Zeitung Heute : Überall Heimvorteil

Intrigen hat er überstanden, Korruptionsvorwürfe ausgesessen, Gegner vernichtet – Joseph Blatter, Fifa-Präsident. Heute ist sein Tag

Robert Ide[Leipzig]

Sepp war zu Hause, aber nicht daheim. Gerade hatte der junge Mittelstürmer einen Nachwuchsvertrag beim Fußballklub Lausanne Sport unterschrieben und war damit stolz zu seinen Eltern gekommen. Doch sein Vater klopfte ihm nicht anerkennend auf die Schulter. „Mit Fußball wirst du nie Geld verdienen“, schrie der Patriarch. Dann zerriss er den Vertrag.

Sepp ist nicht zu Hause, aber er ist daheim. Gerade sitzt der Schweizer im Leipziger Messezentrum und referiert über seine Welt. „Fußball ist Kunst, weil er anspruchsvoll ist und doch leicht zu verstehen“, sagt der Patriarch. Vor ihm auf dem Tisch liegen ein paar Papiere mit Stichpunkten. Blatter streicht mit der Hand sanft über die Seiten.

Zwischen diesen Ereignissen liegen Jahrzehnte, geopfert für eine Leidenschaft. Joseph S. Blatter, 69, offizieller Wohnort Zürich, das S. steht für Sepp, ist Präsident der Fédération Internationale de Football Association, also des Weltfußballverbandes Fifa. Er gibt die Regeln vor für 205 Landesverbände, das sind mehr Staaten als in der Uno. Unter Blatters Führung hat die Fifa die Fußball-Weltmeisterschaft zur Geldmaschine gemacht, das Turnier im kommenden Sommer in Deutschland bringt Einnahmen von 1,6 Milliarden Euro. Schon die Auslosung der Vorrundengruppen am heutigen Abend in Leipzig ist ein Ereignis von Weltgeltung. Unter den Augen von 160 live zugeschalteten Ländern wird Blatter gemeinsam mit Bundespräsident Horst Köhler die Zeremonie eröffnen, die Größen der nationalen Politik und des internationalen Sports werden versammelt sein. In ihrer Mitte wird der Mittelstürmer stehen, an dessen Talent, aus Fußball Geld zu machen, niemand mehr zweifeln kann.

Er ist, was er ist, weil er durchgehalten hat. Globusumspannende Intrigen hat er überstanden, Korruptionsvorwürfe der härtesten Art ausgesessen, Gegner aus den Gremien vertrieben. Er hat dabei zu Mitteln gegriffen, die mit Demokratie wenig zu tun haben. Wozu auch? Die Fifa ist eine private Organisation, finanziert von Fernsehsendern, Sponsoren und Ticketkäufern. Als Blatter 1998 als Fifa-Generalsekretär in den Wahlkampf ums Präsidentenamt zog, wollte er nicht allein auf seinen Charme und seine Internationalität bauen, auch wenn er sich das an Kennedy angelehnte Kürzel JSB verpasste. Viele Beobachter waren sich damals sicher, dass Europas Fußballchef Lennart Johansson die Wahl gewinnt, auch der Deutsche Fußball-Bund hoffte auf ihn. Doch in der Nacht vor der Wahl wechselten Umschläge den Besitzer, wie Zeugen berichteten. Am nächsten Morgen stimmten vor allem afrikanische Delegierte für Blatter – er hatte Afrika auch noch die WM 2006 versprochen. Seine Wiederwahl 2002 war ähnlich anrüchig. Kritikern entzog er dreist das Mikrofon. „Der ist zäh wie Leder“, sagen hohe Sportfunktionäre. In diesen Worten liegt Bewunderung, aber auch Ehrfurcht, die aus Furcht erwächst.

Joseph S. Blatter hat sich verändert, er ist altersmilde geworden, zumindest versucht er, diesen Eindruck zu erwecken. Inmitten einer hektischen Tagungswoche in Leipzig, wo die von Blatter so genannte „Fifa-Familie“ seit Montag konferiert, nimmt er sich gerne Zeit, um, recht abstrakt, über Fußball zu philosophieren. „Das Spiel spiegelt das Leben wider“, ruft Blatter und hebt die Hände wie zum Gebet. „Sobald ich den Ball berühre, verliere ich das Gleichgewicht.“ Der Mensch habe den Drang, einen Ball zu treten und dabei das Gleichgewicht zu halten. „Sogar ein ungeborenes Kind kickt im Bauch der Mutter mit den Füßen“, sagt Blatter ohne eine Regung im Gesicht. Für ihn ist dieser Spaß ernst.

