Zeitung Heute : Um der Menschen willen: Den Nutzen mehren

Das Evangelische Johannesstift erweitert seinen Wirkungskreis über Spandau und Berlin hinaus, um selbstbestimmte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen

Martin von Essen

Einen wahrhaft runden Geburtstag feiert das Stiftsgelände des Evangelischen Johannesstifts am 18. September. An diesem Tag blickt die Stiftung auf eine 100-jährige Geschichte am Standort Berlin-Spandau zurück. Zuvor war die Stiftung fast ein halbes Jahrhundert in Berlin-Plötzensee beheimatet. Das Evangelische Johannesstift selbst zählt inzwischen 152 Jahre. Die Stiftung wurde 1858 durch Johann Hinrich Wichern gegründet.

Wie kam es damals zu diesem denkwürdigen Ortswechsel von Berlin-Plötzensee nach Spandau? 1898 informierte der Berliner Magistrat das Johannesstift über Pläne für den Bau eines Großschifffahrtsweges zwischen Berlin und Stettin. Wegen der günstigen Lage bot sich das Gelände des Johannesstifts für die Anlage eines modernen Binnenhafens an. 1906 war man sich über den Verkaufspreis einig. Zunächst suchte man ein geeignetes Gelände in Berlin mit zentraler Lage. Dies war jedoch nicht zu finanzieren. So erwarb die Johannes-Stiftung von der damals noch selbstständigen Stadt Spandau ein 75 Hektar großes Gelände im dortigen Stadtforst. Zwischen 1907 und 1910 entstand dann das „neue“ Johannesstift. Am 12. April startete das Schuljahr im neuen Pädagogium. Festlich eingeweiht werden konnte das Stift am 18. September 1910. Die Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen waren damals die wesentlichen Aufgaben des Evangelischen Johannesstifts neben der seit Gründung bestehenden Ausbildung von Diakonen.

Die Lage im Spandauer Forst und an der Peripherie der Stadt bestimmte den Charakter des Johannesstifts als einer in die Natur eingebetteten Stadtrandsiedlung. Wie schon das alte, so bildete nun auch das neue Johannesstift eine kleine, umzäunte Stadt für sich. Fast alle Elemente einer eigenständigen Siedlung waren vorhanden: Wohn- und Verwaltungsgebäude, Freizeiteinrichtungen, handwerkliche Betriebe, ein Straßen- und Wegenetz, Plätze, Nutz- und Ziergärten, einen Erholungspark und an der Peripherie ein forstwirtschaftlich genutzter Naturraum sowie eine Garten- und Landwirtschaft. Es gab Versammlungsorte (Festsäle und Aulen), eine Badeanstalt für den Winter und, direkt an der Havel gelegen, eine Sommerbadeanstalt. Die Sportmöglichkeiten waren großzügig ausgebaut. Mehr oder weniger sind diese Elemente bis heute anzutreffen.

Die Folgen von Erstem Weltkrieg und Inflation brachten das Johannesstift fast an den Ruin. Während dieser Zeit mussten viele Bildungsangebote aufgegeben werden. Häuser wurden beschlagnahmt und an Wohnungssuchende vermietet. 1926 folgte eine grundlegende Weichenstellung der diakonischen Arbeitsfelder. Der damalige Stiftsvorsteher Helmut Schreiner legte die Fundamente für die Angebote, die bis heute für das Evangelische Johannesstift prägend sind: die Jugendhilfe, die Altenhilfe und die Behindertenhilfe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine umfangreiche Bautätigkeit ein, die unter anderem Pflegewohnheime, das heutige Hotel sowie die Kinderheime entstehen ließ. Bis Anfang der 1970er Jahre galt auf dem Gelände – wie in ähnlichen Institutionen – die Einheit von Leben, Wohnen und Arbeiten. Das Stiftsgelände war alleiniger Ort der diakonischen Arbeitsfelder. Eine erste Veränderung gab es 1983. Damals schuf man nach skandinavischem Vorbild eine Wohneinrichtung mit nachbarschaftlichem Wohnen von Menschen mit und ohne Behinderung. Diese bedeutete auch eine Öffnung. Mieter, ohne in einem Arbeits- oder Betreuungsverhältnis zu stehen, zogen in die Neubauten ein.

