Zeitung Heute : Um Leben und Tod

Ein Gespräch mit dem New Yorker Schriftsteller Gary Shteyngart

Herr Shteyngart, erzählen Sie uns doch zunächst etwas über sich selbst.

Ich wurde 1972 in Leningrad geboren und emigrierte, als ich sieben war, mit meiner Familie nach Queens, New York. Ich bin hauptsächlich Romanautor, unterrichte aber auch Kreatives Schreiben und veröffentliche regelmäßig Kurzgeschichten und Artikel. Ich würde sagen, dass ich in gewisser Weise Amerikaner bin, aber in erster Linie bin ich New Yorker.

Ihre letzten beiden Bücher, „Das Handbuch des russischen Debütanten“ und „Snack Daddys abenteuerliche Reise“, waren große Erfolge. Besonders letzteres zeigt, dass ein Romanautor einen sehr wachen Sinn für die reale Welt haben kann. Wie erklären Sie das?

Für „Snack Daddys abenteuerliche Reise“ habe ich sehr journalistisch gearbeitet, ich habe Menschen und die Welt um mich herum beobachtet. Aufgefallen ist mir dabei, besonders im heutigen Amerika, dass die Menschen Zukunftsängste haben. Und wenn Menschen Angst vor der Zukunft haben, wollen sie keine Romane lesen – sie bevorzugen Sachbücher. Deshalb glaube ich, dass es für Romanautoren wichtig ist, zu reisen, so viel wie möglich über die Welt zu lernen und zu verstehen, wie wir an diesem sehr gefährlichen Punkt der Geschichte angekommen sind.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Unter anderem arbeite ich an einem neuen Buch, das den Arbeitstitel „The Love Song of Eunice Park“ trägt. Es ist mein erstes Buch, das in den USA spielt, im New York der nahen Zukunft. Die Wirtschaft beginnt gerade zu kollabieren, es sind nur noch wenige Oasen des Wohlstands übrig. Außerdem verliert ein großer Teil der Bevölkerung die Fähigkeit zu sprechen und zu lesen.

Was können Sie uns über die Hauptfiguren Ihres neuen Buches verraten?

Eine der beiden Hauptfiguren ist ein Mann in den Dreißigern, der für einen „Unsterblichkeitsdienst“ arbeitet. Er ist nur ein kleiner Funktionär in der Firma, aber er träumt davon, eines Tages Aktionär zu werden, um am Ende sogar die lebensverlängernden Dienste in Anspruch zu nehmen, die die Firma verkauft. Sein Verlangen, sein Leben zu verlängern oder sogar unsterblich zu werden – dieses Ringen zwischen Leben und Tod – empfinde ich als charakteristisch für die Gesellschaft, in der wir leben. Der Mann ist verliebt in die zweite Hauptfigur, eine junge, koreanischstämmige Amerikanerin, die sich vollständig der Konsumgesellschaft hingibt. Als das Land kollabiert, kollabiert auch sie. Aber die Liebe zwischen den beiden Figuren lässt sie die Schrecken ihrer Umwelt überbrücken, so wie jeder Akt der Liebe der Versuch ist, eine Lücke zu überbrücken. Die Idee ist, herauszufinden, wie sich die Liebe und die Gesellschaft verändern, wenn die Menschen die Fähigkeit verlieren, miteinander zu kommunizieren.

Was hat sie zu dem neuen Buch inspiriert?

Ich schreibe schon sehr lange über Russland – und ich habe das Gefühl, dass ich meine Schuldigkeit getan habe. Ich kann nicht endlos über dieses Land und den Weg, den es gewählt hat, schreiben, diese gelenkte Demokratie. In erster Linie handelt mein neues Buch von Amerika und davon, wie sich New York in den letzten Jahren verändert hat. Manhattan ist ein Wohnort für Millionäre geworden, die Mittelklasse ist verschwunden. Ich lebe in einem der letzten Viertel, in dem noch Menschen mit niedrigem Einkommen leben, deshalb muss ich mich nur in meinem eigenen Hinterhof umsehen, um zu beobachten, was geschieht.

Glauben Sie, dass ein ökonomischer Zusammenbruch wie der, den Sie in Ihrem Buch beschreiben, sich wirklich ereignen könnte?

Natürlich – und ich bin nicht der einzige, der das glaubt. Die großen Autohersteller in den USA stecken in einer tiefen Krise. Überhaupt produzieren wir in den USA kaum noch etwas, aber wir konsumieren immer noch sehr viel. Wir sind träge geworden, ohne es zu merken. Es sind in erster Linie die Einwanderer, die den unternehmerischen Impuls aufrechterhalten. Was wir herstellen, sind Schulden. Wir werden ständig dazu gedrängt, mehr zu konsumieren, und das wächst sich zu einer gigantischen Krise aus. Die Leute verpfänden ihre Häuser! Sie nehmen Hypotheken auf, ohne darüber nachzudenken, was das für ihre Zukunft bedeutet. Und der Grund für diesen Niedergang ist eine politische Führung, die sich um nichts schert als das Unmittelbare, die keinen Weitblick hat. Ich hege allerdings die Hoffnung, dass sich die Dinge zum Besseren wandeln. Ich wurde in einem gescheiterten Imperium geboren und will nicht in einem anderen sterben. Wenn sich ein Imperium im Niedergang befindet, merkt man das immer daran, dass der Handel mit Patriotismus blüht. Wenn ich in ein Land komme, in dem ich keine Fahnen sehe, dann weiß ich: Es ist ein Land, das sich wohl in seiner Haut fühlt. Ich glaube, die Amerikaner merken, dass etwas nicht in Ordnung ist, aber sie wissen nicht, wie sie das verarbeiten sollen, weil ihnen ihr ganzes Leben lang erzählt wurde, dass sie im besten Land der Welt leben.

Was glauben Sie, welchen Einfluss Berlin auf Ihr Schreiben haben wird?

Ich liebe Berlin. Hier ist ständig etwas im Gange, die Stadt hat ein sehr reichhaltiges kulturelles Leben. Außerdem ist es schwierig, in Städten wie New York oder London als Künstler zu leben, weil sie einfach zu teuer sind, das ist in Berlin anders. Was den Einfluss auf mein Schreiben angeht – da bin ich nicht sicher. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mir leichter fällt, über einen bestimmten Ort zu schreiben, wenn ich gerade nicht dort bin. Deshalb freue ich mich auf Berlin: Hier zu sein bedeutet, über die USA aus einer gewissen Entfernung schreiben zu können – und ohne viel Ablenkung. Mich lenkt es sogar ab, wenn ich die Sprache verstehe, die um mich herum gesprochen wird. Deshalb freue ich mich darauf, kein Deutsch sprechen zu können, zum Nicht-Teilhaber der Gesellschaft zu werden. Das löst bei mir Kindheitserinnerungen aus: Ich fühlte mich als Kind oft ausgeschlossen und schämte mich so sehr für meinen Akzent, dass ich nicht sprach. Damals fing ich an zu schreiben.

Das Interview führten Ulrike Graalfs und Stephanie Rhinehart.

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