Zeitung Heute : Übers Ich zum Traumberuf

Vom Stellensucher zum Dienstleister in eigener Sache: In Life/Work-Planning-Seminaren kann man lernen den idealen Job zu finden

Anke Assig

Die häufigste Frage, die John Webb zu hören bekommt, ist: „Bringt das was?“ Der Amerikaner bietet seit fünfzehn Jahren Life/Work-Planning-Seminare an. In den Kursen zur Berufsfindung lehrt er, dass es genügend freie Stellen in Deutschland gibt. Und dass man sie finden kann. Nur eben nicht, indem man auf Stellenanzeigen reagiert oder sich vom Berater der Arbeitsagentur sagen lässt, wo man sich zu bewerben hat. Life/Work-Planning (LWP) betrachtet den Arbeitsuchenden gerade nicht einfach als Nachfrager einer Arbeit, sondern als Anbieter spezieller Fähigkeiten. In den Kursen lernen die Teilnehmer denn auch etwas gänzlich Unerhörtes, nämlich sich zu fragen, was sie wirklich von Herzen gern tun – und nicht nur aufzuzählen, welche formalen Qualifikationen sie im Studium oder Berufsleben erworben haben. Im zweiten Schritt lehrt das Verfahren, wie man just die Firmen und Personalverantwortlichen kennen lernt, die möglichst viel von dem bieten, was der Suchende für sich als wichtig erachtet. Meist ist das ein Mix aus Kriterien zu denen etwa das Tätigkeitsprofil, Betriebsklima und Gehalt zählen. So kann zusammenkommen, was zusammengehört. Oder eben nicht. Viele ehemalige Kursteilnehmer haben mit der Methode erkannt, dass sie lieber als Selbstständige arbeiten wollen.

Wie will ich leben? Welche Arbeit möchte ich machen und wem soll sie nützen? Was in Deutschland noch immer mit großer Skepsis betrachtet wird, ist in Amerika fast ein alter Hut. Anfang der 1970er veröffentlichte der Arbeitswissenschaftler Richard N. Bolles seine Thesen in dem Buch „What Color is your Parachute?“ (auf Deutsch „Durchstarten zum Traumjob“). Seit Jahrzehnten ist das Verfahren als eine Form des Career Counselling in den Lehrplänen von Schulen und Hochschulen der meisten US-Bundesstaaten festgeschrieben. Berufsfindung hierzulande findet dagegen kaum über die Schule statt. „Die Leute in Deutschland wissen nicht, wie sie systematisch vorgehen können, um sich selber eine Stelle zu suchen. Hier verlässt man sich wie in kaum einem anderen Land auf die Institutionen des Staates. Dabei ist jeder für sich selbst der beste Experte, wenn es um die eigene Lebens- und Berufsplanung geht“, versichert der 52-jährige aus Münster.

Wünsche zu formulieren ist etwas, das viele der Teilnehmer erst wieder lernen müssen. So wie Antje (40), Krankenschwester aus Berlin. Vor kurzem hat sie den Life/Work-Planning-Intensivkurs an der Freien Universität besucht. Mit 20 Männern und Frauen macht sie hier die Erfahrung: Es ist Arbeit über sich selbst nachzudenken, sein bisheriges (Berufs-)Leben zu beleuchten, neue Ideen zu entwickeln, sich kritischen Nachfragen anderer zu stellen. Für den Kurs hat sich Antje extra vom Klinikalltag frei genommen. Ihre Kollegen wissen nicht, was sie hier tut. „Die würden das nicht verstehen“, glaubt sie und erklärt: „In meinem Beruf war ich immer für andere da. Jetzt nehme ich mir die Zeit, um mir über meine Wünsche und Fähigkeiten klar zu werden.“ Am ersten Tag des LWP-Seminars ahnt sie noch nicht, mit welcher Euphorie sie von einer der beeindruckendsten praktischen Übungen zurückkehren wird: Paarweise schickt John Webb die Teilnehmer in Berliner Unternehmen, Behörden und Krankenhäuser. Die Aufgabe scheint simpel. Es gilt, ohne Voranmeldung sechs Betriebe einer selbst gewählten Branche aufzusuchen und sich dort Auskünfte über Zugangsmöglichkeiten zum Beruf sowie dessen Licht- und Schattenseiten einzuholen. „Es war eine heftige Überwindung“, gesteht die Kinderkrankenschwester mit Blick auf ihre Besuche in verschiedenen Tattoostudios. „Aber es war sehr spannend. Man bekommt jede Menge Auskünfte.“ Eine Erfahrung, die auch Siglinde (Mitte 50, arbeitslos) und Hans-Peter (Anfang 40, promovierter Pädagoge) gemacht haben, als sie Interviewpartner bei der BSR und dem BUND aufgetan hatten: „Das Vorgehen ist so undeutsch. Ich dachte, wir werden abgewimmelt, aber selbst die Geschäftsführer haben unsere Fragen ausführlich und überraschend persönlich beantwortet“, wundert sich Siglinde.

