Zeitung Heute : Überall Leerstellen

Lesen: stockend. Rechnen: fehlerhaft. „Der ganz normale Schulabgänger wird immer ungeeigneter für das ganz normale Arbeitsleben“

Jeannette Krauth

Dies ist die Geschichte von all den Schritten im Leben, die Alex nicht machen wird. Sie erzählt von jungen Menschen, die auf dem Weg zur Ausbildungsstelle Fehler machen, die sie um ihre Chance bringen. Sie erzählt auch von denen, die diese Chance nutzen. Und davon, dass die Fehler der anderen so häufig passieren, dass viele Chefs sagen: Der ganz normale Schulabgänger wird immer ungeeigneter für das ganz normale Arbeitsleben.

Alex, 17, ärgert keinen Chef. Weil er in dem Rennen um Anruf, Treffen, Probelauf, Händedruck und Unterschrift erst gar nicht startet. Ein Schultag in Berlin- Pankow, drei Wochen vor Zeugnisvergabe. Heute ist Alex mal gekommen, der Junge mit den klitzekleinen Augen und den eingezogenen Schultern. Sicher ist das bei ihm nie, genauso, wie er nicht weiß, ob seine Noten zum Hauptschulabschluss reichen. Er sitzt auf der Treppe zum Schulhof. Was er denn mal werden will? Koch findet er gut, aber die Arbeitszeiten nicht. Gebäudereiniger vielleicht. Weil das Geld okay ist. Und sein Freund das machen will. Und der versprochen hat, seine Bewerbung mit abzugeben. Er müsse die noch tippen, also die Anschrift in die Übungsbewerbung aus der Schule kopieren. „Is ja nich schwer“, sagt er, es klingt, als habe ihm das jemand öfters gesagt, und er das Band einfach noch mal abspielt, ohne daran zu glauben.

Meinst du wirklich, dass du die Bewerbung abgeben wirst? Er guckt auf seine Zigarette, dann auf den Boden, dann dem Gegenüber in die Augen und sagt: „Ick glaub nicht.“ Weshalb? „Weeß ick nicht.“ Und wenn man dann weiterfragt, riskiert man, dass er aufsteht und geht. Das erste Scheitern liegt schon vor dem Rechtschreibfehler im Anschreiben, und es heißt Angst.

Am 1. August, zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres, fehlen in Deutschland 315 000 Ausbildungsplätze, und gleichzeitig finden 120 000 Betriebe keine geeigneten Lehrlinge. Im Herbst, wenn Handwerks- und Handelskammer ihre Nachvermittlungsaktionen beendet haben, sollen es noch 50 000 sein, die nirgends untergekommen sind. Die Zahl wird vor allem deshalb kleiner geworden sein, weil dann viele in den Warteschleifen kreisen, als versorgt gelten und nicht als suchend gezählt werden. Elf Warteschleifen, „Überbrückungsmöglichkeiten nach der Schule“, wie der „Berufsqualifizierende Lehrgang am Oberstufenzentrum“, stehen etwa auf dem Handzettel der Agentur für Arbeit Berlin-Mitte. Da sollen junge Menschen vor allem lernen, „Guten Tag“ zu sagen, in ganzen Sätzen zu sprechen und pünktlich zu sein. Einige Extra-Kenntnisse werden auch noch vermittelt, der Lohn ist dann ein Blatt Papier, auf dem etwa steht: „Er hat erfolgreich am Qualifizierungsbaustein Tapezieren teilgenommen.“

Solche wie Alex schaffen es nicht bis zum Ausbilder Anselm Lots. Ein Sommerwind pustet durch die Halle in Berlin- Schöneberg, vier aufgebockte Autos stehen hier, an denen vier Frauen und vier Männer arbeiten, und Anselm Lots steht in der Mitte. Es ist die Werkhalle der Firma Carparts and Promotor, und Anselm Lots ist einer der Gesellschafter. Er kümmert sich um den Azubi-Nachschub, und zwei Bewerberinnen zum Kfz-Mechatroniker, so nennt man den modernen, elektronisch versierten Automechaniker, arbeiten heute zur Probe. Ein Mädchen mit Wuschelhaar hebt eine Ölflasche hoch und zieht das Etikett ab. Das ist Elizabeth, 20. Zur Frühschicht, sieben Uhr, ist sie gekommen. Außerdem ist noch Lena, ebenfalls 20, da. Sie steht gegenüber, unter einem Audi 80. Ein drittes Mädchen, blonde und dunkelbraune Strähnen im Haar, die von Klammern gehalten werden, zeigt ihr gerade, wo die Bremsen sind. Sie ist im dritten Lehrjahr. Und Lena schaut zu, die Hände in die Seiten gestützt, der Kopf bleibt im Nacken, sie schaut so konzentriert, dass man meint, sie denken zu sehen: Verstanden, behalten, und morgen mach ich das alleine.

