Zeitung Heute : Über Verhaltensregeln reden

Helmut Schümann

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Die Familie ist ausgeflogen. Die Mutter ist auf dem Land, die frühere Ruine kultivieren. Damit daraus ein Haus wird. Der ältere Mann ist in den Niederlanden. Der jüngere Mann schaut sich Krakau an. Und Auschwitz.

Ein paar Tage zuvor war er mit dem älteren Mann zum Männergespräch in der Kneipe. Seitdem Paul seine Zeit als Pubertist für beendet erklärt hat, führt er ab und an mit dem Vater solche Männergespräche. Über jüngere Frauen zum Beispiel, aber da hält Paul sich noch zurück. Was das Reden darüber angeht. Oder über Rechte und Pflichten zu Hause. Da hält sich Paul auch zurück. Was die Pflichten angeht. Bei seinen Rechten redet er. Über sein Recht etwa, sein Zimmer im Zustand der Verwahrlosung zu belassen. „Du“, sagte Paul, „die haben uns in der Schule Verhaltensregeln gegeben.“ Der ältere Mann schaute erfreut. „Fürs Zimmer aufräumen?“, fragte er. „Nee, nee“, sagte Paul, „nicht schon wieder diese Diskussion. Für Auschwitz natürlich, für unseren Besuch dort.“

Ein Bekannter hatte sich an den Tisch gesetzt, Generation des Vaters, mit zwei, drei Bieren Vorsprung. „Oha“, sagte er, „die Söhne der Täter besuchen Auschwitz.“ Paul schaute unter seinen Dreadlocks hervor: „Aha“, sagte er zu dem Bekannten, „du bist so alt wie mein Vater. Wenn ich Sohn eines Täters sein soll, musst du ja auch einer gewesen sein.“ „Hä“, sagte der Bekannte, verließ den Tisch und erhöhte seinen Biervorsprung.

„Als ich so alt war wie du“, sagte der Vater, „war ich mit dem Sportverein in Holland. Da wurden wir als Nazis beschimpft.“ Paul verdrehte die Augen. „Holländer“, sagte er, „und Fußball spielen können sie auch nicht. Was hatte eure Generation mit den Nazis zu tun?“

„Kollektivschuld nennt man das“, sagte der Vater. „Und die ist vererbbar?“, fragte Paul, „ich bin nicht verantwortlich für Auschwitz.“ „Schlecht wird dir trotzdem werden“, sagte der Vater. „Weiß ich“, sagte Paul, „deswegen fahren wir ja hin.“ Und dann erzählte er noch, wie kürzlich auf einer Party beim wichtigen Arthur ein Neonazi auftauchte. „Keine zwei Minuten war der da“, sagte Paul, „dann flog er raus.“

„Die Biere zahle ich heute“, sagte der Vater.

Gedenkstätte für das KZ Sachsenhausen, Oranienburg, Straße der Nationen 22. Geöffnet täglich außer montags von 8. 30 bis 16. 30 Uhr.

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