Zeitung Heute : Übung macht den Zocker

Mit Spielen verschenkt man auch ein Stück Geselligkeit. Fünf Neuheiten, die der ganzen Familie Spaß machen

Thomas Magenheim-Hörmann

„Einfach Genial“.

Dieser Titel verpflichtet. Genial einfach ist das Legespiel für ein bis vier Personen ab zehn Jahren zweifellos, obwohl die Solovariante wirklich nur einsamen Herzen zu empfehlen ist. Jede andere Besetzung birgt aber großen Reiz. Überfordert ist niemand dabei, die in kalter Ästhetik gehaltenen Plastikchips in Form eines doppelten Sechsecks auf das passend gemusterte Spielbrett zu legen. Die Chips zeigen sechs verschiedene Farbsymbole, mit denen möglichst lange durchgängige Reihen gebildet werden müssen. Dafür gibt es Siegpunkte. Am Ende wertet aber nur die Farbe, für die man am wenigsten Punkte gesammelt hat. Nicht Übermaß, sondern Gleichmäßigkeit ist also bei „Einfach Genial“ (Verlag Kosmos) gefragt. „Einfach Genial“ ist ein schönes, ansprechendes Familienspiel, das maximal eine Stunde dauert und 30 Euro kostet.

„Sankt Petersburg“.

Kniffliger wird es beim Erwachsenenspiel „Sankt Petersburg“ (Hans im Glück). Hier geht es darum, Glanz und Gloria des ehemaligen Paris des Ostens wieder auferstehen zu lassen. Anfänger werden vor allem von Prunkstücken wie der Erlöserkirche angezogen, denn sie bringen viele Punkte. In Wahrheit führt zu früher Protz in Ruin und Verelendung. Die Verführung liegt darin, dass die schönen Bauten permanent in einer Auslage zum Kauf feilgeboten werden und man anfangs auch etwas Startkapital hat. Wird das aber verjuxt, ist schnell Schluss mit lustig. Ein solides Fundament bedarf Handwerkern, die ebenfalls in Kartenform vorliegen, und Adeligen. Am Ende gibt das blaue Blut oft den Ausschlag. Das ist zwar politisch nicht ganz korrekt, aber schließlich nur ein Spiel und zwar eines, das Übung braucht. Wer sich von anfänglichen Pleiten nicht schrecken lässt, den erwartet ein spannendes und schön gemachtes Taktikspiel für zwei bis vier Personen ab zehn Jahren, das bis zu eine Stunde dauert und 25 Euro kostet.

„Dicke Luft in der Gruft“.

Gut, so ganz kindgerecht ist das Einsargen von Vampiren auf einem Friedhof auf den ersten Blick nicht. Dafür ist bei dem Thema von der ersten Minute an Aufmerksamkeit garantiert. Die Gestaltung lässt zudem keinen verschreckenden Grusel aufkommen. Das Memory-Prinzip kommt bei „Dicke Luft in der Gruft“ (Zoch) nur in einem ungewöhnlichen Gewand daher. Es gibt hier Grabdeckel, Knoblauch und jede Menge Blutsauger. Die gilt es zur vermeintlich letzten Ruhe zu betten. Die Farbe des Vampirs muss dabei mit der Farbe des Grabs übereinstimmen. Letztere wird aber erst beim Abheben des Sargdeckels sichtbar. Ein gutes Gedächtnis ist hier der Schlüssel zum Erfolg. Kinder ab sechs Jahren haben daran ebenso großen Spaß, wie deren Eltern, die aber in puncto Gedächtnis oft hoffnungslos unterlegen sind. Das Spiel dauert etwa eine halbe Stunde und kostet rund 30 Euro.

„San Juan“.

Nichts für Kinder ist das Kartenspiel „San Juan“ (Alea). Das liegt nicht an moralischen Erwägungen, sondern daran, dass dabei nicht gereizt oder gestochen, sondern eine karibische Kolonie, wie es sie vor einigen Jahrhunderten gab, aufgebaut wird. Dieser Leckerbissen für passionierte Zocker hat eindeutig Brettspielcharakter. Dazu schlüpfen Wohnzimmerkolonialisten jede Runde neu in fünf verschiedene Rollen vom Ratsherren über den Baumeister bis zum Händler. So werden Waren produziert und verkauft oder Gebäude errichtet. Genial ist der Kniff, dass Karten einerseits mit ihrer Vorderseite als Gebäude dienen und mit ihrer Rückseite als Geld oder Ware herhalten. Das Material wird damit knapp und übersichtlich gehalten. „San Juan“ ist durch steten Rollenwechsel enorm vielschichtig, leicht zu spielen, aber schwer zu gewinnen. Den Schlüssel zum Sieg bringt die Kunst, zufällig gezogene Karten optimal zu kombinieren. Hier ist Flexibilität gefragt. Für ein Spiel dieser Tiefe hat „San Juan“ für zwei bis vier Personen ab eher zwölf Jahren eine ungewöhnlich kurze Spieldauer von etwa einer Stunde und mit 15 Euro einen günstigen Preis.

„Blue Moon“.

Ein Kartenspiel ist auch „Blue Moon“ (Kosmos), aber ein äußerst edles. Es erinnert an Sammelkartenspiele wie Magic oder Yu-Gi-Oh. Gezeichnet sind die Blue-Moon-Karten aber von wahren Meistern der Fantasy-Kunst. „Blue Moon“ ist ein Duell für ausschließlich zwei Personen ab angeblich zwölf Jahren. Wegen des Themas sind aber auch Zehnjährige außerordentlich erpicht auf eine Partie.

Was den Nachwuchs interessiert, sorgt dann auch für überraschende Aufmerksamkeit und Konzentration, so dass Erwachsene nicht automatisch als Sieger gelten müssen. Bei „Blue Moon“ kämpfen zwei Völker um drei Drachen, die als Plastikfiguren vorliegen. Man legt im Prinzip Runde für Runde Völkerkarten, bis dem Kontrahenten die Puste ausgeht oder er freiwillig passt. Durch solche Siege zieht man Drachen auf seine Seite. Sammelkartenähnlich ist das Ganze nicht nur durch den Duellcharakter, sondern auch, weil man nach und nach weitere Völkersets kaufen, sie mischen und nach Wunsch zusammenstellen kann. Das ist dann quasi ein Spiel vor dem Spiel, kann aber eine Art Kaufsucht erzeugen. Für den Verlag ist das gut, für den Süchtigen kostspielig.

Das Basisspiel mit zwei Völkern kostet 15 Euro, jedes weitere Volk sieben Euro. Nicht von Pappe ist auch die 19-seitige Spielregel. Aber auch die lesen schon Zehnjährige erstaunlicherweise ohne Murren.

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