Zeitung Heute : Um den Wolf heulen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Um den Wolf, das ist bekannt, ist es hier zu Lande nicht gut bestellt: Der deutsche Wald wurde ihm versauert und überhaupt ist sein Ruf ziemlich ruiniert. Nur die Kinder scheinen ihm in ihrer Phantasie noch ein Reservat bewahrt zu haben – als menschenfressendes Scheusal und unversiegbare Quelle der Furcht. Auch Emma interessiert sich neuerdings sehr für den Graupelz.

Zwei prägende Erlebnisse haben unsere zweijährige Tochter auf die Wolfsfährte geführt. Zuerst hatte ihr die sardische Nonna – ihre Oma – ein Bilderbuch mit der Geschichte von Cappuccetto Rosso, der italienischen Version des Märchens vom Rotkäppchen, geschenkt. Vom Schicksal des kleinen Mädchens und ihrer Großmutter, mit denen sich der Wolf den Bauch vollschlägt, aus dem die beiden erst durch den beherzten chirurgischen Eingriff des Jägers wieder befreit werden, kann unser Kind gar nicht genug bekommen, und das Buch weist längst erhebliche Gebrauchsspuren auf. Nachhaltig beeindruckt hat Emma auch „Peter und der Wolf“. Seit sie die Oper im Puppentheater erlebt hat, ist die graue Bestie ein ständiges Thema bei uns.

Nun hat das Grauen einen Namen und eine hässliche Fratze dazu: mit großen Augen, haarigen Ohren und einem geifernden Maul. Wo immer es zurzeit etwas zu fürchten gibt, hat der Wolf seine Pfoten im Spiel. Vor kurzem war aber ein anderes Biest bei uns im Haus. Tante Stefania, die Schwester meiner Frau, versuchte Emma davon abzuhalten, ständig die Treppe hinaufzusteigen, weil sie fürchtete, das Kind könne herunterfallen. Mit guten Worten war jedoch nichts auszurichten. Also erzählte sie ihr, oben am Treppenabsatz warte der böse Wolf auf sie. Sofort hatte Emma die Lust an der Treppe verloren.

Ganz unrecht sollte Tante Stefania mit ihrer Drohung nicht behalten. Als ich erfuhr, was sie meiner Tochter erzählt hatte, wurde ich zum Wolf – und jagte Stefania durch die Wohnung.

Im Zoologischen Garten können Besucher erleben, dass auch Wölfe manchmal Grund zur Furcht haben. Dort teilen sich die kanadischen Wölfe seit kurzem ein neues Freigehege mit den Braunbären – eine Wohngemeinschaft, in der das Recht des Stärkeren eindeutig vergeben ist.

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