Zeitung Heute : Über Machtspiele lächeln

Von Elisabeth Binder

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Vielleicht eine Zufallsbeobachtung, vielleicht aber auch letztes Relikt eines Lebens in einer totalitären Gesellschaft. Kürzlich fragten wir uns in einer kleinen sonntäglichen Cocktailrunde, wie es kommt, dass in den neuen Ländern Leute in gehobenen Positionen gelegentlich fragen, ob einer die Macht hat, etwas durchzusetzen. Sie sagen nicht: „Könnten Sie mir einen Gefallen tun und meinen Großneffen als Azubi in Ihrem Geschäft unterbringen?“ Oder: „Würden Sie es für klug und richtig halten, wenn mein überaus begabter Großneffe sich in Ihrem Geschäfte bewirbt?“ Sie fragen: „Haben Sie die Macht, meinen Großneffen in Ihrem Geschäft unterzubringen?“

Das ist aus verschiedenen Gründen schade. Erstens diskreditiert es den Großneffen und dies womöglich ganz zu Unrecht. Könnte ja sein, dass er Qualitäten hat, nach denen sich Mentoren die Finger lecken, und die von Betrieben dringlichst gesucht werden. Zweitens entlarven sich Menschen, die so argumentieren, als nicht so kulturvoll, wie sie möglicherweise gern erscheinen möchten. Sie erwecken vielmehr den Eindruck, als würden in schwierigen Zeiten Errungenschaften der Zivilisation zurückgestoßen zugunsten eines überkommenen Darwinismus, der alles nur noch schlimmer macht.

Kürzlich war auf den Sonntagsseiten dieser Zeitung ein langes Portrait über Saddam Hussein zu lesen, in dem eindrucksvoll beschrieben wurde, wie die Menschen auf dem Dorf in Angst voreinander leben, weil offenbar allein das Recht des physisch stärkeren Clans gilt. Die ganz archaische Variante der Macht: Wer Gewalt über andere erringt, gewinnt. Das mag auf den ersten Blick viel einfacher erscheinen, als es tatsächlich ist. In einer solchen Welt muss man immer wachsam sein, um die Macht zu behalten, man darf nicht schlafen, man darf nicht krank werden, sich keinen schwachen Moment einräumen. Für den Diktator in Bagdad ist die westliche Welt schwach, weil sie anders, komplizierter tickt.

Das ist natürlich ein Irrtum, denn komplizierter bedeutet auch raffinierter, weil echte Stärke erst jenseits von roher Macht beginnt. Noch vor wenigen Jahrzehnten konnten sich auch in unserer Gesellschaft Wirtschaftsbosse halten, bis sie tot aus dem Chefsessel kippten. Inzwischen müssen sie immer öfter und in immer kürzeren Zeitabständen damit rechnen, gekippt zu werden (weshalb sie sich vielleicht vorher gern mutwillig der Gefahr aussetzen, an Geld zu ersticken). Das liegt unter anderem an neuen Mechanismen, die zum Fortschritt beitragen.

Der gnadenlose Kampf um Erfolg ist nicht mehr mit Gewalt zu gewinnen. Rohe Macht hat ein Haltbarkeitsdatum, das zur Qualitätssicherung und -weiterentwicklung nicht ausreicht. Deshalb verlangt Macht heute unbedingt nach der Gesellschaft von Erfolg. Bleibt der aus, verfällt sie. Erfolg gedeiht am besten auf guten Argumenten, Willkür schlägt ihn nachhaltig in die Flucht. Nicht, dass Macht, gut eingesetzt, etwas Schlechtes wäre. Sie ist nur, vielleicht im Kontrast auch zu den alten DDR-Zeiten, immer komplexer geworden, deshalb aber vielleicht auch besser.

Weil heute Sonntag ist, fangen wir also mal so an: „Ich hätte da eine Lösung für alle Ihre Probleme. Meinen Großneffen!“

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