Zeitung Heute : Übers Wasser laufen

Wie ein Berliner (West) die Stadt erleben kann

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Leicht haben sie es nicht, diese Spandauer. Leben so weit im Westen, dass fast schon wieder Osten ist. Gehören nicht so recht dazu, eben bei Berlin statt mittendrin. Immerhin: Sie haben eine gute Wasserballmannschaft, eine prima Eisdiele (Florida, hier vor Jahresfrist schon einmal empfohlen; Achtung: lange Wartezeiten bei Sonnenschein) und die Wahl zwischen Kai Wegner, CDU, Swen Schulz, SPD, und Karl-Heinz Bannasch, FDP. Die Grünen treten hier womöglich auch an zur Bundestagswahl, aber sie waren nicht in der Sonderausgabe vom Spandauer Stadt-Journal zum Kladower Hafenfest zu finden. Vielleicht fehlte Ihnen das Geld für eine Anzeige ebendort, vielleicht waren sie zu geizig oder zu wenig ehrgeizig, vielleicht haben sie es auch nur verpennt, egal.

Wenden wir uns den Kandidaten zu, die wir jetzt ntlich kennen, und schauen uns an, womit sie uns im Hafenfest-Extra zu überzeugen gedenken. Und los, Kandidat 1: „Der Bürger steht für mich im Mittelpunkt.“ Kandidat 2: „Wir müssen die Dinge ansprechen, die die Menschen bewegen.“ Kandidat 3: „Meine Themenwahl: Immer nah am Bürger.“ Wahrlich, sie haben es nicht leicht, die Spandauer. So viel geballte Volksnähe. Und nur einer kann gewinnen!

Wer hat Ihnen am besten gefallen?

Wir konnten uns nicht recht entscheiden und sind hingefahren, um uns die Anwärter selbst anzusehen (ja doch, stimmt, glatte Lüge, zum Hafenfest wollten wir, aber man wird doch wohl mal auf politisch interessiert machen dürfen so kurz vor der Bundestagswahl). Also: Der „immer nah am Bürger“-Typ war tatsächlich umringt von zwei Bürgern und deswegen umweht von hochprozentigem Küstennebel. Der „Bürger im Mittelpunkt“-Typ saß allein mit zwei Parteiprospektmädels unterm Sonnenschirm und beobachtete schüchterne Annäherungsversuche einer älteren Dame, die auf einen Luftballon scharf war. Der „Menschen bewegen“-Typ war nicht zu sehen, was nicht heißt, dass er nicht da war; er ist ein eher kleiner Typ, das erklärt’s wohl.

Genug! Jetzt ans Wasser, denn davon hat Spandau mehr als reichlich, ebenso wie Anlegestellen, Badestellen, Weißbiertränken, Uferpromenaden, Bummelwege mit Havelblick. Zum Beispiel vom Hafen Kladow aus die Imchenallee immer am Wasser entlang, rund um Quastenhorn mit Blick auf Kälberwerder, oder immer am Groß-Glienicker See vorbei, oder, weiter nördlich, an der Zitadelle, der neuen Schleuse, der Wasserstadt, oder die Straße Scharfe Lanke an eben jener bis zum Ende runter, dort eine rote Weiße am Jachthafen zischen… Ach, schön haben sie’s, die Spandauer.

Einer der Kandidaten erklärt übrigens, sein größtes Anliegen sei es, den Wassertourismus in Spandau anzukurbeln; unter anderem will er „endlich einen attraktiven Stadthafen vor den Toren der Altstadt“ haben. Ja spinnt denn der? An der Havel kann man doch heute bei schönem Wetter schon von Boot zu Boot übers Wasser laufen. So, wie es ist, darf es ruhig noch ein bisschen bleiben. Aber höchstens. Das gilt übrigens auch für das Wetter. Lorenz Maroldt

Für Einsteiger: Restaurant Marina Lanke an der Scharfen Lanke, gleich am Ende der Straße.

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