen zwischen den Hügeln. Das ging nicht lange gut, es gab Krach und Gewalt, bis das große Erdbeben 1906 alle zum Schweigen brachte. Jetzt sind es wieder 725 000 Einwohner, das nächste Erdbeben ist schon lange angekündigt. Dass es der Terminator bringen würde, das wollte man hier bis zum Schluss nicht glauben.

Isabel Allende lebt seit 17 Jahren in San Francisco. Die Schriftstellerin hat einen Amerikaner geheiratet, ist amerikanische Staatsbürgerin und Feministin geworden. Um Gottes willen, sagt sie, und schließt die Tür wieder. Es sei wirklich viel zu kalt, um draußen zu sitzen. Hatte Mark Twain nicht einmal gespottet, dass der kälteste Winter, den er je verbracht habe, ein Sommer in San Francisco gewesen sei? Isabel Allende zieht ihre grüne Samtjacke enger um den Körper und macht sich einen Tee. Es sind 27 Grad, ein leichter Wind weht von der Bay auf den Hügel, auf dem die ziegelrote Allende-Villa steht. Frau Allende trägt dicke schwarze Strumpfhosen.

Ich hasse ihn.

Der Satz fällt zwischen Erdbeeren auspacken und Wasser aufsetzen. Und er hört sich an wie eine Liebeserklärung. Eine Liebeserklärung an eine Stadt, in der vier von fünf Wählern das gleiche gedacht haben. Allendes Insel der Vernünftigen.

In der Zeitung hat sie heute Morgen von den Frauen gelesen. Dass vor allem sie für Schwarzenegger gestimmt haben. 43 Prozent. Wie kann das sein? Haben sie nicht alle die Geschichten über ihn gelesen? Es ist nur vier Jahre her, dass ein Präsident wegen einer Affäre mit einer Praktikantin beinahe abgesetzt worden wäre, und nun wird ein Mann, der regelmäßig Frauen belästigt hat, zum Gouverneur von Kalifornien gewählt? Isabel Allende ist in Chile aufgewachsen, dort ist bis heute eine Scheidung nicht erlaubt. Was ist los mit den Frauen im Rest von Kalifornien? Haben sie vergessen, wie lange der Kampf gedauert hat? Jetzt ist Frau Allende ein bisschen wärmer.

Es gäbe da noch mehr Merkwürdigkeiten, schreibt der „San Francisco Chronicle“. Schwarzenegger hat den Ruf, sehr charmant zu sein, dabei strahlt er wenig Wärme aus. Er hat ein enormes Ego, und trotzdem glauben die Menschen, dass er Selbstironie habe. In seiner Kampagne wurde er von vielen als geradeheraus wahrgenommen, dabei blieb er sehr vage mit seinen Anliegen. Und er galt als harter Kerl, dabei hat er bis auf eine, jede Fernsehdebatte vermieden. Vielleicht, sagt Isabel Allende, haben wir ihn ja verdient. Er ist einfach nur ein Schauspieler. Und dazu noch ein hässlicher.

Was ist er noch nicht? Der neue Gouverneur. Wir fahren die zehn Hügel von Isabel Allendes Villa zurück nach Downtown und treffen Jonathan B. North. Er steht an der Dritten Straße und wartet auf den 15er Bus. Seine weißen Haare stehen vom Kopf ab, die runde, schwarze Brille und die rote College-Jacke machen ihn jünger, als er ist. Vielleicht 60. Er sei schon älter, wie viel, will er aber nicht sagen, und außerdem auf dem Weg zu seinem Café, in der Nähe des Telegraph Hills, dort wo er geboren wurde, und von wo man Alcatraz sieht, die alte Gefängnisinsel. Er ist ein Träumer, ein Hippie, einer, der aus seinem Leben eine Geschichte gemacht hat, mit der es sich in Frieden leben lässt. Die Geschichte eines Poeten, der sie alle kannte, Ginsberg, Kerouac, die Jungs der Beat-Generation, und als er mal in New York gelebt hat, da habe er auch viel mit dem Maler de Kooning zu tun gehabt. Der erste 15er fährt vorbei, aber North will noch etwas erzählen, dass sein Großvater aus Deutschland kam, und seine Großmutter aus Finnland, dass er auch mal da war, in Deutschland, und dass er kein Blatt vor den Mund genommen hat. Er habe jeden auf die Nazis angesprochen, sei auch nie ein Problem gewesen, nur über die DDR, über die wollte keiner reden. Jetzt ist der zweite 15er auch weg.

Heute Abend in der Kneipe wird Jonathan North ein Gedicht aufsagen, von einem Kissen, das kein Kissen sein wollte, und sich daher aus dem Fenster stürzte. Als es unten angekommen ist, merkt das Kissen, dass es ganz sanft gelandet ist. So, findet Jonathan North, muss eine Gesellschaft funktionieren. Sie muss einem nicht alle Wünsche erfüllen, aber sie soll vor dem Schlimmsten bewahren. Normale Menschen sind mit einem einfachen Leben zufrieden. Ich war immer beeindruckt von Größe und Macht, hat Arnold Schwarzenegger in seiner Biografie geschrieben. Er ist all das, was Jonathan North nicht braucht, was San Francisco nicht ist. Die Stadt will nicht Los Angeles sein, und nicht New York. Und Schwarzenegger ist kein Träumer.

Jetzt fliegen die Jets in Zweier-Formation. Mark Decena parkt sein Auto, direkt unterhalb der Golden Gate. In ein paar Stunden muss er zurück ins Kino. Heute hat sein Film Premiere. Ein paar Touristen schnaufen den kleinen Hügel hoch, der Wind bläst immer noch, auf ein total verdrecktes Auto hat ein Witzbold geschrieben: „I wish my wife was so dirty.“ Wenn er lacht, hat Decena zwei Grübchen in der Wange. Jetzt haben die Grübchen frei. Es ist Fleet-week, da präsentiert die Army ihre Schiffe und Jets, um ein bisschen Werbung zu machen. Früher war Decena von diesen Flugshows begeistert. Heute fährt er ein Hybridauto, das mit einem Gemisch aus Strom und Benzin läuft.