Hat er eine Mission? Er will den Planeten mit Fußball beglücken, sein Verband hat Entwicklungsprogramme aller Art aufgelegt. Doch in der Fifa-Familie ist es kein Geheimnis, dass viele Schweizer Franken auch zur Sicherung von Loyalitäten überwiesen werden. Nachdem die WM 2006 nach Deutschland vergeben wurde und nicht nach Afrika, wie Blatter das versprochen hatte – eine der wenigen sportpolitischen Niederlagen Blatters, beigebracht vom ähnlich akribischen Stimmensammler und Vielflieger Franz Beckenbauer, unterstützt von Blatters Rivalen Johansson – wird das Turnier nun 2010 in Südafrika ausgetragen. „Davon sollen alle Länder südlich der Sahara profitieren“, fordert Blatter. Ist er plötzlich ein Gutmensch geworden?

Zuletzt ist Blatter immer öfter gegen den „Wildwest-Kapitalismus“ der großen Fußballklubs zu Felde gezogen, jetzt will er das Rauchen in Stadien verbieten aus Respekt vor der Umwelt und den Mitmenschen – dabei gönnt er sich selbst gerne mal eine Zigarre. Kritiker werfen ihm vor, seine Visionen sollten lediglich die Profitmaximierung der Fifa bemänteln. Aber einflussreiche Funktionäre wie Jack Warner, der als Fußballverbandschef von Trinidad und Tobago zum Stimmensammler für Blatter avancierte und es zeitgleich zum Fifa-Vizepräsidenten und Multimillionär brachte, lassen eine Strategie dahinter erahnen. „Sepp Blatter tut etwas für die kleinen Länder“, sagt Warner und gönnt sich ein geheimnisumwittertes Lächeln. „Und die Kleinen haben die Mehrheit in der Fifa.“

Es ist noch nicht lange her, da war Blatters Reich der Pleite nahe. Die Firma ISL, die die WM vermarkten sollte, meldete 2001 Konkurs an, daraufhin gab die Fifa die Fernsehrechte an Kirch weiter, doch auch hier war ein Jahr später Schluss. Auf 30 Millionen US-Dollar bezifferte Blatter den Verlust, Finanzexperten gingen vom Zehnfachen aus. Schwarzkonten wurden entdeckt, Versicherungen kündigten Verträge, und der damalige Fifa-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen und zehn von 24 Mitgliedern der Fifa-Exekutive stellten Strafanzeige gegen Blatter wegen Korruption, Amtsmissbrauchs und Misswirtschaft. Doch wieder wand sich der Walliser heraus, sammelte Unterstützer, vergraulte Gegner, entzog und erteilte das Wort – und wurde wiedergewählt. Seine Kritiker zogen ab und ließen ihre Klage fallen. „Wir haben alles überstanden“, sagt Blatter rückblickend. „Das ist Vergangenheit.“

Blatter ist klug genug, zu wissen, dass das nicht die Wahrheit ist. Erst Anfang November war die Schweizer Polizei in sein Büro am Zürcher Sonnenberg gestürmt und hatte haufenweise Akten mitgenommen. Es wird immer noch ermittelt wegen der Pleite von ISL, die Fifa hatte einst Strafanzeige gestellt, sie später aber zurückgezogen. Etwa, weil sie selbst ins Blickfeld der Ermittler geraten war? Etwa, weil alte Korruptionszahlungen aufgedeckt werden könnten? In der Fifa hat die Polizeiaktion Unruhe ausgelöst. Wie ernst die Sache genommen wird, demonstriert Blatters inzwischen offiziell versöhnter Rivale Johansson. „Ich weiß nichts davon“, verteidigt sich der Schwede sofort, als er das Kürzel ISL hört. „Falls es tatsächlich Zahlungen gab, die Herr Blatter gedeckt hat, wird es schwierig für ihn“, sagt ein anderer Funktionär, der lieber ungenannt bleiben möchte. Und falls Blatter auch diese Sache übersteht? Viele zucken die Schultern. „Dann wird er 2007 wiedergewählt.“

