Zeitung Heute : Ufo trifft Raumschiff - Der Mensch als Erfolgsmodell

Regina-C. Henkel

Die Gestalter der Zukunft heißen nicht Bites und Bytes. Es sind die Menschen und ihre Ideen, die die Richtung und das Tempo vorgeben. Sicher - ohne die Informationstechnologie läuft nichts mehr. Aber genau so sicher ist auch: Weder die Wirtschaft noch der Arbeitsmarkt und schon gar nicht die Gesellschaft lassen sich auf den binären Code reduzieren. Menschen sind komplex und kompliziert, sie haben Eignungen und Neigungen, Fähigkeiten und Wünsche. Dass jetzt auch das Handwerk ein Einwanderungsgesetz fordert, wird mit weiteren Ausbildungsverordnungen nicht zu beantworten sein. Bäcker, Metzger oder Maurer will schon seit Jahren kaum noch ein Jugendlicher werden. Mobil sind die jungen Leute auch nicht.

Oder etwa doch? Ein großer Teil der 150 Mitarbeiter, die der Multimedia-Unternehmer Bernd Kolb seit Anfang des Jahres im Berliner Büro von I-D Media beschäftigt, kommt aus der schwäbischen Provinz. Der Umzug in die Hauptstadt, für viele junge Leute ein Sechser im Lotto, war aber nicht ausschlaggebend. Ein kurzer Besuch in der Kreuzberger Lindenstraße - und schon dürfte die Entscheidung gefallen sein: Auf dem Empfangscounter frisches Obst, in den Fluren Getränke- und Snack-Automaten, in den Büros Computer eigener Wahl. Doch nicht das Equipment, zu dem auch ein riesiges gelbes Plüsch-Schwein gehört, sondern die Atmosphäre aus Motivation, Begeisterung und Leistungslust ist es, was auslöst: Hier wäre ich gerne dabei.

Interessant, dass diesem Reiz nicht nur frischgebackene Hochschulabsolventen erliegen. Erwin Staudt, der Geschäftsführer von IBM Deutschland, ist bereits 52 - und seit zwei Wochen Partner des Start up-Unternehmens. Ein großes Raumschiff mit bewährten Plattformen und Vertriebskanälen kooperiert mit einem kleinen Ufo, das im Moment vor allem mit einem glänzt: frischen Einfällen, ungebremstem Ehrgeiz und unverbrauchter Ehrlichkeit im Umgang miteinander. "Ein Modell für Success", wie Erwin Staudt überzeugt ist, "weil es hier nicht nur um technologische Synergien geht, sondern um Ideen und die Menschen."

Wenn die Entschlüsselung des menschlichen Genoms - vor zehn Tagen erst als Lösung "des größten Rätsels der Menschheit" gefeiert, kurz darauf als riesige PR-Ente entlarvt und letztlich wohl als Auftakt für die wahrscheinlich größte Datenbank-Vermarktung der Geschichte zur Kenntnis zu nehmen - irgendwann tatsächlich gelingt, sollten einige IT-fixierte Chefs Staudts "Modell für Success" nicht vergessen. Sonst werden plötzlich vielleicht nicht mehr nur "mehr" Spezialisten gesucht, sondern möglicherweise auch "bessere".

Dabei gibt es sie doch schon. Zum Beispiel in Kreuzberg. Der 28-jährige Marketing-Chef Evangelos Papathanassiou von I-D Media schwärmt schon jetzt von der Zusammenarbeit zwischen dem "Ufo" und dem "Raumschiff": "Wir ergänzen uns ganz hervorragend. Was wir von unserem großen Partner lernen können, sind Strukturen. Die brauchen wir, wenn wir bis zum Jahresende auf 600 Mitarbeiter wachsen wollen." Wetten, dass New-Media-Agenturchef Kolb keine Mühe haben wird, sie zu bekommen? Als Psychologe ist er Spezialist darin, erst den Menschen zu sehen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar