Zeitung Heute : Überm Sofa

Wohin mit dem Gursky? Darf man einen Meese in den Flur hängen? Und passt die avantgardistische Skulptur wirklich in die Essecke? Moderne Kunst hat es nicht leicht im privaten Raum. Wie Sammler mit ihren Schätzen umgehen. Selbst in der Garage wird Kunst ausgestellt

Susanne Kippenberger

Einmal, ein einziges Mal nur, hat Lucian Freud seine Werke in ihrem neuen Zuhause besucht. In den vierziger Jahren war das, als der Enkel Sigmund Freuds, der heute als bedeutendster lebender Maler Großbritanniens gilt, Freunden seiner Eltern ein paar Bilder verkauft hatte. „Sie drängten und drängten mich, sie zu besuchen.“ Der junge Künstler tat’s – und fand’s: „entsetzlich. Ich fand sogar ihre Möbel entsetzlich. Ich habe mir vorgenommen, das nie wieder zu tun.“

In der Galerie und im Museum kann der Künstler noch mitbestimmen, wie seine Arbeit hängt – an der Haustür des Sammlers hört der Einfluss in der Regel auf. Mit dem Verkauf gibt der Künstler mehr als die Arbeit aus der Hand, muss damit leben, dass seine Zeichnung zwar gerahmt und aufgehängt, aber als Pinnwand missbraucht wird, dass seine Skulptur neben der Gründerzeitgarderobe der Großtante steht, verdeckt von den Winterjacken des Besitzers. Der Künstler kann sich ärgern darüber, dass seine Arbeit im Keller statt am Eingang hängt – oder sich freuen, dass er wenigstens nicht im Lager verschwunden ist. Tun kann er dagegen in der Regel nichts. Es sei denn, er ist so begehrt wie Andreas Gursky, dessen Galeristin sich die Kunden genau aussucht, denen sie ein Bild des Fotografen verkauft.

Kunst, sagt ein Einrichter, wird gekauft, wenn man schon alles andere hat, Auto, Waschmaschine, Einbauschrank. Und Kunst soll passen. Da ist es nur konsequent, dass Ikea zwischen Kinderbetten und CD-Ständern jetzt auch „limitierte Kunst“ verkauft; dass Immobilienmakler in Seattle Häuser mit Leihgaben aus dem Museum schmücken, weil sie die Häuser so besser verkaufen können; dass der Einrichter, nachdem der Kunde ein Sofa bei ihm ausgesucht hat, beim Künstler ein Bild im passenden Farbton bestellt.

Das Wohnzimmer will domestizieren, moderne Kunst aber provozieren. Die Angst vor dem Dekorativen ist entsprechend groß. Nichts will der kunstsinnige Mensch der Moderne weniger sein als gemütlich. Auf die Frage nach dem Sofabild, die die „Zeit“ jede Woche einem kunstsinnigen Menschen stellt, antwortete der Designer Konstantin Grcic pikiert: „Ich habe kein Sofa – und erst recht kein Sofabild.“

Die meisten Menschen sehen zeitgenössische Kunst so, wie sie die meisten Künstler auch am liebsten zeigen: in einem großen, leeren Raum an weißen Wänden. Dabei ist der „white cube“, wie er genannt wird, eher die Ausnahme. Eine Täuschung, wenn man so will. Denn viele Werke, die in Ausstellungen zu sehen sind, hängen normalerweise in den Wohnungen privater Leihgeber – wenn sie nicht, aus Platzmangel, im Lager eingemottet sind. Ohnehin ist das Museum eine vergleichsweise junge Erfindung. Das British Museum, das älteste der Welt, wurde 1759 eröffnet, Galerien und Kunsthallen entstanden noch viel später. Kunst allerdings gab’s da lange schon: über Kirchenbänken, über den Recamieren der Fürstenhäuser, den Schreibtischen reicher Kaufleute.

Museen, allein der Kunst und ihrer Betrachtung geweiht, haben etwas Sakrales – Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad was ziemlich Profanes. Da muss eine Christa Näher sich gegen eine braune Couchgarnitur behaupten, eine Gabriele Münter hängt über dem Ehebett, die Becherschen Wassertürme schmücken das Bad mit einem Hauch von Ironie. Es gibt amerikanische Sammler, die selbst die Garage als Ausstellungsraum nutzen. Und gleichzeitig als Garage. Vielleicht ist das auch ein Härtetest: So was hält nur starke Kunst aus.

Die private Umgebung des Sammlers färbt auf jedes Kunstwerk ab, über dem blauen Sofa, zwischen vollgestelltem Bücherregal und gestreiftem Vorhang sieht ein Gemälde völlig anders und meistens kleiner aus als in der geordneten Ausstellung im Museumssaal. Wessen Skulptur ist das überhaupt noch, die da, umrahmt von Zeitungsstapeln und Familienfotos, in der Esszimmerecke steht?

