Zeitung Heute : Über kurz oder lang

Wer Kurzfilme sehen will, tut dies noch immer auf Festivals. Doch wer weiß, wie lange noch. Zur Verleihung des Deutschen Kurzfilmpreises am 4. November in Potsdam

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Von Julian Hanich Der Kurzfilm fristet ein Schattendasein. Die Leinwände werden von den großen Spiel und Dokumentarfilmen dominiert. Nur selten darf der Kurzfilm hinaus ins Rampenlicht. Gelegentlich horcht die Öffentlichkeit auf, wenn sich bei der Oscar-Verleihung ein deutscher Kurzfilm in den Vordergrund schiebt. In den vergangenen Jahren konnte man das bei den Auszeichnungen für Pepe Danquarts „Schwarzfahrer“ (1993), Thomas Stellmachs Animationsfilm „Quest“ (1996) und Florian Gallenbergers „Quiero Ser“ (2000) verfolgen. Darüber hinaus gab es in jüngerer Zeit eine Reihe von Episoden- und Kompilationsfilmen, die sich aus Kurzfilmen zusammensetzten – von Jim Jarmuschs „Coffee and Cigarettes“ bis zum 9/11-Projekt, an dem Regisseure wie Ken Loach und Samira Makhmalbaf beteiligt waren.

Ansonsten kommt der Durchschnittszuschauer nur selten mit Kurzfilmen in Berührung. Als Vorfilm im Kino, wie es früher üblich war, treten sie kaum mehr in Erscheinung. Arte und 3Sat haben zwar spezielle Sendeplätze frei geräumt und in den dritten Programmen wird der Kurzfilm gerade wiederentdeckt – doch Sendeminuten sind rar. Wer Kurzfilme sehen will, tut dies auf den Festivals: in Oberhausen, Dresden, Hamburg oder Berlin.

Diese Situation ist ungerecht. Denn der Kurzfilm ist eine anregende Experimentierform, bei der die wirtschaftliche Zwangsjacke lockerer sitzt und die Bewegungsfreiheiten größer sind. Vor allem aber ist es ein Übungsbecken für den Nachwuchs, der auf den kurzen Bahnen probt, weil er für die langen Strecken noch nicht den Atem hat.

Wenn am Freitag, dem 4. November, Kulturstaatsministerin Christina Weiss den Deutschen Kurzfilmpreis verleiht, stehen daher zwei Dinge im Vordergrund: einer unterschätzten Kunstform mehr Aufmerksamkeit zu schenken und den Nachwuchs zu fördern.

Zu beidem scheint der Preis bestens geeignet. Denn obwohl in den letzten Jahren private Konkurrenz erwachsen ist (beispielsweise durch den First Steps Award), bleibt der seit 1956 vom Bund verliehene Deutsche Kurzfilmpreis die prestigeträchtigste und höchstdotierte Auszeichnung seiner Art in Deutschland.

Er wird in vier Kategorien vergeben: Spielfilme bis 7 Minuten; Spielfilme zwischen 7 und 30 Minuten; Dokumentarfilme sowie Animationsfilme bis jeweils 30 Minuten. Außerdem kann in speziellen Fällen ein Sonderpreis verliehen werden – so auch in diesem Jahr. Aus 203 Bewerbern (im vergangenen Jahr: 197) wurden letztlich elf Filme ausgewählt, die sich um die vier Auszeichnungen plus den Sonderpreis rangeln. Die Gewinner bekommen 30 000 Euro; beim Sonderpreis sind es 20 000 Euro. Die Nominierten erhalten 12 500 Euro. Neben den goldenen „Lola“-Statuen stehen also insgesamt 215 000 Euro an Prämien bereit.

Das mag im Vergleich mit den 2,845 Millionen Euro des Deutschen Filmpreises ein Kinkerlitzchen sein. Aber in einer Sparte, die sich aufgrund ihrer Kürze durch geringe Budgets auszeichnet, können 30 000 Euro viel Kreativität in Bewegung setzen – zumal bei Regisseuren, die sich noch nicht an die große Finanzmaschinerie des Kinos gewöhnt haben. Dass die Prämie als Stimulans wieder in die Entwicklung oder Produktion eines neuen Films gespritzt wird, ist auf jeden Fall in den Regularien des Preises festgelegt: Das Geld wird erst dann überwiesen, wenn das nächste Projekt vorgewiesen werden kann. Profitiert haben davon unter anderem Regisseure wie Elfi Mikesch, Veit Helmer oder Tom Tykwer.

Wie wichtig dabei der Aspekt der Nachwuchsförderung ist, zeigt auch die Wahl des Veranstaltungsorts. Erstmals findet die Verleihung in einer der sechs deutschen Filmhochschulen (Berlin, München, Köln, Hamburg, Ludwigsburg und Potsdam) statt, von denen stets der Großteil der Nominierungen stammt. In diesem Jahr löst die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam die Berliner Kulturbrauerei ab, wo die Preisverleihung zuletzt drei Mal stattfand. Künftig soll zwischen den Hochschulen rotiert werden. Mit diesem Schritt will Christina Weiss die Arbeit der Filmausbildungsstätten honorieren und ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken. Damit der Nachwuchs den Kurzfilm von seinem Schattendasein befreit.

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