Zeitung Heute : Über Gebühr sparsam

Tilmann Warnecke

Mehrere Bundesländer führen Studiengebühren ein, gleichzeitig kritisiert die Hochschulrektorenkonferenz, die Wirtschaft stelle nicht genug Stipendien zur Verfügung. Wie müsste das Stipendiensystem in Deutschland aussehen, um Studiengebühren aufzufangen?


Um Studiengebühren aufzufangen, müsste viel mehr Geld als bisher in Stipendien fließen. Zurzeit bekommen gerade einmal zwei Prozent der Studenten in Deutschland ein Stipendium – also finanzielle Unterstützung, die nicht zurückgezahlt werden muss.

Wenn nun an den Hochschulen Gebühren eingeführt werden, könnte das viele Jugendliche abschrecken, fürchtet das Studentenwerk. Denn Kinder aus finanzschwachen Familien wären gezwungen, einen Kredit aufzunehmen, um ihre Ausbildung zu finanzieren. Die Aussicht auf ein Stipendium könnte diesen Abschreckungseffekt mildern. Bisher waren Stipendien für Jugendliche aus weniger gut situierten Haushalten nicht nötig, denn für den Lebensunterhalt gibt es das Bafög. Ohnehin werden Stipendien in Deutschland bisher nur an wenige Auserwählte, nämlich an Hochbegabte, vergeben. Wollte man allen rund 500 000 Bafög-Empfängern die 500 Euro Studiengebühren über ein Stipendium finanzieren, wäre das teuer: Bei fünf Jahren Studienzeit wären 2,5 Milliarden Euro nötig.

Aber wer soll das bezahlen? Gefragt seien bei dem Aufbau neuer Stipendiensysteme in Deutschland vor allem „Staat und Wirtschaft“, sagt der Darmstädter Elitenforscher Michael Hartmann. In den USA, weltweit das Land mit dem ausgefeiltesten Stipendiensystem, sind 67 Prozent der Programme vom Staat finanziert. Dass das auch in Europa funktionieren kann, zeigt ein Blick nach Österreich, wo 2001 Gebühren in der Höhe von 360 Euro eingeführt wurden. Die Empfänger der dem Bafög vergleichbaren Studienbeihilfe bekommen dort seitdem auch die Gebühren vom Staat bezahlt. Der Gebührenzuschuss muss –anders als die Studienbeihilfe – später nicht zurückgezahlt werden.

In Deutschland hält sich die Politik mit ähnlichen Vorhaben zurück. Die Bundesregierung will nur die Hochbegabtenförderung ausbauen. Der Staat habe kein Geld für neue Programme, stattdessen sollten die Hochschulen neue Stipendien anbieten, sagt Lutz Stratmann (CDU), Wissenschaftsminister in Niedersachsen. Die Unis könnten Jugendliche umsonst studieren lassen, die dann als Gegenleistung Kommilitonen in Tutorien unterrichten. In den USA bieten Unis sogar noch umfangreichere Stipendien an, bei denen die Studenten keine Gegenleistungen erbringen müssen. Doch Elitenforscher Hartmann glaubt, dieser Vorschlag sei für deutsche Unis nicht finanzierbar. In den USA könnten das nur die wirklich reichen Unis wie Harvard und Princeton anbieten, die über ein Milliardenvermögen verfügten.

Deutsche Unternehmen könnten da helfen. So wollte die Wirtschaft „Stipendien mit mehreren Milliarden Euro unterstützen“, wie Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie, im vergangenen Jahr angekündigt hatte. Firmen könnten Patenschaften für Studenten übernehmen oder Fonds aufbauen. Bislang ist es aber nur bei Ankündigungen geblieben.

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