Zeitung Heute : Überschwemmungen: Nah am Wasser gebaut

Werner Raith

Von wegen leichtsinnig bauen!" Am Telefon klingt Emanuele Bressan, Tierfutterhändler aus Aosta, höchst indigniert. "Unser Haus steht da ...", er verbessert sich, "stand da seit Generationen." Er kann nicht mehr zählen, wie oft er schon die Frage gehört hat, ob nicht doch der Mensch Mitschuld trägt an den Naturkatastrophen, die ungebändigtes Wasser in immer kürzeren Abständen auslöst. "Kommt nur, kommt und schaut euch das an", sagt er.

Gerne. Doch um die Lage dort in Piemont und im Aosta-Tal anzusehen, ist erst einmal eine ziemlich aufwendige Zickzackfahrt vonnöten: Oberitalien ist praktisch "Land unter", kaum eine Straße ist in ihrer ganzen Länge zu befahren. Von Pavia, wo der Po mit dem Ticino zusammenfließt und wo vorgestern Nacht der neue Höhepunkt der Hochwasserkatastrophe erwartet wurde (der dann doch ausblieb), geht es erstmal nur ein paar Kilometer westwärts, aber dann ist bereits vorläufig Schluss: Die Straße ist unterbrochen. Die Ausweichroute führt nach Pieve di Cairo, wo Straßenschilder auf Alluvioni Cambio hinweisen - der Ort heißt tatsächlich so: "Überschwemmungen Cambio", er liegt an der Mündung des Tanaro in den Po, zeigt aber, trotz des Namens, noch keine exzessiven Schäden.

Emanuele Bressan ruft erneut an, inzwischen ein wenig ungeduldig, weil er zum Telefonieren immer Dutzende Kilometer fahren muss - fast alle Sendemasten für die Mobiltelefone in seinem Gebiet sind ausgefallen. Immerhin ist er in der Lage, uns ein paar Ausweichrouten durchzugeben. Die Fahrt durch die Po-Ebene Richtung Turin zeigt, dass der Zivilschutz zumindest hier gut gearbeitet hat. Die Uferböschungen sind mit hohen Barrieren aus Sandsäcken verstärkt, alle hundert Meter beobachtet ein Wachposten die Lage, Einsatzfahrzeuge stehen für Evakuierungen bereit.

Vor Turin ist es aber aus - die Zufahrt in die Innenstadt ist für Privatfahrzeuge gesperrt. Nur weil ein Katastrophenhelfer namens Leonardo die Mitfahrt anbietet, können wir zumindest Teile der Schäden sehen. Die Außenbezirke sind schlammüberschwemmt. Aus Autolautsprechern heraus wird davor gewarnt, das Leitungswasser zu trinken, Zivilschützer räumen in den Supermärkten Nahrungsmittel und Mineralwasser aus den Regalen, Benzin und Diesel wird nur an Einsatzfahrzeuge abgegeben, vor den Krankenhäusern warten in langer Kolonne Tankfahrzeuge mit Wassernachschub, Notstromaggregate werden aufgebaut.

Wer das Durcheinander bei ähnlichen Anlässen gesehen hat, meint hier doch eine gewisse Verbesserung im Katastrophenschutz wahrzunehmen. Oberbürgermeister Castellani und der Präfekt haben gute Arbeit geleistet - und doch räumt Castellani als Einziger ein, dass "Situationen wie diese auch etwas mit unserem Leichtsinn der Natur gegenüber zu tun haben."

Die eingesammelten Lebensmittel sollen, so unser Katastrophenschützer, genau dorthin gebracht werden, wo Emanuele Bressans Haus einmal stand, ins Aosta-Tal. Von Kilometer zu Kilometer werden die Schlammstrecken nun rechts und links der Straßen breiter, an einigen Stellen kann man nur im Schritttempo fahren, so rutschig ist alles noch. "Das Absurde ist", sagt Zivilschutzmann Leonardo, "wenn wir den Dreck nicht innerhalb von einem Tag nach dem Ende des Regens wegkriegen, wird der Schlamm hart wie Zement." Das Stadtzentrum von Ivrea, das vor zwei Tagen noch überschwemmt war, wird daher mit großer Hast gesäubert, seit es hier aufgehört hat zu regnen.

