Umgang mit „Anderen“ : Ökonomisch leben

Eine Studie zeigt: Viele Bürger empfinden Arbeitslose als Last. Wie gespalten ist die deutsche Gesellschaft?

Axel Vornbäumen
Deutsche Ansichten
Die Ergebnisse der Studie in der Übersicht. -

Der Titel ist sperrig, mittlerweile aber längst zum Markenzeichen geworden: Im sechsten Jahr schürft nun schon das Team um den Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer in der Gesellschaft nach Symptomen der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Es ist ein ambitioniertes, auf insgesamt zehn Jahre angelegtes Projekt, dem der Sozialwissenschaftler den vielsagenden Titel „Deutsche Zustände“ gegeben hat. Was da an die Oberfläche kommt, das besorgt Heitmeyer regelmäßig, denn nach seinen Recherchen existiert in vielen deutschen Köpfen offenbar eine Schattenwelt aus Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit , Abwertung von Homosexuellen, Obdachlosen und Behinderten.

Auch mit seinem jüngsten Befund will Heitmeyer nachhaltig am Selbstverständnis der Gesellschaft rütteln, neues Unheil droht: Die Bielefelder Forscher haben sich nämlich erstmals der Frage angenommen, welche Rolle das ökonomische Denken in der Bevölkerung spielt, „um Gruppen von Menschen nach Kriterien der Nützlichkeit und Effizienz zu beurteilen“. Erstes Ergebnis: Der Druck ökonomischer Verhältnisse hat beachtliche Auswirkungen auf die Einstellung gegenüber anderen Menschen – nur wer was leistet zählt, lautet das Credo vieler der Befragten. Der Rest wird als Last empfunden. So erhielten die Wissenschaftler recht hohe Zustimmungswerte für die Aussage: „Menschen, die wenig nützlich sind, kann sich keine Gesellschaft leisten“. Exakt ein Drittel der 1758 Befragten fand, dieser Satz stimme „voll und ganz“ beziehungsweise treffe „eher zu“. Fast 44 Prozent waren der Ansicht „Wir können uns in dieser Gesellschaft nicht zu viel Nachsicht leisten“; immerhin fast 26 Prozent stimmten dem Satz „Moralisches Verhalten ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr erlauben können“ zu.

Heitmeyer schlussfolgert: „Das Eindringen von Kalkülen der Marktwirtschaft in die Gesellschaft, die so zur Marktgesellschaft wird, zeigt sich in diesem Denken“. Bei der Vorstellung der Studie am Donnerstag in Berlin nannte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) diesen Befund „alarmierend“. Der für den Aufbau Ost zuständige Minister Wolfgang Tiefensee sagte mit Blick auf Ostdeutschland, dort sei mittlerweile „die Angst vor denen da oben der Sorge gewichen, zu denen da unten zu gehören“. Tiefensee selbst sorgt sich wegen fortschreitender „Prekarisierung, Verunsicherung, Perspektivlosigkeit“.

Heitmeyer beunruhigt der Befund, dass das „ökonomistische Denken“ offenbar den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährde. Langzeitarbeitslose würden zum Beispiel in breiten Teilen der Öffentlichkeit stigmatisiert, ihnen werde ein Image zugeschrieben, nach dem ihre mangelnde Arbeitsmoral der entscheidende Grund für ihre Arbeitslosigkeit ist. Für den Satz: „Ich finde es empörend, wenn sich Langzeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen“ erhielten die Bielefelder Forscher eine Zustimmungsquote von über 60 Prozent. Der Aussage „Wenn man Langzeitarbeitslose zu öffentlichen Arbeiten heranzieht, stellt sich bald heraus, wer arbeiten will und wer nicht“ stimmt 88,5 Prozent der Befragten „ganz“ oder „eher“ zu. Bei sinkender Soziallage, heißt es in der Studie, nähmen die Ressentiments gegenüber Langzeitarbeitslosen kontinuierlich zu. Das Bedürfnis wachse, „sich von Personen am unteren Rand der Sozialhierarchie abzugrenzen, indem man diesen eine negativere Arbeitshaltung zuschreibt, als sich selbst“.

Wilhelm Heitmeyers erste Analyse: „Wir müssen uns davon verabschieden, dass ausschließlich politische Ideologien wie die des Rechtsextremismus die abwertenden oder feindseligen Mentalitäten erzeugen.“ Es reiche eine ökonomisch erzeugte „Ungleichheit“, die in eine „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ umgewandelt werde.

Kein schönes Land, in dieser Zeit? Ganz so trist ist es denn doch nicht. In Bielefeld haben sie einen zarten Silberstreif am Horizont ausgemacht. Die Angst vor Desintegration und prekären Lebensläufen habe nach Jahren erstmals abgenommen. Und auch bei der Fremdenfeindlichkeit zeige sich erstmals seit 2002 ein signifikanter Rückgang.

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