Die Randlage hat über die Jahrzehnte hinweg die Wahrnehmung des Evangelischen Johannesstifts tief geprägt. Manchmal verbinden Menschen von außerhalb damit eine Anstalt, wahlweise ein Seniorenzentrum oder ein Heim, bisweilen ein Krankenhaus oder ein Schulgelände. Sämtliche Einrichtungen gibt es zwar auf dem Gelände, aber eben auch 110 Mietwohnungen, die frei vermietet sind. Geschäfte und Einrichtungen sorgen für eine kiezähnliche Infrastruktur. Alles in allem ist vieles hier normaler, als es von außen erscheinen mag. Heute sprechen wir von einem Gemeinwesen mit einer ganz besonderen sozialen Prägung des Miteinanders von Menschen mit und ohne Hilfebedarf.

Menschen, die zum ersten Mal das Stiftsgelände betreten, sind überrascht von der Größe und der Schönheit. Beeindruckend ist die Zentralperspektive auf die Stiftskirche inmitten der Platanenallee, aber auch die Mischung von Normalität mit erlebbaren diakonischen Arbeitsfeldern, die beispielsweise durch eine Vielzahl von Menschen in Rollstühlen, von älteren Menschen, aber auch von Schülerinnen und Schülern vermittelt wird.

Das Gelände zeigt so die sichtbare und erfahrbare Gestalt dessen, wofür das Evangelische Johannesstift steht und welche Werte es leiten: nämlich Menschen zu begleiten getrieben vom Auftrag christlicher Nächstenliebe.

Die Sicht auf vergleichbare Anlagen und Institutionen wie das Stiftsgelände hat sich vor Jahren deutlich verändert. Die Gründe sind vielfältig. Die Dezentralisierung sozialer Hilfen ist bestimmend. Je nach Bereich – Altenhilfe, Jugendhilfe oder Behindertenhilfe – hat dies eigene Logiken. Bei der Jugendhilfe geht es schon seit Mitte der 1990 Jahre darum, Erziehungswohngruppen in ein normales Wohnumfeld zu integrieren. Die Betreuung älterer Menschen orientiert sich mehr und mehr am Kiez und setzt auf kurze Wege integriert in Nachbarschaften. So sollen gewachsene Beziehungen erhalten bleiben und ältere Menschen in ihrer gewohnten Umgebung leben können. In der Behindertenhilfe wird die ambulante Wohnform der stationären vorgezogen und politisch unterstützt. Zentral sind die Gedanken von Selbstbestimmung, Inklusion und Teilhabe.

2008 gab es nach jahrelangen Verhandlungen die Möglichkeit, das Stiftsgelände um etliche Hektar baulich zu erweitern. Dies gab den entscheidenden Impuls, neu darüber nachzudenken, welche Entwicklung das Stiftsgelände nehmen soll. Aspekte der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und oben genannte Trends ergänzten diese Überlegungen. Mit der Behindertenrechtskonvention wird Behinderung nicht länger primär unter medizinischen oder sozialen Blickwinkeln betrachtet, sondern ist als Menschenrechtsthema anerkannt worden. Damit verbunden ist ein grundlegender Perspektivwechsel. Aus Wohlfahrt und Fürsorge wird Selbstbestimmung. Menschen mit Behinderungen sind Subjekte und keine Objekte. Patientinnen und Patienten sind Bürgerinnen und Bürger. Hilfe wird nicht für Menschen über deren Köpfe hinweg organisiert, sondern mit Betroffenen und Angehörigen gestaltet.

Dahinter verbirgt sich ein Menschenbild, das für die Arbeit des Evangelischen Johannesstifts prägend ist. Es geht um die tiefe Überzeugung, dass die Liebe Gottes allen Menschen gilt. Daraus leiten sich Respekt und Achtung des Menschen in seiner Einzigartigkeit ab. Deshalb darf niemand ausgegrenzt werden. Im Gegenteil: Selbstbestimmte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft ist zu ermöglichen. Wirksame Hilfe muss sich daran orientieren. Sie geschieht auf Augenhöhe.

