Zeitung Heute : Überraschungen sind schlecht fürs Geschäft

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Von Maureen Tkacik, Los Angeles

Rot – wohin das Auge reicht: am 21. Juni war das koreanische Viertel von Los Angeles rot gefärbt. Zehntausende in der Farbe der südkoreanischen Fußballmannschaft gekleidete Menschen überschwemmten Parks, Shopping-Malls und Barbecue-Plätze, um das Spiel von Südkorea gegen Spanien zu verfolgen. Die südkoreanischen Fußballer hatten es dank immenser Willensanstrengung vom 44. Platz der Weltrangliste ins Viertelfinale geschafft.

Zwar waren die Fans rot gekleidet – aber eigenartigerweise lief niemand im offiziellen Trikot der Nationalmannschaft herum. Der Grund: Die südkoreanischen Trikots waren in den USA nicht zu haben. Nike, Ausstatter des südkoreanischen Teams, hatte die T-Shirts nicht an Einzelhändler außerhalb von Südkorea verkauft. Dabei hätte er locker mehrere tausend der 90 Dollar teuren T-Shirts verkaufen können, sagt der Manager eines Sportgeschäfts mitten in Koreatown, Peter Orellana. Die von ihm bestellte Ware sei aber nie angekommen. Sie wurde kurzerhand nach Südkorea umgeleitet. Dort waren die Trikots schon Wochen zuvor ausverkauft gewesen. Während es einen Sturm auf das südkoreanische Trikot gab, blieb Adidas-Salomon – Sponsor der französischen Mannschaft – auf tausenden französischer T-Shirts sitzen, wie Zeitungen berichteten.

Nike und Adidas geben jedes Jahr zweistellige Millionen Dollarbeträge aus, in dem sie eine Art Wette auf die Nationalmannschaften abschließen, die an der Weltmeisterschaft teilnehmen. Als Frankreich 1998 Brasilien (von Nike gesponsort) besiegte und Weltmeister wurde, schaltete das deutsche Unternehmen Adidas in europäischen Zeitungen die Anzeige „Adidas:3, Nike:0". Dieses Mal sicherte sich Nike den Sieg im Sponsoring-Wettstreit – mit dem 2:0-Sieg von Brasilien gegen Deutschland.

Für die Fernseh-Einschaltquoten war es großartig, dass die diesjährige Weltmeisterschaft so unvorhersehbar war. Doch für die Sportartikel-Hersteller war es alles andere als großartig. Adidas und Nike geben so viel Geld für die WM aus, weil sie damit die Bekanntheit ihrer Marken erhöhen wollen. Mit dem Verkauf von T-Shirts können sie einen Teil ihrer hohen Kosten für das Einkleiden der Nationalmannschaften wieder reinholen. Und hier lief das Geschäft nicht gut – gerade weil man vorher nie weiß, wer die WM gewinnt.

Adidas und Nike haben mit den meisten der besten Nationalmannschaften zehnjährige „Ausrüstungs"-Verträge über neunstellige Summen. Solche Ausrüstungs-Verträge berechtigen die Sportartikel-Unternehmen zum Verkauf der offiziellen Mannschafts-Trikots – normalerweise zu einem Preis zwischen 70 und 90 Dollar. Im Gegenzug überweisen die Unternehmen beträchtliche Geldsummen auf das Konto der Mannschaften und statten sie mit Trikots, Taschen, Handtüchern, Jacken und anderer Kleidung aus. Die Summen, die da fließen, sind hoch. So soll sich Nike den Zehnjahresvertrag mit Brasilien 200 Millionen Dollar kosten lassen, wird geschätzt.

Viele Monate, bevor die Weltmeisterschaft losgeht, müssen die Sponsoren ihre Aufträge vergeben und Trikots nähen lassen. Trotz des teuren Sponsorings für die US-Mannschaft ging Nike lieber auf Nummer sicher und produzierte gerade mal 20000 US-Trikots. Schon vor Beginn der WM-Spiele waren die meisten verkauft. Nach dem ersten Spiel schnellte die Nachfrage in die Höhe. Die USA schlugen Portugal, zogen ins Viertelfinale ein und sorgten für neue Einschaltrekorde bei den Fernsehübertragungen.

Herstellung, Bestellung und Transport der Sportartikel haben einen langen Vorlauf vor einem entscheidenden Spiel. „Jeder will das Trikot des Gewinners, aber es war einfach unmöglich vorauszusehen, wer gewinnen würde“, sagt Ray Evans, Einkäufer für den europäischen Online-Händler für Fußballartikel, Kitbag.com. Nur von einer Nationalmannschaft hatte Evans keine Fanartikel gekauft, und das war ausgerechnet Senegal – das Land, das Frankreich in der Vorrunde demütigte und ins Viertelfinale einzog.

Zehntausende Trikots, Shorts und Jacken hatte Kitbag.com dagegen von Frankreich und Argentinien vorrätig. Evans fragt sich, ob er jetzt noch amerikanische Trikots nachbestellen soll. „Ich habe tausende von Anfragen, aber wollen sie die Trikots noch in einem Jahr?" Celina Sosa, Manager eines Fußball-Geschäfts in Los Angeles, ist sich nicht sicher. 1998 habe sie wegen der großen koreanischen Community südkoreanische Trikots bestellt. „Ich musste sie um 80 Prozent reduzieren“, sagt sie. Das nächste Mal werden sie aber größere Mengen bestellen. „Wer hätte gedacht, dass Südkoreaner so passioniert sein könnten? Vielleicht hält das an“, sagt sie.

Die Artikel wurden übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Manager), Karen Wientgen (Trikots), Christian Frobenius (Arafat), Gregor Hallmann (Genfood), Matthias Petermann (Vivendi).

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