Zeitung Heute : Umgemöbelt

Das Ende der Wegwerfgesellschaft: Aus Müll werden neue Einzelstücke, die man kaufen kann. Trendforscher haben schon einen Begriff dafür: upgrade.

Lucia Jay Seldeneck

Kübelweise eisgekühlter Champagner, Hummer aus der Bretagne, ganze Flugzeugladungen exotischer Blumen: So sah eine luxuriöse Gala bisher aus. Das war einmal.

In New York sitzen die Charity-Ladies neuerdings im funkelnden Abendkleid auf Pappstühlen, vor ihnen auf langen Papptafeln Pappteller auf Pappuntersetzern, Rechnungen, Mahnungen und andere verjährte Korrespondenzen dekorieren, in kleinen Schnipseln zu riesigen Kugeln geformt, den Saal. So war es zumindest auf der Guggenheim-Gala in New York vor ein paar Monaten. Der Designer David Monn lobte sich selbst für die geringe Umweltbelastung seiner Ausstattung, die „New York Times“ rief prompt das Jahr der Recycle-Dekoration aus.

Das hat auch in Berlin längst begonnen. Franziska Wodicka trägt eine Holzbank nach draußen und guckt sich zufrieden um. Es ist mild, fast wie richtiger Frühling, da passt auch die Bank vor dem Kreuzberger Laden ins Bild. Und einen Blick für passende Dinge hat die gelernte Landschaftsarchitektin. Ihre neuen Kompositionen bestehen allerdings nicht aus Pflanzen, sondern aus Schubladen.

Im hinteren Raum ihres „SchubLadens“ stapeln sie sich bis zur Decke: schwere Holzschubladen mit dicken Griffen, kleine gläserne Küchenschubladen, klitzekleine Schubladen aus Kinderkaufmannsläden, die darauf warten, wieder gefüllt zu werden. Wer zu Franziska Wodicka in den Laden kommt, kann sich seine Lieblingsschubladen aus dem Stapel raussuchen. Die 32-Jährige macht dann zusammen mit dem Kunden den Entwurf für einen Corpus, den ein Tischler anfertigt.

„Schubladen erzählen Geschichten“, sagt Franziska Wodicka beim Blick auf ihre Sammlung. Woher sie die alle hat? Von Trödlern, aus dem Internet und – die Sammlerin lächelt: „Die Schubladen kommen auch zu mir.“ Schon mehrmals, seit sie den Laden vor ein paar Monaten eröffnet hat, hat sie morgens welche vor ihrer Tür gefunden, die jemand dort abgestellt hat. „Viele rufen auch an und erzählen, dass sie schöne alte Exemplare haben, die sie nicht wegwerfen möchten.“ Die alten sind ja auch fast immer hochwertig verarbeitet, erzählt Wodicka, „so etwas findet man heute nur schwer. Und das muss man sich mal vorstellen: Sonst werden die weggeschmissen!“

Die recycleten Möbel kommen an: Unikate, nach den eigenen Wünschen zusammengestellt, und bezahlbar sind sie auch. Eine Schublade zum Aufhängen kostet um die 100 Euro, eine ganze Kommode ungefähr 400. „Viele haben die Ikea-Möbel einfach satt.“

Aus Alt Neu zu machen – die Idee ist uralt. Besonders dann, wenn Material knapp ist, zeigen sich die Menschen erfinderisch, Ausrangiertes umzufunktionieren und so weiterzuverwenden. In armen Ländern kann man oft staunen, wie findig Menschen sich zu helfen wissen. Aber seit auch in der sogenannten Ersten Welt die Zeiten der Verschwendung vorbei sind, Ressourcen knapp werden und Material somit teurer, haben die Menschen begonnen, sich über den Müll, den sie produzieren, Gedanken zu machen – und zwischen wertlos und wiederverwertbar zu unterscheiden.

Den Wert von alten Dingen wieder schätzen zu lernen, dazu möchte auch Barbara Caveng etwas beisteuern. Die Künstlerin hat sich auf den Berliner Straßen auf Spurensuche begeben und gemerkt: Man findet dort alles, was man zum Wohnen braucht. Mit dem Projekt A.R.M. – All recyclet materials – hat sie schon vor drei Jahren auf den Überfluss in der Gesellschaft aufmerksam machen und gleichzeitig vor der größer werdenden Armut warnen wollen: Eine Zwei-Zimmerwohnung hat sie damals allein mit gefundenem Material eingerichtet. Wenn sie etwas sieht, versucht sie gleich das zweite Sein in einem Möbelstück zu entdecken: Was kann man aus einem verbeulten Kleiderständer machen, was aus einem kaputten Sofakissen? Von Ersterem benutzte Barbara Caveng Stange und Rollen für einen kleinen Nachttisch mit Lampe, aus den Federn der alten Sofakissen entstand eine Garderobe, die in ihrem Wohnungsflur hängt.

Die Dinge zu finden, ist nicht schwer: in Containern oder einfach am Straßenrand. „Wichtig ist“, so die 44-Jährige, „man darf keinen Ekel empfinden.“ Der Moment der Überraschung macht das Wühlen im Müll erträglich: Wenn man Dinge finde und merke, dass sie zusammenpassen, sei das ein wahres Erfolgserlebnis.

