Zeitung Heute : Ultrarechte missverstehen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Seit die Firma Meier aus Wedding meinen Keller entrümpelt hat, kann man wieder die ganze rechte Wand angucken. Das lohnt sich, weil ein politisch interessierter Vormieter irgendwann in den Achtzigern die Kellerwand mit Propagandamaterialien vollgeklebt hat. „Weg mit dem Nato-Doppelbeschluss!“, „Vorwärts zum X. Parteitag!“, „Meine Hand für mein Produkt!“

Als die Firma Meier abrückte, sah ich auf der Rückseite des T-Shirts eines der Meiermänner eine kleine Reichskriegsflagge. Darf man Neonazis seinen Keller entrümpeln lassen? Was, wenn man’s nicht tut? Man drängt sie ja noch weiter an den Rand der Gesellschaft. – Nun, es war für so Grundsätzliches zu spät, die Firma Meier mit dem Neonazi und dem Kellergerümpel rückte ab.

In unserem Haus, direkt überm Propagandakeller, befindet sich ein Lebensmittelladen, in dem drei junge Männer im Wechsel kassieren. Zwei von ihnen sollten sich nach anderen Berufsperspektiven umsehen, fürs Kassiererhandwerk sind sie definitiv ungeeignet. Der dritte aber ist ein ganz hervorragender Kassierer. Mit welcher Eleganz der die Waren über den Scanner zieht, wie der das Geld wechselt – toll!

Neulich, der Laden war ganz leer, las er Zeitung: die ultrarechte „Junge Freiheit“. Ich war sehr enttäuscht von meinem Lieblingskassierer, und ich fragte mich auch gleich, ob ordentliches Kassieren mit sehr rechter Gesinnung in einem notwendigen Zusammenhang steht. Kennt jemand einen links-liberalen 1a- Kassierer? Naja, jeder SPD- Kreisverband hat ja einen Kassierer, oder? Da sind bestimmt auch gewissenhafte dabei. Kann schließlich auch sein, dass mein Lieblingskassierer nur Rolf Hochhuths Junge-Freiheit-Interview im Original lesen wollte, um zu sehen, was sein Lieblingsdramatiker da Dummes gesagt hat.

Dann war die Reichskriegsflagge auf dem Entrümplerrücken möglicherweise ein postmodernes Zitat? Vielleicht wollte der Mann auch nur sagen: Seht, solche T-Shirts trage ich in den schmutzigsten Rümpelkellern. Oder meinte er es totalitarismuskritisch? Wegen der DDR-Propagandaplakate. Den nächsten Verdächtigen werde ich fragen müssen.

C.Leggewie, H.Meier: Verbot der NPD oder Mit Rechtsradikalen leben?, Suhrkamp, 10 Euro.

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