Das gefällt Lots. Vier neue Azubis hat er schon, aber diese beiden waren so viel versprechend, da überlegt er sich, dieses Jahr sechs Lehrlinge zu nehmen. Er hat schon anderes erlebt. Jungen, die sagen „dafür bin ich jetzt nicht angezogen“, wenn sie die Mülltonnen auf den Bürgersteig fahren sollen. Welche, die ihre Werkzeuge nicht wieder auf den Rollwagen legen, sondern bis zur Mittagspause alle Schlüssel und Zangen hübsch durch die Halle verteilt hätten. Oder solche Geschichten wie die mit Robert. Er war klasse, sah, wo Öltücher herumlagen, die in den Mülleimer gehörten, reichte im richtigen Moment Werkzeug an und fraß alle Lernschritte in sich hinein. Doch dann kam der Tag, an dem Robert ein Protokoll ausfüllen sollte.

Ein Satz. Notieren, dass sie gerade Bremsbeläge ersetzt und Ventile eingeschliffen hätten. Er schrieb: „Brämsbelege ersezt und Ventiele eingeschlifen“. Fünf Worte, fünf Fehler.

Lots lässt Robert eine Beschreibung zur Verwendung von Bremsscheiben lesen. Was steht da drin? Robert sagt: „na, dass man Bremsscheiben unter drei Millimeter Breite nicht einbauen darf.“ Das ist falsch. Da stand sinngemäß: Man muss neue Bremsscheiben einbauen, wenn das Mindestmaß von drei Millimetern Material nicht mehr vorhanden ist. Ein Mechatroniker muss solche Anleitungstexte verstehen, die Technik ist komplex. Der Beruf sei anspruchsvoller geworden, sagt Anselm Lots. Selbst so eine kleine Werkstatt wie seine arbeitet mit Computer-Stationen, die wissen, in welchem Autotyp der elektrische Fensterhebel die gleichen Leitungen nutzt wie das Türknöpfchen.

Meist fängt das Problem aber viel früher an. Die Mehrheit scheitert auf dem Schreibtisch. In einem Umschlag hat Anselm Lots sieben Bewerbungen aufgehoben, 80 weitere waren genauso schlecht. Insgesamt hat er Schreiben von 100 Interessenten bekommen. „Zur Person“ steht in der Mitte der Din-A-4-Seite. Darunter ein Foto, es zeigt einen Jungen mit Fünf- Millimeter-Haarschnitt in Kapuzenpulli. Das Bild ist grünstichig, und der Junge hat einen Blick darauf, wie man ihn aus Kriminalfilmen kennt, wenn Mörder von der Polizei fotografiert werden. Darunter vier Zeilen: Name, wohnhaft, geboren am, in. Das ist sein Lebenslauf. Der komplette.

Andererseits langweilen Lots Bewerbungen, die aussehen wie aus dem Ratgeber abgeschrieben. Er will auch nicht lesen, dass der Bewerber gern an Autos herumschraubt. Das sei selbstverständlich. Er will von Hobbys oder sozialem Engagement lesen und merken, dass der Bewerber eine Ahnung davon hat, dass er künftig auch mit Computern zu tun haben wird. Das sind hohe Ansprüche.

Was hat Lots in den 80 anderen Bewerbungen gefunden? Sätze, die gleich zweimal im Anschreiben stehen, mal fehlt die eigene Adresse, mal die Unterschrift, falsche Groß- und Kleinschreibung. Manchmal fühlt der Ausbilder sich auch betrogen. Wenn er ein perfektes Anschreiben in der Hand hält und auf dem Zeugnis dahinter eine Fünf in Deutsch steht. Oder: Einer der Bewerber will seine Motivation herausstellen: „Ich bin derzeit Schüler der 11. Klasse, werde aber vermutlich das Klassenziel nicht erreichen. Diese Tatsache hat mich bewogen, mich um einen Ausbildungsplatz zu bemühen.“ Ein weiterer Kandidat will sich mit dem Satz „ich arbeite gern an der frischen Luft“ für den Beruf in der Werkstatt anpreisen.

Die Beispiele sind nicht die grausigsten, sondern die ganz normal schlechten. Anselm Lots hat schon das Gefühl, dass die Bewerber vor einigen Jahren besser waren. Er spricht von „fehlenden kognitiven Fähigkeiten“, die würden in der Schule nicht mehr ausreichend vermittelt. Schulabgänger lesen stockend, rechnen falsch, schreiben Wörter, die in keinem Duden stehen. Ähnlich sieht das der Zentralverband des deutschen Handwerks, jeder fünfte Schüler könne nicht ausreichend lesen und schreiben. Es läge aber auch an der veränderten Arbeitsmarktsituation. Einfache Ausbildungsberufe fallen weg, andere, wie der Kfz-Mechatroniker, werden spezieller und somit zu schwierig für viele.

Zurück zu Alex. Was hat der Junge denn für Interessen?, die einfachste aller Berufsfindungs-Fragen. Einer seiner Lehrer antwortet: „Also, das weiß ich jetzt echt nicht.“ Computerspiele oder so was vielleicht? „Könnte sein.“ Alex, was macht dir Spaß? „Ick weeß nicht.“ Na, was hast du denn die letzten Tage mal so richtig gerne gemacht? Schweigen. Dann fällt ihm ein, dass er gerne kocht. Diese Nudelsoße aus Sahne und Dosenpilzen und Fleischwurst, die hat er selbst erfunden. Ja, er hat auch mal im Praxisunterricht in der Kantine gearbeitet.