Die gebürtige Schweizerin sitzt in ihrer Wohnung in Neukölln, ihre orange gefärbten Haare sind ein bisschen zerzaust. Neben ihr auf dem Boden liegt ein Regenschirm: Das Schirmdach ist aus Aldi-, Lidl- und Penny-Tüten zusammengeklebt. „Jeder erkennt sofort, woraus der Schirm gemacht ist“, jeder kann es nachmachen. Darum geht es der Künstlerin auch: Die Leute zum Nachdenken anzuregen, dass sie ihren Müll mit anderen Augen sehen – und bestenfalls selber das ein oder andere umfunktionieren.

„Upgrade-Gesellschaft“ nennt Jörg Jelden vom Hamburger Trendbüro die neue Welle der recycleten Möbel. Nach der Wegwerfgesellschaft der 80er und 90er Jahre gibt es heute einen neuen Umgang mit Besitz: Man leistet sich wieder Hochwertiges, und wenn man etwas nicht mehr braucht, gibt man es weiter. Neu ist nicht mehr wichtig – Geschichte und Einzigartigkeit von gebrauchten Möbeln steigern den Wert.

Petra Schultz kommt das zugute. Zusammen mit ihrer Freundin Karin Yilmaz-Egger stellt sie unter dem Namen „rafinesse & tristesse“ Hocker und Kinderküchen her. Im Moment wissen die beiden gar nicht, wie sie die Aufträge alle bewältigen sollen. Ihr Arbeitsmaterial ist Blech, besser gesagt: alte Dosen. Dosen, wie sie nur in Großküchen in den Regalen stehen, auf denen rote Tomaten oder schwarze Oliven leuchten. Im hinteren Teil des „Kreuzbergankers“, eines Ladens von Freunden, haben sich die beiden eine Werkstatt eingerichtet.

Petra Schultz kommt aus dem kleinen Badezimmer und zuppelt sich die gelben Gummihandschuhe von den Fingern. In der Dusche stehen drei große Dosen, noch tropfend. „Es ist nicht so einfach, die Dinger sauber zu kriegen.“ Das ist Arbeitsschritt Nummer eins und nicht der beliebteste. Danach werden die Dosen weiterbearbeitet, bekommen eine Metallplatte als Deckel, die mit Silikon versiegelt wird. Dann wird mit Tacker, Holzplatte und Schaumstoff ein kleines Sitzpolster draufgespannt, runde Polsternägel kommen in die Zierleiste und fertig ist der Hocker. Das Polstern erfordert ein paar Tricks. Zum Beispiel, um die Kante faltenfrei fest- zutackern – das musste die 31-Jährige sich erst mal bei einem Polsterer im Viertel abgucken. Auch die Herde und Spülen für Kinder werden aus alten Dosen gebaut. Die Filmemacherin zeigt, wie man die Ofenklappe öffnet, an festgeschraubten Deckeln dreht und kleine Tomatenmarkdosen als Töpfe benutzt. „Wir verwerten alles, was uns über den Weg läuft.“

Die Dosen bekommt Petra Schultz inzwischen von türkischen Supermärkten und Lieferanten aus Kreuzberg. Alle paar Wochen fährt sie ihre Runde und sammelt alles ein. „Ich habe aber auch schon mal in Mülltonnen gewühlt, um an Dosen zu kommen“, sagt Schultz und lacht. Die Zuneigung zu Ausrangiertem war schon immer da. Oft belächelt von Freunden, motzte sie lieber alte Möbel von ihrer Großmutter auf, als sich ihre Wohnung mit Neuem einzurichten.

Im vergangenen Sommer haben die beiden Freundinnen damit begonnen, das Blech zu bearbeiten und mit den Ergebnissen eine Ausstellung im Laden ihrer Freunde organisiert. Danach ging alles ganz schnell: Die Einladung zur Design-Ausstellung nach Tokio im Herbst und ein Stand auf der „Ambiente“ in Frankfurt. Seit der Messe kamen so viele Anfragen, dass die Dosen jetzt in der Blindenwerkstatt in Kreuzberg gewaschen und zu Hockern verarbeitet werden.

Ideen für weitere Dosen-Stücke gibt es schon. Aus runden Dosen aus Portugal möchte Petra Schultz gerne Kindertische machen sowie Lampen, aufgerollte Dosen sollen als Magnetwände dienen. Ideen, sagt Schultz, seien nicht das Problem. Aber der Aufwand ist groß. Ein bisschen skeptisch ist die Möbelmacherin noch immer, ob die Kunden auch langfristig bereit sind, für die Handarbeit zu zahlen. Wenn man den Klimaberichten Glauben schenkt, wird die Recycle-Kunst mehr als ein kurzfristiger Trend sein.

SchubLaden, Böckhstraße 46, Kreuzberg, Tel. 616 51149, www.schubladen.de

Barbara Caweng: www.a-r-m.net

www.rafinesse-tristesse.com; Hocker für circa 75 Euro bei Kreuzberganker, Kreuzbergstr. 31; Exil-Wohnmagazin, Yorckstr. 25.

www.makeatuvida.net

www.redesigndesign.org

Duncan McCorquodale: „Recycle.The Essential Guide“ (Black Dog Publishing)

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