Zeitung Heute : Übersieh mich nicht!

Die Entwürfe des Berliner Labels C.Neeon sind schon am Bügel ein Ereignis. Mit ihrer Plakativität haben sie die Juroren vieler Wettbewerbe überzeugt. Warum also zögern die Einkäufer?

Grit Thönnissen

Die Kleidung von C.Neeon hat etwas von einer Festung: Standfest und gut verhüllt fühlt sich die Trägerin in den Pullovern mit gleich zwei Kapuzen. Vorne enden sie in langen Stoffbahnen, die man ihrerseits um die Taille knoten kann. Ein plissierter weißer Rock misst, auseinander gefaltet, mehr als drei Meter. Auf die Oberseite der Falten sind schwarze Linien gedruckt, die sich mal dicker, mal dünner auf der gesamten Vorderseite verästeln. Getragen und in Bewegung schließen sich die Linien nie zu einem perfekt aufeinander passenden Muster. Es ist, als schaue man durch gebrochenes Glas oder betrachte ein verschobenes Puzzle. Der Rock wiegt schwer, er ist unglaublich aufwändig von Hand bedruckt und damit selbst nach Ansicht der Designerin Clara Kraetsch als kommerzielles Produkt unzumutbar. „Aber“, sagt sie, „es ist wirklich unglaublich: Er wird im Herbst in einem Laden in Japan hängen.“

Als sich die Modedesignstudentin Doreen Schulz und die Textildesignstudentin Clara Kraetsch an der Kunsthochschule Weißensee kennen lernten, konnten sie zunächst rein gar nichts miteinander anfangen. Das änderte sich erst, als sie entdeckten, dass sie sich in ihrer Arbeitsweise aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander zu bewegten. Die Zusammenarbeit funktionierte so gut, dass sie die ersten Studentinnen in Weißensee wurden, die eine gemeinsame Diplomarbeit abgaben, obwohl sie zwei unterschiedlichen Studiengängen angehörten.

Fläche und Form – mit diesen zwei Worten lässt sich die Arbeitsweise von C.Neeon zusammenfassen. Der Ausgangspunkt ist die große Fläche, die von Clara Kraetsch bearbeitet wird. Viele Stoffe werden in mehreren Schichten per Hand bedruckt. Muster für gestrickte Pullover oder Schals bereitet Clara Kraetsch in Berlin am Computer vor, hergestellt wird die Ware in Belgien. Dann kommt Doreen Schulz ins Spiel: Sie schafft aus der Fläche eine dreidimensionale Form, holt den Stoff dabei nah an den Körper heran, indem sie ihn wickelt, in Falten legt, Kragen vorne in Stoffbahnen auslaufen lässt. Doreen Schulz: „Wir wollen, dass die Leute komplett angezogen sind.“ Dafür benutzen die Designerinnen ein paar Tricks. Beispielsweise nähen sie Stulpen unten an eine Hose; unter einem Pullover mit weitem V-Ausschnitt befestigen sie ein T-Shirt-Fake.

Doreen Schulz kümmert sich neben dem Schnitt auch um die Produktion. Damit kennt sie sich aus: Seit vier Jahren verbringt die 28-Jährige die Hälfte ihrer Arbeitszeit beim international erfolgreichen deutschen Designer Bernhard Willhelm, der sein Atelier in Antwerpen hat. Nach einem Praktikum bekam sie das Angebot, ganz in Belgien bei Bernhard Willhelm zu bleiben. „Aber ich wollte mein Studium beenden, in Berlin leben und mit Clara C.Neeon weiterentwickeln.“

Also machte sie alles. Das brachte viele Vorteile: Nicht nur, dass sie jetzt weiß, wie man mit japanischen Kunden umgeht und Zollpapiere ausfüllt, bei Bernhard Willhelm hat sie auch gelernt, was Freiheit für einen Modedesigner bedeuten kann. „Ihm ist es völlig egal, ob den Leuten seine Sachen gefallen, er schert sich einfach nicht darum.“ Dass ihren Entwürfen oft eine sichtbare Nähe zu Bernhard Willhelm nachgesagt wird, der ebenfalls eine Vorliebe für ausdrucksstarke Drucke und große Formen hat, ficht die beiden konsequenterweise nicht an. „Die Leute versuchen ständig, irgendetwas in unseren Sachen wiederzuerkennen – seien es nun die siebziger Jahre, traditionelle Kimonotechniken oder eben Bernhard Willhelm“, sagt Clara Kraetsch.

Die Japaner haben C.Neeon längst ins Herz geschlossen. Dort haben die beiden Berliner Designerinnen eine eigene Fanseite im Internet ; schon ihre erste Kollektion wurde in Tokio in einer Boutique verkauft. In der vergangenen Woche zeigten sie ihre Entwürfe für Herbst/Winter 2005/06 in einem Pariser Showroom, der ihnen von einem japanischen Fotografen vermittelt wurde. Er empfahl sie auch an Einkäufer weiter, sie gaben einer japanischen Zeitung ein langes Interview, und eine Ladenbesitzerin aus Tokio kündigte an, demnächst eine Ausstellung mit den Entwürfen von C.Neeon organisieren zu wollen.