Die Gruppe, die sich im März 2005 an der FU begegnet, ist bunt gemischt. Sie sind wissenschaftliche Mitarbeiter von Forschungsinstituten, frisch gebackene Uniabsolventen, Bürokauffrauen, Entwicklungshelferinnen, Selbstständige, Mütter im Erziehungsjahr und Arbeitslose. Für das Seminar sind sie aus Hannover, Hamburg, Jülich und Kiel angereist, ein Drittel kommt aus Berlin. Und auch hier stellt jemand die Frage, ob Life/Work-Planning etwas mit Esoterik zu tun hat und ob das „was bringt“. John Webb hat darauf gewartet. „Die Methode stellt keine Dogmen auf. Alle Aufgaben und Rollenspiele verstehen sich als eine Einladung etwas auszuprobieren. Niemand weiß, welche Erfolge sich für jeden Einzelnen einstellen werden.“ Trotzdem kann er Positives berichten. „Ehemalige LWP-Teilnehmer arbeiten heute unter anderem in Chemiekonzernen, Medienunternehmen, Verlagen, Architekturbüros, bei Softwareherstellern und an Universitäten“, freut sich Webb. Aber der Kursleiter warnt auch vor übertriebenen Erwartungen an seine Person oder das Verfahren. Das Seminar lebe von der Arbeit der Gruppe und von der eigenen Initiative. Wer nie Feedback für sich erbitte oder sich nicht auch als Ideengeber für andere Teilnehmer sehe, für den sei LWP der falsche Weg. Skeptiker, die mit einer Konsumentenhaltung – „na, der soll mir mal sagen, wie ich zu Arbeit komme“ – zu Webb gehen, werden enttäuscht sein. „Ich bin kein Motivationstrainer. Der Kurs ist für Leute, die sich reinhängen wollen. Wer sich allerdings mit den anderen rege austauscht, empfindet das oft als motivierend.“

Das Thema Geld hat Webb an das Ende des Kurses gestellt. Hier erläutert er, wie man selbstbewusst seine Entlohnung verhandelt. Einigen wird erst hier klar, dass Freizeit oder Aufstiegsmöglichkeiten neben dem Gehalt ebenbürtige Währungen für die eigene Arbeitskraft sein können. „Der tollste Job ist nicht toll, wenn ich davon nicht leben kann“, so Webb. „Und der tollste Job ist nicht toll, wenn du gut verdienst, aber keine Zeit für dein Kind hast“, beurteilt der Vater von zwei Söhnen und einer Tochter die Summe auf dem Lohnzettel.

Nach 16 arbeitsintensiven Tagen verlassen die Seminaristen Webbs Kurs in bester Stimmung. Jeder von ihnen hat ein Szenario geschrieben, wo und wie er in zehn Jahren leben und arbeiten will. Die wichtigste Lektion: von nichts, kommt nichts. Wer 2015 als Schriftsteller auf Mallorca leben will, beginnt besser heute Spanisch zu lernen, Bücher zu schreiben und Kontakte zu Verlagen zu knüpfen. „Jede lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt“, beschreibt ein chinesisches Sprichwort diese bewährte Salamitaktik.

Manche der Visionen, die in der FU-Silberlaube entstanden sind, werden von ganz realen Zwängen oder dem inneren Schweinehund eingeholt werden. Einige Teilnehmer werden ihr Szenario neu schreiben, die Schritte kleiner wählen, mehrmals Anlauf nehmen. So wie Guido (39) aus Hamburg. Der ehemalige Kleinunternehmer will ab August wieder in Lohn und Brot sein. „Ohne die Gruppe ist es schwieriger sich aufzuraffen“, stellt er acht Wochen nach dem Kurs fest. Der Optimismus hat ihn dennoch nicht verlassen: „Wenn ich erstmal ins Rollen komme, bin ich nicht mehr aufzuhalten“. Mitte Juni trifft er sich mit den anderen Teilnehmern wieder in Berlin. Wer den langwierigen Weg, den Life/Work-Planning weist, weiter gehen will, wird dann berichten, wie weit er seinem Traumjob näher gekommen ist.

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