Das Vorhandensein von Macht wird an kleinen Dingen deutlich. Die Fifa hat in Leipzig das komplette Messegelände übernommen, es gibt abgetrennte Zonen für wichtige und weniger wichtige Leute. Alle Frauen und Männer, auch jene mit den Anzügen, auf denen ein goldener Schriftzug „100 Jahre Fifa“ eingestickt ist, haben eine Akkreditierung um den Hals. Nur Blatter hat keine. Auf einer Pressekonferenz im Konferenzsaal kann Blatter einen Fragesteller nicht erkennen, weil ein neben ihm postierter Fifa-Fußball die Sicht verdeckt. „Urs, nimm doch mal den Ball weg“, blafft Blatter seinen treuen Generalsekretär Urs Linsi an. Urs nimmt den Ball weg.

Sepp will weitermachen, das sieht man ihm an. Wie er sich durch Journalistenpulks kämpft und dabei jede Frage geduldig beantwortet – wahlweise auf Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch oder Deutsch. Wie er um die Welt reist an mindestens 200 Tagen im Jahr, von Tagungszentrum zu Tagungszentrum, von Zeitzone zu Zeitzone. Wie er mal eben bei den deutschen WM-Organisatoren die „rote Warnlampe“ anknipst und so mit wenigen Worten seine Allmacht unterstreicht. Wie er Menschen, die ihm zuhören sollen, an sich zieht. So sieht keiner aus, der müde ist oder der noch etwas anderes vorhat im Leben. Sepp Blatter sagt, er ist mit dem Fußball verheiratet. Drei Ehen sind daran zerbrochen.

Wer soll es machen nach 2011? Darüber reden die versammelten Verbandsfürsten in ihren Nobelhotels bei schwerem Rotwein. Vielleicht Urs Linsi, der akribische, aber glanzlose Generalsekretär. Doch der wird, womöglich auch wegen der ISL-Pleite, während der er als Fifa-Finanzchef agierte, derzeit aus der Öffentlichkeit abgezogen. Oder Vizepräsident Issa Hayazou aus Kamerun. Aber der war schon bei der letzten Kampfabstimmung 2002 an Blatter gescheitert. Es gibt wenige, die der Chef in sein engstes Machtzentrum lässt. Die Gewichte im Weltfußball lassen sich nur langsam verschieben, auf mittlere Sicht aber steht ein Generationswechsel an. Sollte zum Beispiel Lennart Johansson 2007 nicht mehr als Präsident des europäischen Verbandes Uefa kandidieren, will sich Franz Beckenbauer um dessen Nachfolge bewerben, sein derzeitiger Job als WM-Cheforganisator ist dafür die ideale Ausgangsposition. Wäre der deutsche Fußballstar dann tatsächlich an Europas Verbandsspitze angekommen, hätte er möglicherweise irgendwann Aussicht auf den Fifa-Thron, spekulieren Funktionäre in Leipzig. Doch Beckenbauer schüttelt den Kopf, er findet, dass er schon jetzt zu viel Lebenszeit der Terminhatz opfert. Aus Sicht von Blatter stellt sich die Frage, wer den Verband irgendwann übernehmen kann, sowieso nicht. Eher die Frage: Wen soll ich es nach 2011 machen lassen? Er wäre dann 75 Jahre alt.

Jetzt hat er erst einmal Zeit, sich seinen Platz im Geschichtsbuch der Sportpolitik zu erarbeiten. Bei der WM 2006 wird es im Berliner Olympiastadion erstmals eine Eröffnungsgala ähnlich der bei Olympischen Spielen geben, die Vorgaben für die WM-Stadien sind bis zur Rasenmischung und der Höhe der Sitzlehnen penibel geregelt wie nie, der Begriff „WM 2006“ wird von einem Heer von Anwälten geschützt. Jeder Landesverband wird straff kontrolliert, und in Zürich entsteht ein neues Hauptquartier der Fifa. Blatter hält sich und die Fußballwelt in Bewegung, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Nur eines soll sich nicht mehr ändern: die Regeln des Spiels. Sie sollen so einfach bleiben, dass auch Sepps Vater sie eigentlich hätte verstehen müssen.

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