Und was sagen Sie zur Umwelt, Herr Schwarzenegger? I love the nature, hat er auf einer Pressekonferenz geantwortet, I walk in it every day, nächste Frage. Haben Sie immer noch ihre vier Hummer? Wagen, so schwer wie Panzer. Ja, aber ich kann ihnen versichern, ich fahre nie mit allen vieren gleichzeitig. Schwarzenegger will die Wirtschaft durch Konsum ankurbeln. Decena will saubere Luft und höhere Benzinpreise. Und vor allem will er nicht, dass man über Kalifornien lacht. Und das, glaubt er, tun sie, im Rest der Welt. Schwarzenegger und Decena wollen zwei verschiedene Welten. Die eine, Decenas Welt, wird immer kleiner, und eigentlich ist sie am aussterben.

Marc Decena hat deshalb einen Film gemacht, ein Plädoyer gegen die Geschwindigkeit und den Optimismus, dass Technologie unser Leben zum Besseren verändert. Ein Film für seine Stadt. Er hat dafür einen Preis in Sundance bekommen, dem wichtigsten Filmfestival für Independent-Filme in den USA. Sein Film wurde vom Sundance Channel gekauft, und läuft in San Francisco, New York und Los Angeles in den Kinos. Er wird sich auch für die Berlinale bewerben. Es ist sein erster Film. Und er hat damit eine Stimmung getroffen.

Es ist die Geschichte von Rand, Johnson und Winston, die gemeinsam ein Start-up betreiben. Und es ist die Geschichte einer Generation, die sich selbst im Überangebot der Informationen verloren hat. Aus Angst, dass sie etwas verpasst, hat die Generation viel zu lange in den Himmel gestarrt, glaubt Decena. Und da oben gab es nur ein Thema: Wie viel Geld man gerade gemacht hat und wann man an die Börse geht. Vielleicht, sagt Mark Decena, klingt das jetzt alles etwas reaktionär, aber er glaube wirklich, dass sich die Menschen während des Dotcom-Booms verändert haben. Und nicht zum Guten. Sie wurden zu gierig. Die Krise habe zwar bei vielen ein Trauma ausgelöst, sie sei aber auch eine einmalige Chance, die Gier loszuwerden.

Decena steigt die Leiter an dem Beton-Wall neben dem Parkplatz hoch, und es sieht aus, als steige da jemand auf die Barrikaden, um endlich den Frieden zu verkünden. Ein Held, wie aus einem indianischen Western, in schwarzen Chucks, Jeans und T-Shirt. Man würde ihn auf 30 schätzen, auf seinem T-Shirt steht 35, in Wahrheit ist er 44. San Francisco scheint wirklich jung zu halten. Decena ist in Panama geboren, sein Vater war bei der Army, in San Francisco ist Decena zur Schule gegangen und aufgewachsen.

Von hier oben, von dem Beton-Wall, haben sie viele Aufnahmen für den Film gemacht, von der Golden Gate, der schönsten Brücke der Welt. Und der tödlichsten. Über 1300 Menschen haben sich hier schon runtergestürzt. Aus ästhetischen Gründen hat die Brückenverwaltung bislang aber einen höheren Zaun verboten.

Decena hat während des Dotcom-Booms selbst gut mitverdient. Er hat Werbung für die neuen Firmen gemacht. Filme, Anzeigen, ganze Kampagnen. Bis die Blase platzte. Darüber könnte er jetzt viele Geschichten erzählen, von seinem Nachbarn, zum Beispiel, der bei Yahoo gearbeitet hat, entlassen wurde und nachdem er immer gedacht hatte, wenn er wollte, müsse er nie wieder in seinem Leben arbeiten, jetzt, ohne Geld und ohne Arbeit mit seinem Leben nicht mehr zurecht kommt. Oder er könnte die Geschichte von seinem alten Büro erzählen, aus dem er irgendwann rausgeflogen ist, weil der Vermieter die dreifache Miete wollte. Es steht jetzt immer noch leer. Aber er hat sich entschlossen, nur eine einzige Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die der Stadt ihre Seele wiedergeben soll. Die Geschichte des Botenstoffes Dopamin, und was der Glaube daran mit den Menschen macht. Rand, der junge Kerl aus Decenas Film, glaubt nämlich, dass Liebe nichts anderes ist, als eine chemische Reaktion, die im Kopf ausgelöst wird. Eine Reaktion zum Beispiel auf einen Geruch. Rand lebt in einer völlig entzauberten Welt. Nicht nur Gott, auch die Liebe ist tot. Und das macht es ihm unmöglich, sich festzulegen und für einen Menschen zu entscheiden. Mark Decena lässt Rand die Liebe wiederfinden. Und rettet sich damit vielleicht auch selbst. Er ist seit 16 Jahren verheiratet.

Es wird spät und die Stadt beginnt blau zu leuchten. Die blaue Stunde, kurz bevor die Sonne untergeht, die Lieblingsstunde der Filmemacher. Gleich beginnt auch die Premiere. Direkt um die Ecke der Bushaltestelle von Jonathan North, 10 Hügel von Isabel Allende entfernt. Das Kino ist voll, der Film startet, er endet, großer Applaus. Jetzt können Fragen gestellt werden. Mister Decena, wo haben Sie diese vielen Bars in San Francisco gefunden, in denen man hier in Kalifornien noch rauchen darf?

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