Zeitung Heute : Überraschung!

Der Tagesspiegel

Für die Leser der „Woche“ gehörten christliche Themen bisher nicht unbedingt zur Zeitungslektüre. Rubriken wie „Geist & Glaube“ oder „Kirche intern“ gab es bei der eingestellten Hamburger Wochenzeitung nicht. Sie wurde ja auch nicht von der katholischen Kirche herausgegeben. Der „Rheinische Merkur“ schon. Den hat ein Großteil der „Woche“-Abonnenten gestern zum ersten Mal im Briefkasten gehabt. Ungefragt. Die Abonnenten-Adressen wurden an den „Rheinischen Merkur“ verkauft. Und jetzt sollen die links-liberalen „Woche“-Leser mit dem konservativen, katholischen „Merkur“ zufrieden sein – das ist ungefähr so schlüssig wie ein Wechsel von der „taz“ zum „Bayernkurier“.

So sehen das auch viele „Woche“-Abonnenten. „Diese Zeitung hätte ich nicht abonniert! Ich werde mich nicht zwangsrekrutieren lassen.“ Oder: „Was soll ein ,Woche’-Leser mit dem ,Rheinischen Merkur’? Den brauchen die mir erst gar nicht zu schicken.“ Oder auch: „Über diesen angeblichen Tausch wurde ich als Abonnent in keinster Weise informiert. Ich wäre damit keinesfalls einverstanden, da ich immer noch selbst darüber entscheide, welche Zeitung ich lese.“

Da stellt sich doch die Frage: Sind „Zwangsrekrutierungen“ die richtige Art, dem „Merkur“ neue Leserschichten zu erschließen? „Wir werden alles daran setzen, so viele ,Woche’-Leser wie möglich zu gewinnen“, sagt Verlagsgeschäftsführer Bert G. Wegener. „Woche“- und „Merkur“-Leser hätten einiges gemeinsam: Beide würden gerne eine Wochenzeitung lesen und seien es gewohnt, immer donnerstags eine im Briefkasten zu haben. Überdies sei der „Merkur“ wie die „Woche“: ein „kurzes, prägnantes, farbiges Blatt“.

Nun werden Zeitungen aber nicht nur wegen ihres Aussehens gelesen. Was ist mit dem Inhalt? Wegener sieht den „Merkur“ in der politischen Mitte. Er sei „liberal-konservativ“. Man wolle auf die „Woche“-Leser eingehen und neue Kolumnisten für den „Merkur“ gewinnen. Auch „Die Zeit“ nutzt die Gunst der Stunde. Die Hamburger Wochenzeitung möchte gerne ein paar der rund 48 000 „Woche“-Abonnenten übernehmen. Mit den Worten „Liebe Leserinnen und Leser der ,Woche’“ warb die „Zeit“ mit großen Anzeigen für ein Probe-Abo. Immerhin: Verlagsgeschäftsführer Thomas Brackvogel glaubt, dass „der Zuschnitt der ,Zeit’ dem der ,Woche’ ähnlicher ist als dem des ,Merkur’“.

„Woche“ hin, „Rheinischer Merkur“ her – manchem „Woche“-Leser aus den neuen Bundesländern dürfte all das bekannt vorkommen. Vor fünf Jahren schluckte die „Woche“ die traditionsreiche DDR-Wochenzeitung „Wochenpost“. Damals haben die Leser beim Gang zum Briefkasten eine ähnliche Überraschung erlebt. hdi/meh

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