Zeitung Heute : Überwachung statt Rettung

HAU 1 Hans-Werner Kroesinger beleuchtet in „FRONTex SECURITY“ die europäische Asylpolitik.

SANDRA LUZINA

Als Anfang Oktober mehr als 330 Flüchtlinge aus Afrika in den Gewässern vor Lampedusa ertranken, war das Entsetzen groß. „Europas Schande“ – so titelten die Medien. Doch in der Asylpolitik bleibt alles beim Alten. Europa schottet sich ab und rüstet weiter auf.

Hans-Werner Kroesinger hatte längst mit den Recherchen zu „FRONTex SECURITY“ begonnen, als sich das Flüchtlingsdrama ereignete. Der Theatermacher läuft nicht den Tagesaktualitäten hinterher. Er gräbt sich mit Beharrlichkeit und detektivischem Spürsinn durch Aktenberge, bei seinen Tiefenbohrungen geht es immer darum, die verborgenen Strukturen sichtbar zu machen. In „Failed States One: Somalia“ hat er sich bereits mit der militärischen Sicherung von Europas Handelswegen auf dem Wasser beschäftigt. Sein neues Stück ist nun eine Weiterführung der Thematik: „Die Wasserstraßen werden mit großem Aufwand geschützt, wenn es um den Transport von Gütern geht“, erklärt Kroesinger. „Es gibt aber ein anderes Gut, was sich selbst übers Mittelmeer transportiert, was man nicht haben will: Das sind die Flüchtlinge aus Afrika. Und dann stößt man unweigerlich auf Frontex.“

Die umstrittene Agentur, der zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, wurde 2004 von der EU gegründet. „Wir sind auf ein Interview mit einem Frontex-Beamten gestoßen“, erzählt der Regisseur. „Auf einer menschlichen Ebene täte es ihm leid, was mit den Flüchtlingen passiert, sagt er. Aber sein Auftrag sei es, die Illegalen fernzuhalten.“

Das Programm EUROSUR zur Überwachung „problematischer Menschenströme“ – so die offizielle Darstellung – wurde im Oktober in Brüssel verabschiedet. Mithilfe von Drohnen und Satelliten sollen Flüchtlinge schneller geortet werden. Als Hilfe zur Seenotrettung ist die Technik aber nicht vorgesehen. „Diese technische Aufrüstung dient natürlich auch dazu, dass Firmen lukrative Aufträge bekommen“, so der Regisseur.

Als Kroesinger und seine Dramaturgin sich die Entwicklungsgeschichte von Frontex angeschaut haben, ging es ihnen vor allem um die Veränderungen im deutschen Asylrecht. „Deutschland hatte mal das liberalste Asylrecht der Welt, was mit den Erfahrungen des Nationalsozialismus zusammenhängt. Dieses Asylrecht ist nach und nach demontiert worden.“

Der Regisseur hat sich durch hunderte Seiten von EU-Verordnungen gekämpft, er hat Dokumente über die Einsätze von Frontex studiert und mit Staatsrechtlern gesprochen. Sein Stück versucht nicht nur Schneisen durch das Behördendickicht zu schlagen, es wirft ganz grundsätzliche Fragen auf: Ist das Leben von Flüchtlingen ein schützenswertes Gut? Gilt Sicherheit nur noch nach innen und nicht mehr für den Flüchtling, der Schutz sucht?

„Die Materie ist extrem kompliziert“, seufzt Kroesinger, „und die Sprache ist der Horror.“ Er arbeitet wieder mit erhellenden Perspektivwechseln: Sein Stück schaut ins Innere des Apparats, dessen Auftrag es ist, die Grenzen dicht zu machen. Doch auch die Kritiker kommen zu Wort – und die Betroffenen. Erzählt wird die Odyssee eines somalischen Flüchtlings, der in Lampedusa strandet.

Das Stück greift auch in die mythische Vorgeschichte aus. „Das Asylrecht ist ein antikes Recht. Man brach einen Zweig vom Baum ab und flüchtete sich in den Tempel – damit genoss man Asyl. Es war ein göttliches Recht, es konnte nicht gebrochen werden.“ Neben vier Schauspielern steht diesmal auch eine Sängerin auf der Bühne, die Arien aus Glucks „Iphigenie“-Opern interpretiert – der Gesang ist eine emotionale Insel in den kalten Gewässern des Stücks.

Europa rühmt sich, die Menschenwürde zu achten. „Das Asylrecht ist ein Menschenrecht“, unterstreicht Kroesinger. „Menschenrechte sind unveräußerlich, sie gelten für alle. Es scheint aber so zu sein, dass sie nicht für alle gelten.“

SANDRA LUZINA

Premiere 13.12., 20 Uhr, 14., 18.-21.12., 20 Uhr, 15.12., 17 Uhr

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!