Zeitung Heute : Überall lauert das Niemandsland: was soll mit Berlins Industriebrachen geschehen?

Robert Kaltenbrunner

Es wird nicht so häufig vorkommen, aber nehmen wir einmal an, wir befänden uns am Berliner Ostkreuz, an der Kynaststraße, und blickten auf den Rummelsburger See: Dem Auge bietet sich nichts als die undefinierbare Wüstenei eines aufgelassenen und von der Natur halb zurückeroberten Industriegebietes, von Bahnanlagen und Schnellstraßen umstellt. Oder sagen wir, man stünde unversehens auf dem Gelände des Kreuzberger Gleisdreiecks: Linkerhand die imposanten Veduten des Potsdamer Platzes, zur Rechten zeichnet sich das neue Deutsches Technikmuseum ab; und hier, wo wir stehen, ein verwunschener Ort - nicht ohne einen gewissen morbiden Charme, aber die groteske Musealisierung einer verlorenen Nutzung und eines überlebten Laissez-faire.

Jeder kennt solche Situationen aus eigener Anschauung: Birken, die sich durch den Asphalt brechen, Sand und ausgeschlachtete Autowracks, wucherndes Strauchwerk, Kies, Pfützen und verblaßte Fahrbahnmarkierungen, darbende Robinien und Pflasterreste, Trampelpfade und Motorradspuren, Fragmente von Ziegelmauern, verbogene Stahl- und zerborstene Betonteile: mitten in der Stadt eine Umgebung, die nicht die Kraft aufbringt, dem Ort Form, Funktion und eine andere Vitalität als diese anarchische zu verleihen. Doch statt unser Unbehagen auszusprechen, verdrängen wir es lieber. In unserer ungestillten Sehnsucht nach Arkadien scheinen wir immer wieder zu vergessen, daß die Landschaft kein unberührter Ort (mehr) ist. Wohin auch immer der Mensch seinen Fuß gesetzt hat, veränderte er etwas, wissend oder unwissend. Dabei sagt man gerade uns Deutschen ein besonderes - ein besonders romantisches - Verhältnis zur Landschaft nach. Gleichzeitig wird dem germanischen Hang zur Natur ein antizivilisatorischer Affekt zugeschrieben. Allerdings hilft diese Schwarzweißmalerei nicht weiter. Gibt es doch eine Dialektik, derzufolge die künftige Siedlungsentwicklung weder durch die These eines Gegensatzes von Stadt und Landschaft, noch durch die Antithese seiner Aufhebung bestimmt wird. Vielmehr wäre die wechselseitige Korrespondenz von Gebautem und Leerem, von Siedlung und Freiraum neu zu kultivieren: auf dem verwahrlosten Restgrundstück im Kiez genauso wie im Raumgefüge zwischen S-Bahn-Ring und Speckgürtel. Daran aber mangelt es. Denn die Nicht-Orte - und damit das Unbekannte, Unbeschreibliche - in Stadt und Landschaft nehmen in einem Maße überhand, daß selbst die Völkerkunde, die ihren Blick zuvor auf die terra incognita, auf fremde gefährdete Kulturen richtete, sich nun fasziniert der Untersuchung der fremden Orte in der eigenen Stadt zuwendet.

So sieht beispielsweise der französische Ethnologe Marc Augé Orte, die bisher durch den Begriff einer in der Einheit von Zeit und Raum lokalisierten, eigenen Kultur geprägt waren, zunehmend der Beliebigkeit von Nicht-Orten ausgesetzt: "Zu den Nicht-Orten gehören die für den beschleunigten Verkehr von Personen und Gütern erforderlichen Einrichtungen (Schnellstraßen, Autobahnkreuze, Flughäfen) ebenso wie die Verkehrsmittel selbst oder die großen Einkaufszentren oder die Durchgangslager, in denen man die Flüchtlinge kaserniert." Seine Aufzählung erweitert er um anonyme Krankenhäuser, um Hotelketten und Feriendörfer, um alles Bauen, das der "Durchreise, dem Provisorischen und Ephemeren überantwortet" wird. So ist es letztlich der Alltag, der zur terra incognita geworden ist. Lakonisch zieht Augé daraus seine Schlußfolgerung: "Wir leben in einer Welt, die zu erkunden wir noch nicht gelernt haben. Wir müssen neu lernen, den Raum zu denken."

