Zeitung Heute : Um Gottes Willen!

Die deutsche Polizei hat zwei hochrangige Al-Qaida-Leute aus dem Jemen festgenommen. Einer hat enge Kontakte zur Hamas-Bewegung. Und er verwaltet Gelder Osama bin Ladens. Der Terrorchef will offenbar eine weltweite Allianz muslimischer Religionskrieger schmieden.

Frank Jansen Andrea Nüsse

Von Frank Jansen

und Andrea Nüsse

Die Terrorgruppen rücken zusammen. Mit der Festnahme der beiden Jemeniten am Frankfurter Flughafen hoffen die Fahnder auf mehr Informationen über die Kooperation von Al Qaida und Hamas. Denn zumindest einer der Männer, Mohammed Ali Hassan Sheikh Al Mojad, ist offenbar sowohl für Osama bin Laden als auch für die palästinensische Terrororganisation tätig gewesen. Das Nachrichtenmagazin „Focus“ meldet unter Bezug auf amerikanische Regierungskreise, Sheikh Al Mojad sei im Jemen ein „Hauptunterstützer“ der Hamas.

Freunde Osama bin Ladens

Nach Informationen des Tagesspiegel war Sheikh Al Mojad gleichzeitig für die Finanzen und die Logistik der jemenitischen Al-Qaida-Strukturen zuständig. Meldungen, Sheikh Al Mojad habe die Gelder der Al Qaida weltweit verwaltet, sind wahrscheinlich übertrieben. Gleichzeitig spielt Sheikh Al Mojad offenbar eine wichtige Rolle in Osama bin Ladens ehrgeizigstem Projekt – eine globale Einheitsfront muslimischer Gotteskrieger zu formieren. Sheikh Al Mojad hat als Imam der Hauptmoschee der jemenitischen Hauptstadt Sanaa engen Kontakt zur islamistischen Islah-Partei unterhalten. Sie verfügt über 52 Sitze im Parlament und steht in Opposition zur Regierung von Präsident Ali Abdullah Salih.

Der militante Islah-Flügel wird von einem Freund Osama bin Ladens angeführt: Abdul Al Majid Al Zandani hat mit dem Al-Qaida-Chef Anfang der achtziger Jahre im Jemen Kämpfer für Afghanistan geworben für den Krieg gegen die sowjetischen Besatzer. Zandani hat sich auch im Land am Hindukusch aufgehalten. Wie viele Jemeniten in Afghanistan gekämpft haben, ist unklar – mehrere tausend auf jeden Fall. Zandani scheint außerdem bin Laden geholfen zu haben, Verbindungen zur Hamas aufzubauen. Das Auswärtige Amt berichtet über Kontakte aus dem Jemen zu der palästinensischen Organisation, „insbesondere seitens der Islah-Partei“. Bin Ladens Freund Zandani ist Vizechef der Islah und sitzt im Parlament.

Doch sind diese Verbindungen von Zandani und Sheikh Al Mojad nicht die einzigen Indizien für das Zusammenrücken von Al Qaida und Hamas. Dem Bundesnachrichtendienst und dem Bundeskriminalamt liegen Informationen vor, Kämpfer der Hamas seien im Sudan von Al Qaida ausgebildet worden. Bin Laden musste 1991 Saudi Arabien verlassen, ging in den Sudan und richtete dort drei Trainingscamps ein. Neben Mitgliedern der Hamas wurden dort Gotteskrieger der algerischen Terrororganisation GIA gedrillt, der ägyptischen Gruppen Al Jihad Al Islami und Jamaat Al Islamiyya – und auch der gegen Israel kämpfenden libanesischen Hisbollah. Obwohl die Libanesen der schiitischen Glaubensrichtung angehören, die von der sunnitischen Mehrheit abgelehnt wird. Doch bin Laden strebt die große, weltweite Kampfgemeinschaft an – gegen „Kreuzritter, Juden und alle anderen Ungläubigen“.

Wie Sheikh Al Mojad stammen auch zahlreiche andere hochrangige Al-Qaida-Mitglieder, die nach dem 11. September festgenommen wurden, aus dem Jemen. Die meisten der Flugzeug-Attentäter jedoch kamen aus dem benachbarten Saudi-Arabien. Beide Länder der Golf-Halbinsel haben einige Gemeinsamkeiten. Ihre Gesellschaften sind streng konservativ-islamisch. Der Schritt zur Ideologie gewaltbereiter Islamisten ist dabei oft nicht groß. Außerdem haben beide Länder besondere Beziehungen zu Osama bin Laden: Der Vater des Al-Qaida-Chefs stammt aus der Provinz Hadramaut im Süden Jemens, in Saudi-Arabien errichtete er ein Bau-Imperium auf, das dem Clan Verbindungen in die höchsten Gesellschaftsschichten einbrachte.

Vieles jedoch ist in den beiden Ländern, die erst kürzlich einen Friedensvertrag schlossen, auch nicht vergleichbar. Jemen ist das ärmste Land der Golf-Halbinsel, Saudi-Arabien das reichste. Im Jemen fand bisher keine gesellschaftliche Modernisierung statt. Die Mehrheit der Bevölkerung hat die traditionellen islamischen Normen verinnerlicht. Die Rückkehr von Tausenden von Afghanistan-Kämpfern führte zur Bildung radikaler islamischer Gruppen. Ihre Mitglieder wurden im Geheimdienst und in der Armee aufgenommen. Zwar versucht Präsident Ali Abdallah Saleh nun, sich von diesen Elementen zu trennen. Aber der Einfluss der Zentralgewalt ist beschränkt. Ein Waffenmonopol des Staates gibt es nicht, Krummdolch und Kalaschnikow gehören zur Ausrüstung vieler Männer, schwerere Waffen sind auf öffentlichen Märkten erhältlich.

In Saudi-Arabien wurde die Kluft zwischen dem staatlich verbreiteten extrem konservativen Islam-Verständnis, dem Salafismus, und der ebenfalls im Land vorhandnene westlichen Konsumkultur immer größer. Auch der aufwendige Lebensstil eines Großteils der Königsfamilie, die sich als Hüterin von Mekka und Medina, der heiligsten Stätten des Islam, sieht, steht im Kontrast zu der gepredigten asketischen Islam-Auslegung.

Kritik an der Scheinheiligkeit

Diese „Scheinheiligkeit" führte zur Radikalisierung islamistischer Gruppen, die überzeugt sind, die Rückkehr zu einer wahrhaft islamischen Gesellschaftsordnung sei nur durch Gewalt möglich. Der zunächst auf Saudi-Arabien beschränkte Konflikt wurde von Osama bin Laden schließlich ausgeweitet zu einem Kampf gegen jene westlichen Länder, die das Regime in Saudi-Arabien unterstützen und mit ihm eine Allianz bilden.

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