Dezentralisierung sowie die genannten Aspekte von Teilhabe und Inklusion bedingen, dass weitere notwendige Angebote für Menschen mit Hilfebedarf auf dem Stiftsgelände nur dann verantwortet werden können, wenn das Gelände durch seine Infrastruktur Selbstbestimmung weiter fördert und Integration, Öffnung sowie Normalität in den Vordergrund stellt.

Was für das Stiftsgelände gedacht wird, gilt in übertragenem Sinne auch für den Unternehmensverbund Evangelisches Johannesstift insgesamt, der in fünf Bundesländern mit Angeboten vertreten ist. Teilhabe bedeutet, dafür einzutreten und Engagements zu entwickeln, dass Menschen in unserer Gesellschaft nicht ausgegrenzt werden. Der Gedanke der Öffnung bedeutet Verantwortung für den Bezirk Spandau, für Berlin, ja im weitesten Sinne für die Gesellschaft wahrzunehmen, überall da, wo das Evangelische Johannesstift aktiv ist. Dies braucht Partner, Kooperationen und Netzwerke. „Wir denken vernetzt und suchen Partner, um gemeinsam eine menschliche Zukunft zu gestalten“, heißt es im Abschluss des Stiftungsleitbildes. Das Evangelische Johannesstift will sich den Herausforderungen der Zukunft stellen. Die Prognos Studie Berlin 2030, die vor wenigen Wochen im Tagesspiegel vorgestellt wurde, nennt Themen, die auch im Evangelischen Johannesstift auf der Agenda stehen: Demografischer Wandel, Bildung und Integration sind im Blick, und es gibt jetzt schon Angebote und Konzepte, die diese Themen aufnehmen. Kiezbezogene Pflegezentren, Bildungsangebote für benachteiligte Schülerinnen und Schüler, Ausbildungsangebote und Qualifizierungsmaßnahmen zum Erlernen sozialer Berufe, um dem Fachkräftemangel vorzubeugen sowie die Angebote des interreligiösen Dialogs und der interkulturellen Verständigung – das alles lässt sich in den Arbeitsfeldern der Stiftung finden. Aus der Tradition heraus bilden das Engagement für benachteiligte Kinder sowie deren Familien einen Schwerpunkt. Vor diesem Hintergrund wurde 2008 auch die Bildungskampagne „Kinder beflügeln“ gestartet, die Kinder in Schulen an sozialen Brennpunkten fördert.

Ein letzter Gedanke: Der Blick auf die Geschichte des Stiftsgeländes und der Stiftung zeigt: Das, was wir heute weiter entwickeln dürfen, ist die Summe vieler Engagements der vergangenen Generationen. Sie haben an dem umfassenden Werk mitgebaut und tun dies bis heute. Es waren und sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die engagierten Bürgerinnen und Bürger, die Politik, mit der wir gemeinsam soziale Gesellschaft gestalten, die Unternehmen und Institutionen, mit denen wir mit gleichen Zielen und Werten verbunden sind. Es sind aber auch die kritischen Begleiter und Mahner, die uns an den bleibenden Auftrag der Nächstenliebe der Stiftung erinnern und diesen eingefordern.

Was wir in diesen Jubiläumstagen würdigen, ist das Ergebnis dieses nachhaltigen und vernetzten Handelns. Dafür gilt es von Herzen zu danken im Namen vieler Menschen, die Hilfe und Begleitung erfahren haben. Davon gilt es zu lernen, und das gilt es als Vorbild zu nehmen. Es zeigt uns die Verantwortung auf, in der wir stehen. Nämlich den Nutzen des Evangelischen Johannesstifts für die Menschen weiterhin zu mehren – eine bleibende Aufgabe.

Der Autor ist Pfarrer und Stiftsvorsteher des Evangelischen Johannesstifts

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