Zeitung Heute : Übersetzen des Wissens

Mit der Verbreitung von Sprachen über den Globus wurden gleichzeitig ganze Wissensordnungen transportiert.

Albrecht Buschmann
Ohne Übersetzen kein Verstehen. Der Dolmetscher als Doppelfigur auf dem Grabmal des Horemheb (Ägypten, ca. 1300 v. Chr.).Foto: © Rijksmuseum van Oudheden, Leiden, NL
Ohne Übersetzen kein Verstehen. Der Dolmetscher als Doppelfigur auf dem Grabmal des Horemheb (Ägypten, ca. 1300 v. Chr.).Foto: ©...

Jeder glaubt zu wissen, was Übersetzen ist: Worte und Sätze von einer Sprache in die andere übertragen – und dann hoffen, dass der Lehrer nicht zu streng korrigiert. Doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht: Nicht nur zwischen Sprachen übersetzen wir, sondern auch innerhalb von Sprachen. Und mit der Verbreitung von Sprachen über den Globus wurden ganze Wissensordnungen transportiert, etwa bei der Eroberung Südamerikas durch die Spanier und Portugiesen, oder bei der Verbreitung des europäischen Wissenschaftsdiskurses im 18. und 19. Jahrhundert.

Mit solchen und anderen Phänomenen beschäftigt sich die Arbeitsgruppe „Das Übersetzen des Wissens und Wissen der Übersetzung“, beginnend mit der Frage, wie in der Antike erstmals in der europäischen Kultur das Übersetzen theoretisch erfasst wurde. Schließlich spielten Übersetzungen aus dem Griechischen im alten Rom eine bedeutende Rolle: „Gerade weil die römische Kultur eine zweisprachige war, also jeder Gebildete Griechisch verstand oder sogar schrieb, ist das Phänomen des Übersetzens besonders scharf beobachtet worden“, erläutert die Altphilologin Professorin Christiane Reitz. „Wenn zum Beispiel Cicero griechische Philosophie übersetzte, reflektierte er diesen Vorgang gleichzeitig auch theoretisch, von der Lexik über die grammatischen Strukturen bis zu der komplexen Interaktion von Inhalt und sprachlichem Ausdruck. Auf diese Weise entwickelte er Konzepte und Begriffe, die noch heute die Fachsprachen prägen.“

Auf einer ganz praktischen Ebene stellen sich hingegen die Übersetzungsfragen für Professor Franz-Josef Holznagel, der das Rostocker Liederbuch, eine mittelniederdeutsche Handschrift aus dem 15. Jahrhundert, so edieren möchte, dass sie von heutigen Lesern verstanden werden kann. Doch Forschungen zum intralingualen Übersetzen in der Germanistik gibt es kaum: „Bis vor kurzem hat so mancher Altgermanist so getan, als könnten er und seine Studenten das Wissen solcher Texte ohne große Probleme erfassen und umformulieren“, so Holznagel.

Einen dritten Arbeitsschwerpunkt der Gruppe, in der auch mehrere Doktoranden des Departments mitarbeiten, bilden „Heilige Texte“. So analysiert der Sprachwissenschaftler Rafael Arnold judenspanische Bibelübertragungen, die sich so eng an das Original anlehnen, dass sie wirken wie „Hebräisch in spanischem Gewand“. Andere Forschungsfragen ergeben sich aus praktischen Herausforderungen: Der Theologe Professor Martin Rösel arbeitet aktuell an der Überarbeitung der Bibelübersetzung für die evangelische Kirche mit. Was ganz eigene Probleme aufwirft: „Viele Bibelstellen sind den Menschen ja sehr vertraut und oft auch persönlich wichtig. Da muss jede Änderung, auch wenn sie eigentlich philologisch oder theologisch zwingend scheint, sorgfältig bedacht werden. Übersetzen ist hier wirklich ein Jonglieren mit sehr vielen Bällen.“

Wie man diese Bälle in der Luft hält, also eine gelungene Übersetzung eines ästhetisch anspruchsvollen Textes praktisch erstellen und analytisch bestimmen kann, dafür reicht die linguistische Übersetzungsforschung nicht aus: Reflexionen über Ton und Stil, Kulturkontakt und Fremderfahrung klammert sie meist aus. Solche Aspekte werden zwar in der neueren kulturwissenschaftlichen Übersetzungstheorie höchst anregend aufgenommen, aber selten mit Blick auf konkrete Einzeltexte.

Hilfe könnte von den literarische Übersetzern kommen, die in ihrer täglichen Arbeit ja ständig mit komplexen Übersetzungsfragen zu tun haben. Darum liegt ein vierter Schwerpunkt der Arbeitsgruppe auf der Kooperation mit literarischen Übersetzern. Wir wollen nicht nur über Übersetzen forschen, sondern mit Übersetzern zusammenarbeiten. Deren praktisches Wissen gilt es zu erkennen und zu systematisieren. Anfang 2012 fand eine erste Tagung der Gruppe statt, in der dieser Dialog begonnen wurde, dessen erste Ergebnisse demnächst als Buch erscheinen. Albrecht Buschmann

Der Autor ist Professor für spanische und französische Literaturwissenschaft und koordiniert die AG „Übersetzen“ des Departments.

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