So fundamental, wie sich die Struktur der Großstadtregionen in diesem Jahrhundert verändert hat, so klar müsste sein, dass Landschaft heute nicht mehr als planbares Fertigprodukt begriffen werden kann, sondern ihr Wesen gerade im Wandel begründet liegt. Das alte nordische Wort "Landscapo" heißt Landschaftsbeschaffenheit; es meint auch Landessitte, woraus hervorgeht, daß Landschaft immer etwas mit dem Verhalten des Menschen in seiner Umgebung zu tun hatte. Landschaft ist insofern ein Stück weit soziale Konstruktion: eine Art Stimmungsbild der gesellschaftlichen Innenwelt des Betrachters. Das, was ist, und das, was wir sehen (wollen), entspricht sich nicht unbedingt.

Die ungeliebten Hinterlassenschaften des Industriezeitalters - Fabrikruinen und aufgelassene Werksanlagen, Bahngelände und abgeräumte Areale - und die Ausflüsse unserer Dienstleistungsgesellschaft wie Gewerbeparks, Verbrauchermärkte und Vergnügungszentren, das sind die Ingredienzen, anhand derer unsere Stadtlandschaft sich ausstellt. Noch bestehende Altstadtensembles oder gründerzeitliche Quartiere, ob Sophienstraße oder Savigny- und Kollwitzplatz, bilden letztlich nur Riffe in diesem Archipel. Aber offenbar eine hinreichende Kulisse für unsere urbane Vorstellungswelt. Am liebsten wären uns reine Sphären, das klare Gegenüber: Hier (steinerne) Stadt, dort (grüne) Natur. Dumm nur, daß unsere Alltagswelt nach Kräften alles vermischt.

Im Begriff der Landschaft verfängt sich augenscheinlich jener Widerwille gegen die fortschreitende Technisierung und Funktionalisierung, der als Verlust einer vermeintlichen Natur, als deren Verdrängung durch eine industrielle Kultur erfahren wurde. Wir wollen den ungetrübten Naturgenuß. Man hat den Eindruck, daß wir die bewährten Kategorien von Parkarchitektur aus der vorindustriellen Zeit ebenso mit uns herumtragen wie ein Naturverständnis, das einer Kulturlandschaft zu Beginn des vorigen Jahrhunderts entspricht. Unser Bild von Landschaft basiert im Grunde auf dem "unmittelbaren Erblicken" derselben von einem imaginären Aussichtspunkt.

Mit dem Tiergarten und den großen Stadtteilparks verfügt Berlin zwar über einen beträchtlichen Fundus, aber überall lauert das Niemandsland. Ob am Sachsendamm, an der Lehrter- und der Beusselstraße, oder gegenüber dem Springer-Hochhaus: Nicht-Orte zuhauf; sie werden ignoriert, achselzuckend ertragen oder hastig durchquert. Zweifellos muss das, was einst Terrain der Industrieentwicklung war und heute brachliegt, für Neues bereitstehen. Das gilt für das Gelände zwischen Spree und Ostbahnhof genauso wie für die Borsigwerke in Tegel oder den Hafen Tempelhof. Neunutzung, Wiederbelebung und Verdichtung sind notwendig, nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus Umweltgründen.

Beispiele dafür, wie künftig das Verhältnis zwischen Stadt und Landschaft aussehen könnte, liefern die IBA Emscher Park im Ruhrgebiet oder auch das "industrielle Gartenreich", zu dem die mitteldeutsche Region zwischen Bitterfeld, Dessau und Wittenberg umgebaut werden soll. In Berlin gehen die Uhren bislang anders. Es mag allerdings auch der anderen Maßstabsebene geschuldet sein, daß man hier an der traditionellen europäischen Stadt als dem Modell einer ökologisch vertretbaren Siedlungsform festhält. Legitimiert wird damit eine auf das Zentrum bezogene Stadtentwicklung, die sich weitgehend aus einzelnen Großbauvorhaben wie dem Potsdamer Platz speist. Freilich liegt das Problem weniger in der Referenzvorstellung selbst als vielmehr der Unterschlagung des Umstandes, dass die Identität der Stadt nicht nur auf Gestalt und Funktionsweise der bebauten, sondern auch der unbebauten, "vegetativen" Flächen basiert. Zwar sind in den letzten Jahren, vornehmlich im innerstädtischen Bereich, enorme Anstrengungen unternommen worden, um die überkommene Stadtstruktur zu revitalisieren. Aber es ist nicht zu übersehen, daß zugleich, auf das Stadtganze gesehen, die Siedlungsstruktur entmischter wurde. Welchen Platz nehmen Wilhelminenhofstraße, Moabiter Werder oder die Wuhlheide in der Urbanitäts-Diskussion ein? Was hat das massierte Aufgebot an Möbelmärkten in Waltersdorf mit den Rudower Eigenheim-Siedlungen zu tun? Welcher genius loci verbindet das Märkische Viertel mit dem Tegeler Fließ? Solche Fragen zu beantworten stellt in der Tat eine Herausforderung dar.

