Zeitung Heute : Überm Boden der Tatsachen

Ein Mann aus Sachsen-Anhalt muss ins Gefängnis. Das will er nicht – und entschied, in der Luft zu leben

Verena Mayer[Werben]

Die Idee, auf einen 22 Meter hohen Mast zu klettern und dort so lange zu warten, bis sich etwas ändert, hatte Fred Gregor schon vor langer Zeit. Er hat Bretter aus hellem Holz gekauft und ein Baumhaus gezimmert, die Grundfläche einen Quadratmeter groß. Die Hütte hat er gemeinsam mit seiner Frau den Mast hochgezogen und mit Seilen abgesichert. Er hat sich einen winterfesten Schlafsack zugelegt, Konservendosen und ein Handy. Dann ist er auf den Mast geklettert. Das war am 18. Februar. Seitdem ist er oben.

Fred Gregors Mast steht im Dorf Werben in der Nähe von Bitterfeld. Früher hat er den Mast gebraucht, um bis nach Kanada zu funken, das war sein Hobby. Jetzt hat er eine Mission. Denn Fred Gregor müsste eigentlich ins Gefängnis und eine Strafe wegen Betrugs absitzen. Aber er findet, dass ihm alle Unrecht tun, die Richter, der Staat und die Gesellschaft sowieso. Und dieses Unrecht will er aussitzen, Tag und Nacht. Bis sein Prozess neu aufgerollt wird. Oder bis sie kommen und ihn holen.

Fred Gregor hält sein Handy aus dem Fensterchen des Baumhauses. Wenn man ihn von unten anruft, sagt er, er sei „keiner, der kuscht. Irgendjemand muss doch etwas machen.“ Er ist 49 Jahre alt, ein behäbiger Mann mit altmodischer Brille und einer Stimme, die sich manchmal überschlägt. Er wirkt wie einer dieser Leute, die auf dem Bürgersteig immer so lange auf Entgegenkommende zulaufen, bis diese ausweichen müssen. Zu DDR-Zeiten hat er Dreher gelernt, aber er fiel schon als Jugendlicher aus der Reihe. Immer mal wieder ist er mit einer Schwalbe, die ihm nicht gehörte, herumgefahren, bis das Benzin alle war. „Jugendsünden“ nennt er das. Es reichte für mehrere Vorstrafen.

Nach der Wende arbeitete er schwarz für eine Sicherheitsfirma, später verkaufte er Dinge über das Internetauktionshaus Ebay. Einen Radiowecker mit eingebauter Wanze, obwohl das verboten ist, einen defekten CD-Wechsler und einen Laptop, der nur mit Sand gefüllt gewesen sein soll. Beim Bezug von staatlichen Leistungen soll er nicht ganz korrekte Angaben gemacht haben, und dann hat man auf seinem Computer noch kinderpornografisches Material gefunden. Das summierte sich irgendwann zu 15 Monaten Haft, anzutreten am 1. März.

Alles Lügen, ruft Fred Gregor. Auf den Mast hat er die Adresse seiner Homepage gepinselt und dass dort die Wahrheit zu finden sei. Auf seiner Internetseite ist dann viel von einem unfähigen Richter die Rede und einer Verschwörung gegen ihn. Den Laptop habe die Post kaputt gemacht, die Kinderpornos habe ihm jemand untergejubelt. Das lasse er sich nicht gefallen, sagt Gregor. Wenn er sich aufrichtet und nach draußen blickt, sieht er das platte Land und die vielen Windräder, die hier in die Höhe ragen, eine Truppe in Weißgrau, mit Schaufeln wie riesige Arme. Fred Gregor hat am 18. Februar den Kampf gegen die Windmühlen aufgenommen.

Unten stehen sich die Leute die Füße platt, die vom Mann auf dem Mast gehört haben. Sie kommen aus dem nahen Zörbig oder Bitterfeld, ein Rentner-Ehepaar sogar aus Halle. Immer wieder fahren auch ein paar Dorfbewohner mit dem Fahrrad vorbei und gucken. Sonst gibt es nicht viel zu tun. Werben ist immer noch so braungrau und still, wie es vor der Wende gewesen sein muss. Auf einem Haus hängt ein Schild mit der Aufschrift „Trabant-Service“, bei einem anderen ist der Dachstuhl eingestürzt. 100 Leute leben hier, es gibt einen Arbeitgeber, ein Autohaus. Von Fred Gregor können alle Geschichten erzählen. Er legte sich mit dem Ordnungsamt an, weil er ausgehobene Erde nicht wegräumen wollte, zeigte willkürlich Autofahrer an, und die Straße, in der er lebt, wollte er umbenennen, in „An der Riede“.

„Die Leute sind neidisch, und ich bin der Buhmann“, sagt Fred Gregor, und zumindest er selbst glaubt es auch. Den Mast bietet er jetzt auf Ebay an, unter dem Titel „Antennenmast vom Mast-Rebell“. Immerhin 510 Euro seien schon für sein „Symbol der Freiheit“ geboten worden, erzählt er. Sein Handy klingelt alle paar Minuten. Fred Gregor winkt.

Über seine Taten redet er nicht so gern, lieber darüber, wie ihn seine Familie unterstützt. Seine Frau ist eine hagere blonde Person, 25 Jahre alt. Früher verdiente sie ihr Geld damit, online zu strippen, jetzt hat sie von Gregor fünf Kinder. „Lieber hier oben für Gerechtigkeit stehend verhungern, als dort unten in Ungerechtigkeit kniend leben“, habe ihr Mann zu ihr gesagt. Da habe sie ihn klettern lassen. Sie selbst passt auf die Kinder auf und schreibt im Internet: „Ihr Neid und Elend, Herr Richter, kotzt mich an.“

Das Ende der Geschichte ist weniger spektakulär. Mittwochnachmittag hat Fred Gregor eine schmale Leiter ausgefahren und ist von seinem Mast gestiegen. Seine Frau hat ihn abgeholt und er ist an ihrer Seite davongetrottet. Sagen will er nichts mehr, das Handy hat er abgeschaltet. „Der ist nach Hause“, sagen die Polizisten, die gekommen sind, um aufzupassen, dass Fred Gregor nicht wieder auf den Mast steigt. Gregor wird sich nun entweder freiwillig im Gefängnis melden, oder die Staatsanwaltschaft wird in den nächsten Tagen einen Haftbefehl ausstellen. „Das ist eine ganz normale, kleine Sache“, sagt der Staatsanwalt in Dessau. Zum Don Quijote von Bitterfeld hat es für Fred Gregor nicht gereicht.

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