Man kennt die Beschuldigungskette: Die Arbeitgeber schimpfen auf die Schulen, die Schulen auf ihre Landespolitiker und die Eltern wiederum auf die Politiker und Lehrer.

Wenige Meter vom Checkpoint Charlie entfernt, in weiten Fluren, auf himmelblauen Eisenstühlen, da warten all die, für die der Ausbildungsplatz vorerst ein Wunsch blieb. Es ist die Agentur für Arbeit in Mitte. 44 Berufsberater sind für über 10 000 Bewerber und über 4500 gemeldete freie Azubi-Stellen zuständig. Am Eingang fragt ein Junge mit Block und Kuli in der Hand: „Wo ist das Internetcafé?“, und ein Mann, der gerade Wasserkästen vorbeischiebt, sagt: „Jibt et hier nicht.“ Der Junge dreht um. Eine Treppe weiter hängt ein Schild an einer Glastür: „Internetcentrum“. So schnell kann Initiative vorbei sein.

Ein Stockwerk höher sitzt eine Berufsberaterin mit einer Abiturientin. Die war hartnäckiger: Sie hat sich telefonisch angemeldet, sich einen Termin geben lassen, den zugesandten Bogen ausgefüllt, der ihre Bildung, Interessen, Wünsche und Noten abfragt, hat den mitgebracht und auch das Zimmer in dem verschachtelten Gebäude gefunden. Im Raum der Beraterin – am Fenster stehen Fettpflanzen, auf der Kante des Flachbildschirms hocken Plüschtier-Raupen – sitzt an diesem Tag Sonja, Notenschnitt 2,6. Sie will Industriekauffrau werden.

Sonja hat raspelkurzes Haar, trägt ein glatt gebügeltes T-Shirt, dessen Kragen sich in Fasern auflöst, und weiße Turnschuhe. Die Beraterin zeigt ihr den Internetpfad zur Lehrstellenbörse des Amts: Fünf Klicks, alle haben bürokratische Namen. Sonja reibt sich verschämt die Hände an den Oberschenkeln. Dann gehen sie die Anzeigen durch: „Hier, Price Waterhouse Coopers, das ist ein sehr attraktiver Arbeitgeber“, sagt die Beraterin. Die Anforderungen passen alle auf Sonja, nur ein Punkt, der dort nicht ausdrücklich vermerkt ist, vielleicht nicht. „Das ist in der Friedrichstraße, also schon ziemlich schick.“ Die Beraterin erwartet von Sonja, die ganz offensichtlich durch ihr Äußeres die guten Schulnoten zunichte macht, dass sie diesen zarten Hinweis als Stilberatung deutet. „Man muss da ja vorsichtig sein, manche Bewerber kommen aus Familien, die finanziell einen schwierigen Hintergrund haben.“

Zum Abschluss drückt die Beraterin Sonja einen Zettel mit fünf Vorschlägen in die Hand: Internetadresse der Jobbörse, Studienbewerbung abwarten, Azubi-Bewerbungen schreiben, soziales Jahr und ein Praktika-Programm, das den Arbeitgebern die Azubis schmackhafter machen soll. Die Beraterin will ihr wöchentlich Lehrstelleninserate zuschicken. Sonja lächelt, sie sieht zufrieden aus. Zwei Bewerbungen will sie noch heute fertig machen, zehn andere hat sie bereits eigenständig losgeschickt. Gemeldet hat sich noch niemand.

In Schöneberg, bei Anselm Lots, geht die Geschichte gut aus. Er sitzt am Besprechungstisch mit Partner Dirk Walther und Elizabeth. Deren zweiter Probearbeitstag ist gerade vorbei, ihre Stirn ist verschwitzt, die graue Latzhose hat sie noch an. Elizabeth fixiert abwechselnd ihre beiden baldigen Chefs und sitzt kerzengerade. Dirk Walther sagt: „Es hat uns gefallen, dass du sehr spezielle Fragen gestellt hast.“ Sie sei geschickt. Elizabeth hat etwa die versteckten Stabilisator-Buchsen, vier kleine Gummis an einer Stange unter dem Motor, gefunden und abmontiert.

Mit Elizabeth haben sie jetzt eine Abiturientin in der Werkstatt. Anselm Lots sagt, er würde auch Hauptschüler einstellen, wenn alles passt. Elizabeth ist von einer anderen Auszubildenden empfohlen worden. Mit der spielt sie Volleyball. Er würde auch ohne Empfehlung einstellen, sagt Lots. „Es ist eben auch eine Menge Bauchgefühl dabei.“ Bei Lena, der anderen Probearbeiterin, die später auch eine Zusage bekommt, ist es allerdings genauso. Das Bauchgefühl mag offenbar Abitur plus Empfehlung plus Engagement. Zum Abschied sagt Dirk Walter „Welcome“. Elizabeth lässt endlich die Schultern fallen. Und es sieht aus, als ob ein Hauch Gelassenheit über sie kommt, und auf dem Mund in einem Lachen endet.

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