Auf seiner "Suche nach der modernen Landschaft" hat der renommierte Architekturtheoretiker Kenneth Frampton recht eigentümliche Erfahrungen gemacht: "Als ich nach Harvard kam, fand ich mich in einer Schule wieder, deren Landschafts-Fakultät der Meinung war, da Bäume nicht in Fabriken hergestellt werden, sei es nicht notwendig, dass sich ein Landschaftsarchitekt mit neuen Ideen in der Architektur oder in den Künsten beschäftige." Diesem Vorwurf zumindest wird man sich in Berlin nicht ausgesetzt sehen. Hier überwiegt seit einigen Jahren eine dezidiert städtische Gartenkunst, mithin streng, geometrisch und tektonisch, sich bewußt abgrenzend vom "weichen Grün", wie es etwa beim Theodor-Wolff-Platz in Kreuzberg (Regina Poly), beim Neuköllner Comenius-Garten und dem Brunnenhof des DIN-Instituts (Müller/Knippschild/Wehberg) oder dem Stadtplatz Havemannstraße in Marzahn (Heike Langenbach) praktiziert wurde.

Impulsgeber dafür dürfte unter anderem der Lausanner Architekt Bernard Tschumi gewesen sein, der in Paris, ganz am Rand der City, an der Périphérique, einen neuen Park auf aufgegebener Industriefläche entworfen hat: Der Parc de la Villette bot 1987 viel Neues, er wurde vor allem durch eine internationale Diskussion und auch seine theoretische Überhöhung bekannt. Tschumi legte die drei Grundelemente der euklidischen Geometrie - Punkte, Linien, Flächen - ganz konstruktiv übereinander und seinem Park zugrunde. Damit erzeugte er komplexe Raumperspektiven und verwirrende Bedeutungskonnotationen, aber auch einen neuen Ansatz. Vielleicht kann der Impetus der Gartenarchitekten heute nicht mehr darin bestehen, in der Herstellung von großen und möglichst natürlichen Freiflächen den Eindruck von purer Natur zu vermitteln - ohnehin ein so hoffnungsloses wie unehrliches Unterfangen. Die derzeit blühende Kunst der künstlichen Natur will sich wieder einen der Architektur angenäherten Rang erobern - und sei der städtische Raum dafür noch so knapp.

Um die Proportionen im Verhältnis von Stadt und Landschaft geradezurücken, muß man zuallererst seine Wahrnehmung verändern, auf die spröde Wirklichkeit anders als mit Ausblenden reagieren. Mit Bauen (allein) wird man dem Problem nicht gerecht. Nur wenn man Architektur, Städtebau und Landschaftsplanung in eins setzt, ohne zu fürchten, die jeweilige fachliche Identität zu verlieren, bietet sich die Chance zur integrierten Stadtplanung. Wenn es dafür eine unter heutigen Bedingungen realistische Strategie gibt, so wäre sie der Akupunktur vergleichbar: ein chirurgischer Eingriff hier, ein autonomes Implantat dort, auf das jeweilige Umfeld ausstrahlend, allmählich sich vernetzend. Das Verstreute neu zu verbinden, oder aber das Trennende bewußt zu machen, den Ort zu gestalten und in der Erinnerung zu verankern: Auf der Suche nach dem verlorenen Raum wird man nur fündig, wenn die Nicht-Orte bewältigt werden.

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