Umfrage : Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Das Allensbach-Institut hat eine Umfrage zum Thema „Familie“ gemacht. Wie beurteilen die Menschen die Familienpolitik in Deutschland?

Rainer Woratschka

Die Menschen in diesem Land sind der Ansicht, dass es für Familienministerin Ursula von der Leyen noch jede Menge zu tun gibt. Ganz oben im Auftragsbuch steht dabei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 64 Prozent der berufstätigen Mütter sagen, in anderen Ländern gebe es bessere Lösungen, wie Job und Kindererziehung zusammengebracht werden. Und nur 18 Prozent meinen, dass die Vereinbarkeit auch hierzulande gut funktioniert.

Es handle sich um eine politische „Daueraufgabe“, folgert die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher, aus dem Umfrageergebnis. In ein oder zwei Legislaturperioden lasse sie sich kaum bewältigen. Und das Hauptproblem liegt für die meisten nach wie vor in fehlenden Betreuungskapazitäten. 81 Prozent der berufstätigen Mütter und 74 Prozent der Gesamtbevölkerung wünschen sich mehr Hort- und Kindergartenplätze. Auf dem zweiten Rang der Dringlichkeitsskala steht die Forderung nach mehr Ganztagsbetreuung.

Entsprechend bestätigt fühlt sich von der Leyen. Sie betonte den „großen Nachholbedarf“ und versprach, dass der Ausbau der Kindertagesbetreuung bis zum Jahresende unter Dach und Fach sei. Bis 2013 werde man die Betreuungskapazitäten für unter Dreijährige von 15 auf 35 Prozent gesteigert haben.

Neben der Politik sehen die Befragten aber auch die Betriebe in der Pflicht. Gerade mal drei Prozent sind der Ansicht, dass sich die Arbeitgeber ausreichend für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf engagieren. 79 Prozent meinen, dass sie hier wesentlich mehr tun müssten. Nötig ist aus ihrer Sicht dreierlei: flexiblere Arbeitszeiten, mehr betriebliche Kinderbetreuung und deutlich mehr Teilzeitarbeitsplätze. Schließlich würden 56 Prozent der bisher nicht berufstätigen Mütter erklärtermaßen gerne wieder ins Berufsleben zurückkehren – allerdings nur 16 Prozent von ihnen in einen Fulltime-Job.

Bei den Arbeitszeiten müssten die Firmen schon selber zu Potte kommen, sagte von der Leyen. Die Politik könne nur versuchen, den Unternehmen klarzumachen, dass eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf durchaus in ihrem Interesse sei. „Sonst werden sie bei den jungen Fachkräften in kürzester Zeit das Nachsehen haben.“ Zudem versucht es das Ministerium mit Förderanreizen, etwa einem Programm für betriebliche Kinderbetreuung, das wegen wachsender Nachfrage jetzt auch auf Betriebe mit mehr als 1000 Beschäftigten sowie auf Universitäten ausgeweitet wird.

Was den Stellenwert von Familie betrifft, beobachte sie einen „bedeutsamen kulturellen Wandel“, sagte die Ministerin. Nachdem Deutschland lange „auf dem Weg zu einem kinderentwöhnten Land“ gewesen sei, werde Familie wieder spürbar wichtiger. Während 2003 noch 21 Prozent der unter 45-Jährigen Kinder in ihrer Lebensplanung nicht vorgesehen hätten, seien es nun nur noch 15 Prozent. Außerdem änderten sich die Rollenmuster. Jeder sechste Vater etwa nehme inzwischen die Elternzeit in Anspruch. Diese Entwicklungen lösten auch „starke Umdenkprozesse“ in der Wirtschaft aus.

Solche Veränderungen nehmen auch die von Allensbach befragten Bürger wahr. Zwei Drittel haben den Eindruck, dass sich Väter mehr um Erziehung und Kinderbetreuung kümmern als früher. 63 Prozent finden das auch gut. Zudem bekennen sich immer mehr Männer zur Familie als wichtigstem Lebensbereich. Für 72 Prozent rangiert sie klar vor Freundeskreis, Arbeit und Freizeit, bei berufstätigen Vätern sind es gar 89 Prozent.

Bei der Frage, was Familien materiell am besten hilft, nennen die meisten das Kindergeld (siehe Grafik). Die beitragsfreie Mitversicherung in der Krankenkasse ist den Befragten am zweitwichtigsten, und auch das Elterngeld findet immer mehr Zuspruch. 74 Prozent sehen darin inzwischen eine gute Regelung, nur acht Prozent halten nichts davon.

Gefördert werden sollten nach Meinung der Mehrheit vor allem arme und kinderreiche Familien sowie Alleinerziehende. Auch hier zeigt sich der hohe Stellenwert der Familien, die Unterstützung von Arbeitslosen und Rentnern ist den Befragten weit weniger wichtig. Bei staatlichen Familienleistungen bestehe aber erheblicher Informationsbedarf, sagte Allensbach-Geschäftsführerin Köcher. Ausgerechnet bei Alleinerziehenden, die am dringlichsten auf staatliche Leistungen angewiesen seien, herrsche die größte Unkenntnis. Nur 37 Prozent von ihnen fühlten sich gut informiert.

Die Verbesserung der Situation Alleinerziehender nannte Köcher eine der größten Herausforderungen. Dazu gehöre nicht nur ein höheres Angebot an Betreuungsplätzen, sagte Ursula von der Leyen. Wichtig sei etwa auch, dass bereits Arbeitssuchende Anspruch auf einen Kitaplatz erhielten – und nicht nur Mütter, die schon einen Job vorweisen könnten.

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