„Jede gute Sammlung ist ein Selbstportrait“, weiß Antoine de Galbert, und das nicht nur aus eigener Erfahrung. Der ehemalige Galerist und reiche Erbe hat in Paris ein Haus zur Präsentation privater Sammlungen eingerichtet. „L’intime, le collectioneur derrière la porte“ hieß die erste Ausstellung, mit der „La Maison Rouge“ vor drei Jahren eröffnet wurde. Kuratiert wurde sie von einem Psychoanalytiker. Gérard Wajcman, Experte für die Seele des Sammlers, nagelte nicht einfach ein paar Arbeiten an die weiße Wand – er zeigte die Kunst in ihrer gewohnten Umgebung. 16 Räume verschiedener Kunstfreunde wurden rekonstruiert, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Toilette, mit allem was dazugehört, die Wände von der Decke bis zum Boden vollgehängt, auch vollgestellt mit Kunst, in Kombinationen, die kein Museumskurator wagen würde. Aber das ist es, was eine Sammlung, wie eine Wohnung, im Idealfall zusammenhält: der persönliche Blick, das eigene Interesse.

Die zweite Ausstellung im Roten Haus war der Sammlung von Harald Falckenberg gewidmet. Auch der Hamburger Jurist hat kein Sofa zu Hause. Aber Sessel und Stühle, die hat er schon. Bei Harald Falckenberg hingen früher Poster an der Wand – bis der Unternehmer sich 1994 entschloss, eine Sammlung aufzubauen, was er auch in kürzester Zeit tat. Den Großteil davon zeigt er jetzt in ehemaligen Fabrikhallen. „Man muss Prioritäten setzen“, sagt Falckenberg. Und das heißt für ihn: Im Büro wird gearbeitet, zu Hause wird gelebt. Da soll die Kunst nicht stören, Gäste und Geschäftsbesuch nicht vertreiben. Einen Jonathan Meese würde Falckenberg sich nicht ins Wohnzimmer hängen, und schon gar nicht ins Büro. Dabei schätzt er den Künstler sehr, ist auch befreundet mit ihm, sammelt seine provokanten Arbeiten. Aber die, findet er, gehören in den öffentlichen Ausstellungsraum. Er wolle sich auseinandersetzen mit Kunst, meint Falckenberg, nicht identifizieren mit ihr.

Erika Hoffmann dagegen lebt in Berlin-Mitte für und in ihrer Sammlung, die sie im Laufe von Jahrzehnten mit ihrem 2001 verstorbenen Mann aufgebaut hat und seit einigen Jahren in ihrer Wohnung in den Sophie-Gips-Höfen bei Führungen auch Fremden zeigt. Das Persönliche besteht hier nicht in Accessoires – allzu Privates wird weggeräumt, die Schlafzimmer befinden sich in einem separaten Bereich, die Wohnung ist ohnehin sehr minimalistisch mit Designerstücken möbliert. Das Persönliche besteht in der – dem Museum verwehrten – subjektiven Auswahl und Zusammenstellung der Kunst: dass Zero-Künstler aus den 60er Jahren, von den Hausherren erworben in einer bestimmten Phase ihres Lebens, nun konfrontiert werden mit einer jungen Zeitgenössin wie Monika Bonvicini. Und wenn die Kunst im Juli, wie jedes Jahr, ausgetauscht wird, dann müssen auch schon mal die Sofas wandern, wenn sie die Arbeiten stören. Gegen die große rotschwarze Couch von Hans Hollein kommt nicht jedes Kunstwerk an.

Für Künstler gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, mit der gefürchteten Domestizierung umzugehen. Der Berliner Künstler Anton Henning, dem viele Museen zu nackt, zu clean, zu nüchtern sind, stellt den Besuchern seiner Ausstellungen gern Sessel und Sofas, die eigene Kunstwerke sind, hin, damit sie in Ruhe die Arbeiten betrachten können; er hängt seine Bilder nicht einfach an die weiße Wand, sondern malt diese gleich selbst mit an. Seine Ausstellungen sind Gesamtkunstwerke mit Musik, Inszenierungen, die mit der Situation des Wohnlichen spielen, ohne die Kunst im Wohnzimmer zu verdammen.

Seine Berliner Kollegin Claudia von Funcke macht ihre Objekte einfach so sperrig, dass sie möglichst über kein Sofa passen, während der Wiener Franz West wiederum gleich das Sofa selbst zur Kunst erklärt hat. Seine berühmten Liegen, die an die Ur-Couch von Freud erinnern, stehen in Museen ebenso wie in Privatwohnungen. Auch im Hamburger Bahnhof waren sie in der Sammlung Flick aufgestellt. Nur haben sich viele Besucher nicht getraut, sich darauf niederzulassen. Weil man Kunst im Museum doch nicht berühren und schon gar nicht besetzen darf.

Führungen durch die Sammlung Hoffmann in Berlin-Mitte samstags nach Voranmeldung (Tel. 284 991 21). Die Sammlung von Harald Falckenberg in der Fabrik in Hamburg-Harburg ist bis Ende März zu besichtigen (Tel. 040/32506761). Eine große Ausstellung von Anton Henning ist bis zum 28. April im Stedelijk Museum voor Actuele Kunst in Gent zu sehen. In Berlin-Schöneberg zeigt Julie August Ausstellungen in ihren eigenen Wohnräumen (Galerie 18, Tel. 887 029 04, www.18m-galerie.de).

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