Zeitung Heute : Überwachen statt strafen

Sein Leben steht auf dem Kopf, seit der Schwager bei ihm in Detmold wohnt. Denn der Schwager war bei der Hisbollah

Stefan Derschum[Detmold]

Ob Uwe Sievert in diesen Tagen mehr Verständnis hat für die Männer in den dunklen Limousinen, die auf den Parkplätzen in der Nachbarschaft stehen und warten und schauen und observieren? In diesen Tagen, in denen Polizei und Staatsschützern Versagen vorgeworfen wird, weil ihnen bei der Beschattung des Kölner Kalifen ein peinlicher Fehler unterlaufen sein könnte – in den labyrinthischen, zwillingsgleichen Wohnblöcken Köln-Chorweilers? Das ist 200 Kilometer weit weg.

Das Viertel in Detmold, ostwestfälische Provinz, in dem Uwe Sievert, 36 Jahre alt, mit seiner Familie lebt, ist so etwas wie das städtebauliche Gegenteil zur Kölner Trabantenstadt. Ein- und Zweifamilienhäuser stehen an einer holprigen Durchgangsstraße, eine Baumreihe, ein kleiner Park – und die Staatsschützer aus Bielefeld, die SEK- und MEK-Beamten, die Sieverts Familie nicht mehr aus den Augen lassen, seitdem der Bruder seiner Frau am 30. Januar eingezogen ist.

Der Bruder heißt Steven Smyrek, ist 1994 zum Islam konvertiert und Hisbollah-Aktivist. Als am 29. Januar im Zuge eines Gefangenenaustausches die Bundeswehrmaschine aus Beirut mit einem israelischen Geschäftsmann und den drei Leichen israelischer Soldaten an Bord in Köln-Bonn landet, steht der israelische Flieger mit 35 arabischen Gefangenen bereits am Boden. Smyrek, 33, ist einer davon. Einen Tag später lebt er bei seiner Schwester und seinem Schwager in seiner Geburtsstadt Detmold.

Der Alltag von Sonja und Uwe Sievert und ihrer Tochter wird seitdem observiert. Noch mal: Verständnis durch den Fall Metin Kaplan? Nicht in dieser stillen Wut, dieser Ohnmacht, dieser Müdigkeit, die in Sieverts Gesicht liegt.

„So können wir kaum noch weiterleben“, sagt er, die Stimme leise. Er und seine Familie könnten keinen Schritt mehr vor die Tür gehen, ohne von Polizisten verfolgt zu werden. Ein Nachbar spricht mittlerweile mit der Selbstverständlichkeit eines Touristenführers über die Männer in den dunklen Autos: „Die überwachen doch den Islamisten. Die stehen hier oft den ganzen Tag rum .“

Begonnen hat alles mit einem Anruf des Staatsschutzes am Tag des Gefangenenaustausches. „Sie sagten, dass Smyrek freigelassen worden sei, und dass er bei uns in Detmold bleiben wolle“, sagt Sievert. Er sei zunächst dagegen gewesen, „weil Steven ja immer Probleme hatte und Mist baute“. Vielleicht denkt Sievert in diesem Moment an die Zeit, als Smyrek nach dem Wehrdienst ins Drogenmilieu rutschte, vielleicht aber auch an die Terrorausbildung, die er im Libanon machte. Wohl eher an den Kleinkriminellen und nicht an den potenziellen Terroristen, denn der „Mist“ reichte nicht aus, um den Schwager abzulehnen. Er habe sich schließlich überreden lassen, sagt Sievert.

Abends gegen 23 Uhr bringen zwei LKA-Beamte Steven Smyrek, der 1997 bei der Einreise in Tel Aviv festgenommen worden war, ins Haus. „Es hat sich sofort herausgestellt, dass er nicht bei uns bleiben wollte, sondern zurück in den Libanon“, erzählt Sievert, der sich aus den unterschiedlichen Aussagen einen Verdacht zusammengeschmiedet hat: „Unser Haus ist frei stehend. Es ist einfach besser zu überwachen.“ Ein Nachbar habe berichtet, dass Beamte nach der Möglichkeit gefragt hätten, Kameras bei ihm aufzustellen. „Der hat abgelehnt, aber woanders stehen sie sicher“, sagt Sievert.

Da kurz nach der Aufnahme seines Schwagers auf Anweisung des Bundesinnenministerium ein Ausreiseverbot verhängt wurde, fürchtet Sievert nun, dass es immer so weitergeht. Er erzählt von Autokolonnen, die ihn verfolgten, von den immer gleichen Gesichtern, die er beim Einkaufen sehe, von Streit mit den Nachbarn wegen der laufenden Motoren der Polizei-Fahrzeuge. Vor einigen Wochen, sagt er, „bin ich mit meiner Tochter zu meinen Eltern gefahren. Da sind uns vier, fünf Autos gefolgt, und es ist zu einer verbalen Auseinandersetzung mit den Beamten gekommen.“ Sievert sagt, er wisse nicht mehr, was er machen soll. „Wir können Steven doch nicht einfach vor die Tür setzen.“ Nach diesem Satz macht er eine dieser Pausen, in denen er mit offenem Mund und bebendem Unterkiefer auf eine Antwort zu warten scheint, auf eine Lösung.

„Ich kann nicht ausschließen, dass es auch mal zu einem Konflikt kommt“, erklärt Ulrich Buchalla, Kommissariatsleiter beim Bielefelder Staatsschutz, und bedauert die Situation: „Es ist natürlich misslich, dass auch unbescholtene Bürger betroffen sind, aber was sollen wir tun?“

Doch bevor der Kommissariatsleiter droht, in eine Kritik an deutscher Behördengründlichkeit abzugleiten, fängt er sich und rechtfertigt die Überwachung. Eine Rechtfertigung, die in diesen Tagen ein neues, stabiles Fundament aus Köln bekommen hat. „Andererseits hat Steven Smyrek die Situation durch seine radikalen Aussagen bei einer ARD-Dokumentation selbst verschuldet.“ Dort hatte er sich zu seiner terroristischen Mission bekannt. Einer wie er bekomme seine Befehle, und die müssten ausgeführt werden, sagte Smyrek, „wir sind so gefestigt in unserer Religion, dass wir ohne Gefühle unser Leben geben.“ Das konnten die Fernsehzuschauer Mitte Januar seinen schmallippigen Mund sagen hören.

Uwe Sievert, der seit vier Monaten mit ihm zusammenlebt, glaubt nicht an Smyreks Gefährlichkeit. Das Interview sei verfälschend zusammengeschnitten –„sonst kann man mit Steven ja keinen Blumentopf gewinnen“. Dann wiederholt der Schwager die Frage: „Gefährlich?“ Als Antwort schallt ein gespieltes Lachen. „Für ihn ist es nur eine schöne Sache, beachtet zu werden.“ Auch bete er nicht und besitze keinen Koran. Uwe Sievert schätzt, dass Smyrek einfach nur harte Regeln für sein Leben brauche –„dann wird vielleicht alles wieder normal“. Und dann beschreibt er noch seine Horrorvorstellung: „Ich dreh mich im Bett um, und ein Beamter blickt mich an.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!