Der Katastrophenhelfer hat Schwierigkeiten, seine Position zu bestimmen - die meisten Ortsschilder sind weggerissen, und so gibt er an die Zentrale durch: "vermutlich Settimo Vittone" und "Ich denke, wird sind nahe bei Carema". Es fällt auf, wie wenige Häuser, die einsturzgefährdet aussehen, geräumt sind. "Die haben Angst vor Plünderungen", weiß Leonardo, "und besonders die Alten fürchten, dass man sie danach nicht wieder in ihre Wohnungen zurücklässt. Sind oft arme Teufel."

Bei Pont Saint Martin wird die Fahrt vollends zum Abenteuer - Zivilschutzfahrzeuge haben sich verknäuelt, Kräne und Abschleppwagen sind am Werk. Und bei Chatillon ist endgültig Schluss. Weiter wollten wir allerdings auch gar nicht; an der Mautstelle will uns Emanuele Bressan abholen. Die Dora Baltea ist hier fast flächendeckend über die Ufer getreten, und obwohl sich der Pegel deutlich gesenkt hat, sieht das gesamte Tal aus wie ein riesiger See.

Plötzlich hält ein Geländewagen, es ist Emanuele Bressan. Er hat ein Funkgerät mitgebracht, und so kann Helfer Leonardo mit den Leuten in seinem Einsatzgebiet bei Fenis Molina Kontakt aufnehmen. Schlechte Nachrichten: kein Durchkommen. So bleibt Leonardo erstmal bei uns.

Emanuele Bressan geleitet uns im Zickzack zu einer Anhöhe, auf der sein Anwesen liegt. Beziehungsweise lag. Auch aus der vom Zivilschutz verfügten "Sicherheitsdistanz" ist zu erkennen, dass von dem noblen Wohnhaus, das einmal ein alter Bauernhof war, ein großer Teil weggerissen ist. Weiter unten am Hang sind Teile von Tischen und Stühlen zu erkennen, drei Autos liegen seitwärts oder auf dem Dach. Als wäre nichts gewesen, grasen auf den Wiesen neben dem schmutzigen Graubraun der Mure ein Dutzend Kühe, auch ein paar Pferde weiden dort. "Hier", Bressan reicht sein Fernglas, "schauen Sie auf den Giebel, da sehen Sie die Jahreszahl." 1844 steht drauf, darüber hängt etwas schief ein Kruzifix. "Seit über 150 Jahren steht das Haus, wie könnt ihr da nur schreiben, dass wir das Desaster mit der Bauspekulation selbst ausgelöst haben." Er zeigt die Höhe hinauf. Dort gibt es Dutzende weitere Anwesen, und fast alle haben gelitten. "Seit Jahrhunderten ist das unsere Bautradition", sagt er, "mein Urgroßvater hat das Haus gebaut. Und nie ist so etwas passiert."

Doch das scheint Katastrophenschützer Leonardo nicht zu überzeugen: "Das mag schon gelten für die Zeit, als da ausschließlich Landwirtschaft war", sagt er. Tatsächlich sieht man bei vielen Anwesen, dass mittlerweile ansehnliche Teile der Gärten zubetoniert sind, als Terrassen, Sitzflächen, Spielplätze, Zugangsstraßen; rundherum sind die Grundstücke oft mit hohen Mauern abgeschlossen, an denen das Wasser noch immer entlangschießt. "Das alles auf diesem abschüssigen Gelände", doziert Leonardo weiter, "da wird das Wasser gebündelt." Bressan zieht die Schultern hoch und sagt: "Aber das ist doch schon seit zwanzig Jahren so." Leonardo gibt nicht nach. "Sie sehen doch, dass die Schäden vor allem in den bebauten Gebieten geschehen sind. Wo Mischwälder und Sträucher die abgesprengten Zweige und Äste aufgehalten haben, ist der Schlamm nicht einmal halb so weit gekommen."

Bressan schüttelt den Kopf. "Wie ihr aus Opfern Täter macht! Dann hätten die Ämter uns verbieten müssen zu bauen." Leonardo sieht ihn mitleidig an. "Die Posten bekommen eben nur Leute, von denen keine Einwände zu erwarten sind." Bressan schweigt. Vielleicht will er den Streit nicht eskalieren lassen. Vielleicht gibt er Leonardo aber auch in seinem Inneren ein wenig Recht.

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