Zeitung Heute : Überlebens-Show: "Big Brother" war erst der Anfang

Markus Huber

Der Nabel der Welt ist das hier nicht. Um auf die Inselgruppe Sibu-Island im südchinesischen Meer zu kommen, fährt man von der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur fünf Stunden Richtung Südosten und dann eine halbe Stunde mit dem Boot. Ehrlich gesagt, man muss sich die Fahrt nicht antun, denn Sibu-Island ist wenig attraktiv. Die Temperaturen steigen täglich auf weit über 30 Grad, in der Nacht kühlt es nur unmerklich ab. Die Luftfeuchtigkeit hält sich konstant bei über 80 Prozent, was der Palmen-Insel den Charme einer 24-Stunden-Freiluftsauna gibt. Das Eiland selbst besteht aus einem Hotel mit 150 Zimmern, einem Swimmingpool und einer moslemischen Führung, soll heißen: Es gibt nicht einmal Alkohol. Ja, Sibu-Island ist einer der wenigen Plätze der Welt, wo man so gut wie nie auf Deutsche trifft.

Normalerweise.

Denn seit vergangenem Mittwoch ist das anders. Hier, 14 Flugstunden und sechs Zeitzonen von Berlin entfernt, liefern sich Sat 1 und RTL 2 eine der skurrilsten Schlammschlachten des deutschen Privatfernsehens.

An sich wäre die Sache rasch erzählt: Beide Sender produzieren im Moment ein Format, das sie unabhängig voneinander in ihrem Pressetext als "das letzte große Abenteuer der Welt" verkaufen. "Inselduell" heißt die Sendung bei Sat 1, "Expedition Robinson" bei RTL 2. Das Grundprinzip: Zwölf beziehungsweise 16 Kandidaten werden nur mit Macheten ausgestattet auf einer Insel ausgesetzt und versuchen zu überleben. Kameras sind ständig dabei und filmen, wie die Kandidaten Hütten bauen, angeln, in der Hitze schwitzen, sich vor Schlangen und Ungeziefer fürchten und sich hoffentlich auch ein bisschen verlieben (und mehr). Schließlich müssen jeweils an die 15 Folgen à 48 Minuten hergestellt werden. Jede Woche schicken die Kandidaten selbst einen von ihnen nach Hause. Wer am längsten aushält, wird wahlweise Sat-1-Inselkönig oder RTL-2-Robinson. Sat 1 spendiert seinem Sieger 250 000 Mark, beim kleineren RTL 2 sind es immerhin noch 100 000 Mark.

Aber die Geschichte geht eben bloß in der Theorie so flott. Nicht nur, dass Sat 1 und RTL 2 exakt zur gleichen Zeit die gleiche Sendung produzieren. Ganz schräg wird die Sache, weil die beiden Inseln, auf denen die Kandidatenteams ausgesetzt werden, gerade einmal fünf Seemeilen voneinander entfernt sind. Die Sat-1-Kandidaten überleben auf Simbang, etwa zwei Seemeilen südlich von Sibu - der RTL-2-Robinson wird auf Tengah, drei Meilen nördlich, gewählt. Also hocken die Presse- und PR-Teams beider Sender in Sibu und sehen einander im Hotel bei Frühstück und Abendessen.

30 Journalisten hat Sat 1 in der vergangenen Woche zu den Dreharbeiten eingeflogen, RTL 2 und der koproduzierende Österreichische Rundfunk (ORF) nur sieben. Aber nicht allein deswegen sind die Berliner zur Zeit Sieger auf Malaysia. Erste Anzeichen dafür gab es schon in Deutschland: Obwohl RTL 2 und ORF bereits Anfang Mai das Ressort gebucht haben, hieß es beim Abflug hoch offiziell, es seien keine Zimmer vorhanden. Der Grund: Laut RTL 2 hatte Sat 1 der Einfachheit halber den ganzen Hotelkomplex gebucht. Erst nach heftigen Interventionen von ORF und RTL wurden auf Sibu doch noch ein paar Zimmer frei geräumt.

Vielleicht hätten sich diese beiden Sender besser nicht so sehr für das ominöse Sibu-Ressort stark gemacht. Denn PR-technisch ist der Kampf unter Palmen ein klarer Punktsieg für die Berliner. Vor jedem Abendessen wirft die Sat-1-Marketingabteilung sieben bunte Wasserbälle mit ihrem Regenbogenlogo in den Hotelpool. Badetechnisch ist das zwar nutzlos, weil die Malaysier bei Dämmerung so viel Chlor in den Pool kippen, dass niemand freiwillig ins Wasser springen würde, aber es wirkt. Vor allem, weil der Wind die Kugeln ständig zum Stammtisch der RTL-2-Mannschaft treibt.

Vor dem Hotel sieht es so aus wie am Parkplatz der Sat-1-Zentrale am Berliner Gendarmenmarkt. Auf den meisten Booten klebt das Regenbogenlogo, und sogar einige Hotelangestellte wurden schon mit "Sat-1-Crew"-T-Shirts gesehen. Klar, dass RTL 2 zurückschlagen musste. Kurzfristig wurden aus München Banner, Werbemittel und Aufkleber bestellt, um Sat 1 Paroli zu bieten. Doch als sie ankamen, waren die Journalisten der Sat-1-Gruppe schon wieder weg.

