Zeitung Heute : „Ulrike könnte noch leben“

Der Tagesspiegel

Von Claus-Dieter Steyer

Berlin/Eberswalde. Die Eltern der vor einem Jahr verschleppten und ermordeten zwölfjährigen Ulrike Brandt erheben schwere Vorwürfe gegen mehrere Justizbeamte. „Endlich liegen uns alle Akten vor“, sagte Kerstin Brandt gestern in Berlin.

„Demnach könnte unsere Rike tatsächlich noch leben, wenn Richter und Staatsanwälte richtig gearbeitet hätten.“ Sie seien zwar nicht direkt schuld am Tod unserer Tochter, aber eine gewisse Verantwortung tragen sie doch.“ Der Mörder Stefan Jahn hätte sich zum Tatzeitpunkt gar nicht auf freiem Fuß befinden dürfen, sondern im Gefängnis.

Die schon längere Zeit vermuteten Justizpannen haben die Eltern in mühevoller Kleinarbeit nun „hieb- und stichfest“ untermauern können, wie ihr Anwalt Gregor Gysi formulierte, dessen anwaltliche Zulassung wegen seiner Arbeit als Berliner Wirtschaftssenator derzeit ruht. Gysi vertrat die Eltern im Prozess gegen Stefan Jahn, der darin zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. „Die ganze Arbeit, die sich die Familie mit den Akten gemacht hat, wäre eigentlich Aufgabe des Justizministers gewesen“, sagte Gysi. Der hätte den Fall auswerten müssen und einen Runderlass über Aufgaben während der Bewährung von Straftätern verfassen müssen. „Ich vermute, es besteht kein großes Interesse daran“, und das sei „ politisch nicht in Ordnung."

Wie die präsentierten Akten zeigten, begann die verhängnisvolle Kette von offensichtlichen Fehlentscheidungen am 21. Januar 2000. An jenem Tag wurde der bereits mehrfach verurteilte Stefan Jahn auf Beschluss des Landgerichtes Cottbus vorzeitig aus der Haft entlassen. Von seiner insgesamt dreijährigen Freiheitsstrafe wegen mehrerer schwerer Autodiebstähle und Gewaltanwendung wurden 18 Monate zur Bewährung ausgesetzt. „Die Freilassung erscheint völlig unverständlich“, erklärte Anwalt Walter Venedey, der Gregor Gysi vertritt. Stefan Jahn sei ein typischer Bewährungsversager, da er zuvor schon oft kurz nach seiner Freilassung neue Straftaten verübt habe. Ein in einem früheren Prozess angefertigtes Gutachten bescheinigte ihm einen starken Egoismus, eine psychosoziale Fehlentwicklung und die Neigung zu kaltblütigem Handeln.

Zwei Monate nach seiner letzten Freilassung stahl Jahn erneut ein Auto, zwei Tage später wurde er am gestohlenen Pkw festgenommen. Er legte sofort ein Geständnis ab und gab Fahrten unter Alkoholeinfluss zu. „Hier hätte die zuständige Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) die Bewährung sofort widerrufen müssen“, meinte Anwalt Venedey. Statt dessen ließ sich die Behörde Zeit bis zum Oktober 2000. Das zuständige Landgericht Cottbus sah anhand der Akten offenbar keinen Handlungsbedarf. Jahn blieb in Freiheit. Am 25. Januar 2001 begann vor dem Amtsgericht Strausberg der Prozess wegen des Autodiebstahls im März 2000.

Zu einer Fortsetzung kam es nicht mehr. Am 22. Februar fuhr der Sozialhilfeempfänger mit seinem VW Polo das Mädchen Ulrike in der Nähe der elterlichen Wohnung im Eberswalder Ortsteil Finow an. Er zerrte das Kind ins Auto, missbrauchte und erdrosselte es. Drei Wochen später wurde die Leiche in der Nähe des Flugplatzes Werneuchen gefunden. Nach 14-tägiger Suche in der Region konnte die Polizei Jahn festnehmen.

„Besonders sind wir über den Petitionsausschuss des Landtages enttäuscht“, sagte Kerstin Brandt. Er habe ihr mitgeteilt, auf Seiten der Justiz sei in diesem Fall alles in Ordnung gewesen. „Aber vielleicht können wir etwas für eine bessere Kontrolle und Überwachung von auf Bewährung entlassenen Strafgefangenen tun“, erklärte sie.

Gegen die Richterin am Landgericht Cottbus, die Jahn auf Bewährung freigelassen hatte, und gegen den Staatsanwalt in Frankfurt (Oder), der den Widerruf der Bewährung nicht sofort einleitete, erhoben die Eltern Dienstaufsichtsbeschwerde.

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