Zeitung Heute : Übertragene Verantwortung

Das Virus ist immer noch tödlich – daran soll der Welt-Aids-Tag heute erinnern. Welche Erfolge gibt es im Kampf gegen die Krankheit?

I. Bach[B. Kast] H. Wewetzer

Wie viele Menschen leben weltweit mit dem Aids-Virus?

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Institus: 40,3 Millionen Menschen. Die meisten der Betroffenen, rund 26 Millionen, befinden sich in Afrika südlich der Sahara. Auch in Süd- und Südostasien sind mit 7,4 Millionen sehr viele Menschen infiziert. In Südamerika beträgt die Zahl der HIV-positiven Patienten 1,8 Millionen. In Deutschland leben rund 49 000 Menschen mit dem Virus oder sind an Aids erkrankt.

Weshalb stecken sich in Deutschland wieder mehr Menschen an?

Seit 2001 steigt die Zahl der Neuinfektionen, sie liegt derzeit bei rund 2600 pro Jahr. Zuvor stagnierte die Zahl jahrelang bei rund 2000. Nach dem Aids-Schock der 80er Jahre hat die Krankheit in Deutschland viel von ihrem Schrecken verloren. Und gerade bei schwulen Männern – sie stellen mit rund 31 000 Infizierten immer noch die weitaus größte Betroffenengruppe – lässt das Schutzverhalten nach. Nach zwei Jahrzehnten ständiger Ermahnungen und Todeswarnungen nimmt die Bereitschaft ab, Kondome zu benutzen. Ein Grund dafür sind die Erfolge bei der Arznei-Therapie. Die Mehrheit der Patienten kann mit den antiretroviralen Medikamenten ein relativ unbeschwertes Leben führen. Sie müssen sich allerdings an strenge Vorgaben bei der Pilleneinnahme halten. Anfangs braucht man nur zwei Medikamente, aber im Laufe der Krankheit werden es immer mehr. Wenn man die Mittel nur unregelmäßig nimmt, drohen Virenstämme, die gegen die Medikamente resistent sind. 2005 werden, wie die Epidemiologen des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin schätzen, 750 HIV-Patienten der insgesamt 49 000 Infizierten sterben.

Wie sehr ist Aids in Deutschland immer noch ein Tabuthema?

Ein Tabu im Sinne, dass man darüber nicht spricht, ist Aids sicherlich nicht mehr. Die intensive Aufklärung hat viel dafür getan, dass Ängste vor dem „Makel“ zurückgegangen sind. Außerdem war die Krankheit lange Jahre in der Öffentlichkeit unsichtbar. In den 80er Jahren mussten die Patienten noch damit leben, dass sie durch die Flecken des Kaposi-Sarkoms, einer speziellen Form des Hautkrebses, für alle offensichtlich an Aids erkrankt waren. Die Therapieerfolge führten dazu, dass das Kaposi verschwand – und damit der Zwang, „darüber zu reden“.

Doch nun wird die Krankheit erneut sichtbar: Jetzt sind es die Nebenwirkungen des jahrelangen Medikamentengebrauchs: so die Umverteilung des Körperfetts, wie eingefallene Gesichter und dicke Bäuche. Gleichzeitig lassen sich wieder mehr Menschen anonym auf das HI-Virus testen und nicht mehr bei ihrem Hausarzt. So rechnen die Gesundheitsämter in Berlin in diesem Jahr mit 6200 anonymen Tests, 2003 waren das noch 5600. Und das, obwohl seit 2004 eine Gebühr für den Test gezahlt werden muss.

Gibt es neue Erkenntnisse in der Forschung, die darauf hoffen lassen, dass die Krankheit eines Tages geheilt werden kann?

Eine Heilung ist nicht in Sicht. Bis heute ist es nicht geglückt, eine Infektion mit dem Aids-Erreger rückgängig zu machen. Medikamente können die Vermehrung des Virus lediglich verlangsamen. Aber wer infiziert ist, behält das Virus auch. Selbst Jahre intensiver Therapie „überlebt“ das Virus, indem es in Zellen des Immunsystems „überwintert“.

Wie wahrscheinlich ist es, dass es einmal einen Impfstoff geben wird?

Viele Forschungsgruppen arbeiten daran – aber es ist extrem schwer. Man versucht, die Abwehrstoffe („Antikörper“) des Immunsystems zu aktivieren, indem man Teile des Aids-Virus oder Virusgene injiziert, zum Teil bei Affen, zum Teil auch schon an Menschen. Die Gene werden vom Körper aufgenommen und führen zur Bildung von Bausteinen des Virus, gegen die das Immunsystem dann seine Antikörper bildet. Normalerweise führen solche Antikörper zur Vernichtung des Virus. Das Tückische am Aids- Virus ist, dass es seine Strukturen ständig ändert – die hochspezifischen Antikörper erkennen es dann nicht mehr. Außerdem versteckt das Virus die Angriffspunkte für die Antikörper hinter „Tarnmolekülen“. Bei Affen sind einige Impfversuche schon gelungen, beim Menschen aber funktioniert die Methode noch nicht.

Gibt es auf der Welt Beispiele, wo die Zahl der Neuansteckungen gesunken ist?

Ein Beispiel ist Botsuana. Kaum ein Land ist so betroffen: Fast 40 Prozent der Bevölkerung sind infiziert. Nun hat man dort aber ein Anti-Aids-Programm gestartet, das erste Erfolge zeigt. Das Programm reicht von Aufklärungskampagnen bis hin zur Versorgung mit antiretroviralen Medikamenten.

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