Die tropische Schlammschlacht wird demnächst auch auf deutschem Boden ausgetragen - vor Gericht. RTL 2 wirft Sat 1 vor, die Robinsonsache plump geklaut zu haben, und hat nun Klage eingereicht. Schließlich hätte RTL 2 das Projekt bereits im Winter vertraglich unter Dach und Fach gehabt, während der größere Kollege erst im April mit der Planung begann.

Allerdings wird die Klage kaum Chancen haben, denn ein Urheberrecht aufs Überleben auf einer einsamen Insel hat wohl nur - auch wenn damals keine Kameras dabei waren - Robinson Crusoe. Und dem dürfte die Lizenzstreiterei egal sein. Außerdem werden die Gerichte wohl erst entscheiden, wenn Sat 1 seinen "Inselkönig" längst gekrönt hat.

Die Sommergroteske hat aber auch einen ernsten Hintergrund. Sat 1 schafft es trotz kürzerem Vorlauf, sein "Inselduell" zwei Monate vor RTL 2 auszustrahlen, nämlich schon am 3. Juli. Bei RTL 2 läuft die Sache erst im September an. Für die Münchner Programmplaner stellt sich deswegen die Frage, ob dann noch jemand zuschauen will.

Dabei verspricht das Überlebenstraining ein ziemlicher Quotenheuler zu werden. In Schweden, wo dieses Format erfunden wurde, läuft bereits die vierte Staffel von "Expedition Robinson". Und in der Schweiz machte sich mit "Robinson" der kleine Privatkanal TV 3 erstmals einen Namen. Sat 1 und RTL 2 spekulierten bei ihrer Konzeption mit Marktanteilen von über 30 Prozent. Für RTL 2 wird das als zweiter Sieger nach Sat 1 ein bisschen schwerer werden.

Das ist besonders bitter, weil der "Inselkrieg" (Copyright "Bild") der Startschuss im Kampf um die Marktführerschaft im momentan wohl wichtigsten Sendeformat Deutschlands ist. Spätestens seit dem Erfolg der RTL-2-Containersoap "Big Brother" suchen alle Privatsender verstärkt, Voyeurs-TV ins Programm zu heben, weil das für die besten Quoten sorgt. "Talkshows sind tot" sagt auch Wolfgang Amslgruber, 33, der Geschäftsführer der Münchner Produktionsfirma Prisma. Er machte zuerst in Talkshows und produziert nun für RTL 2 die Robinson-Geschichte: "Wir erleben jetzt so etwas wie die dritte Welle im deutschen Privat-TV. Zuerst wurde mit Gameshows Quote gemacht, danach mit Talkshows. Für beides interessiert sich heute offenbar niemand mehr." Für Amslgruber sind Formate wie Robinson die ideale Verknüpfung. "Du bekommst die Schicksale realer Menschen geboten und verbindest das mit einem Spiel."

Nun geht es für die Privaten darum - so wie seinerzeit RTL mit den Gameshows -, vom Publikum und vor allem von der Werbewirtschaft als Marktführer anerkannt zu werden. Durch "Big Brother" hat diesen Bonus zur Zeit RTL 2. Noch. Nach dem "Inselduell" wird Sat 1 zumindest auch einen Fuß in der Tür haben. Wenn RTL 2 dann im September mit der zweiten Staffel von "Big Brother" beginnt, wird auch der große Bruder RTL mit an Bord sein, um die besonders quotenträchtigen Wochenzusammenfassungen und Kandidatenverabschiedungen ausstrahlen. Ebenfalls im September startet bei Pro 7 "Der Maulwurf" - ebenfalls eine artverwandte Sendung, moderiert von Ex-Wimbledon-Sieger Michael Stich. Zum Jahreswechsel gibt es dann auf Sat 1 das nächste noch streng geheim gehaltene Containerprojekt in Deutschland. Anfang nächsten Jahres möchte RTL 2 Prominente in einen Big-Brother-Bungalow stecken. Spätestens in einem Jahr, so prognostizieren Experten, werden auf allen wichtigen deutschen Kanälen BB-Klone zu sehen sein. Und RTL 2 - dank Jürgen, Sabrina und vor allem Zlatko kurzfristig nicht mehr der Tittensender von einst - wird alle Hände voll zu tun haben, dran zu bleiben.

Die Aufregung im Sibu-Ressort ist entsprechend groß. Vor allem die RTL-2-Crew versucht, möglichst wenig Kontakt mit den Leuten von Sat 1 zu haben. Gegessen wird auf den gegenüberliegenden Seiten des Hotelpools. Wer sich vom Sat-1-Tisch ein Bier holt (die haben nämlich 300 Dosen Carlsberg zur Selbstversorgung mitgebracht), wird schief angeschaut. Lagerkoller? Ja, schon. Die Crew von Sat 1 bekämpft ihn auf ihre Weise: Samstagabends unterhalten die deutschen Journalistinnen die Einheimischen mit einer Lambada-Einlage (ziemlich lustig), und die männlichen Kollegen geben heimlich ein paar Tropfen von ihren Schnäpsen an die an sich Alkohol ablehnenden malaysischen Kellner ab (ganz arg lustig).

Ansonsten haben die Malaysier für das seltsame Schauspiel auf ihren Inseln kaum etwas übrig. "Unsere Großeltern haben noch so gelebt, und wir versuchen, unseren Lebensstandard dem euren anzupassen", meint der Hotelwachmann, "und jetzt kommt ihr her und geht den umgekehrten Weg." Die Überlebensshow bezeichnen die Malaysier übrigens mit dem Wort "gila". Auf Deutsch heißt das: "verrückt".

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