Zeitung Heute : ÜberLeben

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Eine Sirene heult, wenig später hört man die Flak. Es sind Geräusche aus einem Film. Der Rentner und sein Künstlerfreund fahren zusammen, tief eingegraben ist die Angst wie ein Pawlowscher Reflex. Die fernsehgewohnte Schulklasse wendet nicht einmal den Kopf. Im ersten Teil der Ausstellung „Die Stunde Null - ÜberLeben1945" im Museum Europäischer Kulturen wird der Krieg, die Verfolgung und Ermordung der Juden, die Erhängung von Partisanen dargestellt. Die folgenden Säle zeigen dann das Jahr 1945. Da waren die Freunde sechs Jahre alt. Beide Väter waren im Kriege geblieben, der eine bei Stalingrad gefallen, der andere bis 1955 in russischer Kriegsgefangenschaft. Die Freunde erzählen einander von ihren Abenteuerspielplätzen, den Ruinen. Ganz ähnlich stellt die Ausstellung das Leben in den Trümmern dar. Es wird die Alltäglichkeit gezeigt, der erstaunliche Lebenswille. Aber selbst die im Leierkastentakt tanzenden Trümmerfrauen sehen sehr ernst in die Kamera. Auf einem anderen Foto liest eine Frau in einer Ruine die Zeitung, die vordere Zimmerwand ist verschwunden, hinter ihr die Wand eines total zerstören Hauses, aber sie hat ihre kleinen Welt schon wieder mit Blumentöpfen geschmückt. Es ist, wie die Aussteller schreiben, das „Glück am Leben zu sein", der Versuch, ein Leben im Unnormalen, im Chaos zu führen. Meist ist dieser Lebenswille durch Frauen verkörpert. Trauer und Entsetzen werden in dem Raum „Künstlerische Reflexionen" angesprochen. Man hat auf die berühmten Maler der Zeit verzichtet und Bilder und Plastiken von Menschen aus Konzentrationslagern ausgestellt. Nostalgisch blickt der Künstlerfreund auf einen Bollerwagen, einen kleinen, flachen mit Aluminiumrädern. So einen hat er als Kind immer als Roller benutzt. Und er staunt, dass dieser Bollerwagen nun in einem Museum steht. „Ich glaube, bald werden wir auch ins Museum kommen."

Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25, 14195 Berlin

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