Eine Woche später in Berlin erzählt Clara Kraetsch von der japanischen Begeisterung ein wenig verlegen, als wäre alles nur eine Jungdesignerinnen-Fantasie. Dabei ist es nicht so, als habe noch niemand in Berlin bemerkt, dass C.Neeon eine Marke mit Zukunft ist. Im Gegenteil, sie nahmen inzwischen an beinahe jedem möglichen Wettbewerb in Deutschland teil. Ihre Diplomkollektion zeigten sie im Januar 2004 bei der Beck’s Modenschau für Nachwuchsdesigner in Berlin. Im Oktober gehörte ihres zu den vier ausgewählten Labels, die bei der Modegala „Fashion Debut“ des Champagnerhauses Moët & Chandon dabei waren. Im gleichen Monat gewann C.Neeon den Wettbewerb „Fashion Channel“ der Berliner Dependance des französischen Kaufhauses Galéries Lafayette: Im Herbst werden die Entwürfe des Berliner Labels drei Monate lang im Pariser Stammhaus verkauft – eine besondere Ehre.

Auch in diesem Jahr geht der Wettbewerbs-Reigen weiter: Anfang April fliegen Doreen Schulz und Clara Kraetsch aller Wahrscheinlichkeit nach im Privatjet des Bundespräsidenten nach Tokio. Dort wird anlässlich des Deutschlandjahres in Japan gezeigt, wie deutsche Mode heute aussehen kann. Mit dabei sind unter anderem: die Modeunternehmen Jil Sander und Boss, Designer wie Bernhard Willhelm und Dirk Schönberger sowie Nachwuchs wie die Berliner Labels Pulver und eben C.Neeon. Zwei Wochen später folgt der „European Design Award“ im thüringischen Apolda. Zur gleichen Zeit findet im südfranzösischen Hyères das Festival International de Mode & de Photographie statt. Hyères gilt als eines der wichtigsten Sprungbretter für eine internationale Designkarriere. Designer aus der ganzen Welt bewarben sich, nur sechs wurden ausgewählt, darunter C.Neeon.

So viele Expertengremien können nicht irren, sollte man meinen. Nur an der geringen Präsenz von C.Neeon im deutschen Einzelhandel haben all die Preise bisher wenig geändert: Lediglich der Berliner Modeladen Konk verkauft das Label in Deutschland. Ob es an der mangelnden Risikobereitschaft der deutschen Modehändler liegt? Dazu Clara Kraetsch: „Wir hatten unsere Sachen einige Zeit bei Galéries Lafayette Berlin, dort haben wir gut verkauft.“ Also scheinen nicht nur experimentierfreudige Japaner etwas mit C.Neeon anfangen zu können. Aber was nützt es, wenn die Entwürfe gar nicht erst beim Endverbraucher ankommen?

Auch als Clara Kraetsch und Doreen Schulz im Januar auf der Berliner Modemesse Premium ausstellten, kamen fast nur Japaner an ihren Stand. Dass sie einerseits so erfolgreich sind, anderseits wenige deutsche Einzelhändler an die Verkäuflichkeit glauben, mag an der Eindeutigkeit der Arbeiten liegen. Die Kleider sind schon auf dem Bügel ein Ereignis: Die großen grafischen Drucke, die sich auf den Kleidungsstücken ausbreiten – die klaren Kontraste der schwarzen und weißen Blockstreifen, dazu Farben wie Signalrot und Grasgrün – haben fast die Wirkung von Straßenschildern: Übersieh mich nicht! Die Stoffe heben das Plakative nicht etwa auf – schwere Baumwolle, dicht gewirkter Jersey dienen vielmehr als Leinwand für die großen Muster.

Dass bei C.Neeon zwei Personen am Werk sind, die ihren jeweiligen Teil der Arbeit sehr ernst nehmen, führt dazu, dass Fläche und Form nur miteinander funktionieren und dass das eine für das andere nie zum Beiwerk wird: „Wir sind schon sehr unterschiedlich. Aber in den entscheidenden Punkten können wir uns immer aufeinander verlassen“, sagt Clara Kraetsch und klingt dabei weniger romantisch als geschäftstüchtig. Das erläutert die 29-Jährige an einer kleinen Geschichte: Im Fitnessstudio sprach sie ein Mädchen an, ihrer Meinung nach das perfekte Model für C.Neeon: „Eine leicht schräg aussehende, hellblonde Schwedin.“ Auch Doreen Schulz hatte ihrer Ansicht nach das ideale Gesicht für die Fotoproduktion gefunden – eine Nachbarin aus Thüringen. Also bestellten sie beide Kandidatinnen ins Atelier. Gekommen ist nur eine: die schwedisch aussehende thüringische Nachbarin aus dem Fitnessstudio. Die Designerinnen hatten unabhängig voneinander dieselbe Person angesprochen.

Konk, Raumerstraße 36 (Prenzlauer Berg). Infos unter www.konk-berlin.de

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